Rems-Murr-Kreis

Der Mega-Hotspot: Corona-Desaster mit Ansage in unserem Partner-Landkreis Meißen

Partnerschaftsreise des Rems Murr kreis zum Landkreis meissen
Blick auf Meißen, Hauptstadt des Rems-Murr-Partnerlandkreises. © winterling

Impfquote lausig, Inzidenz verheerend: Das Corona-Infektionsgeschehen ist in unserem Partner-Landkreis Meißen/Sachsen erneut völlig außer Kontrolle geraten, wie schon im Winter 2020/21. Die Frage, woran es liegt, lässt sich diesmal allerdings viel leichter beantworten als damals.

Rückblende: Arbeiter in Krematorien an der "Kotzgrenze"

Im Herbst 2020 begann sich Meißen zu Deutschlands Hotspot Nummer eins zu entwickeln. Die Inzidenz – Ansteckungen pro 100 000 Einwohner binnen sieben Tagen – raste von Mitte Oktober bis Mitte November von 40 auf 200 und erreichte am 9. Januar den Rekordwert von 558. Der Chef der Meißener Verbrennungsanlage schlug Alarm: „Alle sächsischen Krematorien“ seien bis zur „Kotzgrenze“ überlastet, man schufte „im Vier-Schicht-Betrieb rund um die Uhr“.

Über die Ursachen wurde kontrovers diskutiert. „Die AfD ist der parlamentarische Arm der Maskenverweigerer“, rügte der sächsische SPD-Politiker Martin Dulig; in Regionen, wo die Partei besonders stark sei, müsse man sich „förmlich entschuldigen“, wenn man Mund und Nase bedecke. Andere wiesen auf die Nähe zu Brennpunkten in Tschechien und Bayern hin. Wieder andere sinnierten: In der ersten Welle sei Sachsen glimpflich davongekommen und habe sich deshalb wohl zu lange in Sicherheit gewiegt.

Inzidenz vierstellig: Meißen erneut bundesweiter Brennpunkt

Und heute? Wieder kulminiert die deutsche Krise in Meißen – Inzidenz: 1298. Schlimmer ist es nur im benachbarten Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge: 1362.

Während der Rems-Murr-Kreis seit Beginn der Pandemie 94 Corona-Tote pro 100.000 Einwohner zu beklagen hat, sind es in Meißen 269. Die Schere wird im Dezember und Januar, wenn die derzeit exorbitanten Infektionszahlen zeitversetzt zu vielen schweren Krankheitsverläufen führen, noch weiter aufklaffen. Das Elend von vor einem Jahr droht sich zu wiederholen. Und diesmal ist klar, woran es liegt: Meißen taumelt einem Desaster mit Ansage entgegen.

Aktuelle Impfquote in Sachsen: 57,5 Prozent; der mit Abstand niedrigste Wert in Deutschland. Dass umgekehrt die Inzidenz im Freistaat mit 759 bundesweit einzigartig hoch ist, verwundert nicht im Mindesten.

An Warnungen hat es nicht gefehlt - sie verhallten

Schon im Juni ergab eine Studie der TU Dresden, dass sich 12 Prozent der Sachsen auf keinen Fall impfen lassen wollten; republikweit waren es nicht mal 5 Prozent. Die Forscher wiesen auf eine statistische Auffälligkeit hin: „In den Regionen Sachsens mit höheren AfD-Anteilen ist auch die Impfskepsis verbreiteter.“

Anfang September häuften sich die mahnenden Stimmen. Marco Wanderwitz zum Beispiel, Ostbeauftragter der Bundesregierung, warnte: Bald werde das Infektionsgeschehen entgleisen, weil in manchen Gegenden der östlichen Bundesländer „die Zahl derjenigen groß ist, die die Schutzmaßnahmen verweigern“.

Wanderwitz erntete blanke Wut. Der AfD-Bundestagsabgeordnete Leif-Erik Holm, Mecklenburg-Vorpommern, schimpfte: Geimpfte gegen Ungeimpfte auszuspielen sei „eines Mitglieds der Bundesregierung absolut unwürdig“, die Ostdeutschen „reagieren allergisch darauf, wenn der Staat übergriffig wird“. Und der thüringische AfD-Star Björn Höcke verklärte Impfverweigerer quasi zu Helden der Marke Wilhelm Tell: Im Osten, lobte er, leben eben „freiheitsliebende Menschen, die von Bevormundung ein für alle Mal die Nase gestrichen voll haben“.

Die AfD und das enthemmte Infektionsgeschehen

Die AfD-Bundestagsabgeordnete aus Meißen heißt Barbara Lenk. Im September ergatterte sie das Direktmandat mit 31 Prozent der Erststimmen. Bei den Zweitstimmen hängte die AfD mit 29,8 Prozent die CDU (17,6) gnadenlos weit ab. Eben jene Barbara Lenk aber setzte dann Ende Oktober bei der konstituierenden Sitzung des neuen Bundestags ein öffentlichkeitswirksames Zeichen: In ihrer 82 Leute zählenden Fraktion gehörte sie zu der selbst für AfD-Verhältnisse besonders radikalen 22-köpfigen Minderheit, die sich weigerte, der 3G-Regel zu folgen. Lenk & Co. mussten deshalb auf die Tribüne verbannt werden.

Hat diese Partei im Osten eine potenziell impfwillige Bevölkerung kirre gemacht – oder nur das sowieso bereits reich vorhandene Staatsmisstrauen stimmenfängerisch genutzt? Eine müßige Frage. Klar ist: Ablehnung von Schutzmaßnahmen, hohe Zustimmungswerte für die AfD und rasende Inzidenz – das geht in Meißen Hand in Hand.

Selbst derzeit sorgen sich dort offenbar immer noch viele Leute nicht wegen des Virus, sondern wegen womöglich drohender Nadelstiche. Die Diakonie Meißen sah sich unlängst genötigt, im Internet klarzustellen: „Entgegen anders lautenden Gerüchten in den sozialen Medien“ werde niemand wegen fehlender Piksbereitschaft entlassen, „alle Impfungen gegen Corona sind in der Diakonie Meißen FREIWILLIG.“

Was "dramatisch" ist - und was "noch dramatischer"

Die Situation sei „dramatisch“, erklärte Anfang November der Meißener Landrat Ralf Hänsel, und das liege „eindeutig daran, dass wir zu wenig geimpft sind“. Er beobachte, dass „gerade in Pflegeheimen“ die Beschäftigten nur „vielleicht zu 50 oder zu 60 Prozent bereit oder willens“ seien, „sich impfen zu lassen“.

Aber „noch dramatischer“ sei etwas anderes: Dieses „nicht impfwillige“ Pflegepersonal trichtere seine Meinung auch den Patienten und ihren Angehörigen ein – die Kreisverwaltung müsse deshalb „vermehrt feststellen“, dass in Altenheimen „Bewohner sich weigern, die Booster-Impfung durchführen zu lassen“.

Impfquote lausig, Inzidenz verheerend: Das Corona-Infektionsgeschehen ist in unserem Partner-Landkreis Meißen/Sachsen erneut völlig außer Kontrolle geraten, wie schon im Winter 2020/21. Die Frage, woran es liegt, lässt sich diesmal allerdings viel leichter beantworten als damals.

Rückblende: Arbeiter in Krematorien an der "Kotzgrenze"

Im Herbst 2020 begann sich Meißen zu Deutschlands Hotspot Nummer eins zu entwickeln. Die Inzidenz – Ansteckungen pro 100 000 Einwohner binnen

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