Rems-Murr-Kreis

Der Schild-Nopper-Steg: Neuer Radweg entpuppt als Sackgasse

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Hier endet der Radweg über die neue Neckarbrücke aus dem Remstal. © Winterling

Die gute Nachricht aus Radler-Sicht ist: Stuttgart hat wieder eine Radfahrerbrücke über den Neckar.

Die schlechte Nachricht: Der Steg ist eine Sackgasse und endet auf der berühmt-berüchtigten „Schiebestrecke“.

Doch der Reihe nach. Stuttgart hat seit jeher ein Problem mit Radfahrern aus oder in Richtung Remstal. Die Stadt weiß nicht so recht, ob sie Radler aus Waiblingen, Fellbach oder Weinstadt willkommen heißen soll oder nicht. Zumindest macht sie ihnen der Weg nach Stuttgart nicht leicht. So endet in Bad Cannstatt der Radweg unvermittelt kurz vor dem Wilhelmplatz. Die Pedaleure sollen bitteschön schauen, wie und wo sie sich zum Neckar durchschlagen.

Doch schon der Radweg entlang der viel befahrenen Waiblinger und Nürnbergerstraße bis Fellbach ist ein doppeltes Ärgernis. Für Autofahrer, weil sich dort kaum Radler blicken lassen. Und für Radfahrer, weil sie lieber Umwege durch die Wohngebiete in Kauf nehmen, als sich die Abgase entlang der ehemaligen Bundesstraße anzutun. Insofern ist es aus Stuttgarter Sicht nur konsequent unsinnig, den künftigen Radschnellweg erneut entlang dieser viel befahrenen Straßen planen zu wollen.

Nadelöhr auf dem Weg nach Stuttgart: Die Neckarquerung

Das größte Ärgernis auf dem Weg nach Stuttgart ist freilich die Neckarquerung. Schon vor Jahren ist der sogenannte „Elefantensteg“ den Bauarbeiten für Stuttgart 21 zum Opfer gefallen. Zwei Brücken führten die Wilhelma-Besucher vom Cannstatter Bahnhof oder den Parkplätzen auf dem Wasen zum Zoo - und waren ganz nebenbei eine hervorragende Strecke für Radfahrer in den Park. Beide Brücken wurden ersatzlos abgerissen. Seither wird der Radverkehr provisorisch über die König-Karls-Brücke geführt. Dieser Radweg ist gefährlich eng und schlängelt sich am Leuze vorbei in den Park. Mehr als 5000 Radler benutzen in der wärmeren Jahreszeit diese Strecke, wie eine Messstelle ausweist. Eine sinnvolle Alternative gibt es keine - bisher.

Umso größer war die Freude, als dieser Tage der Stuttgarter Oberbürgermeister Frank Nopper eine neue Brücke eröffnete: „Radfahrer und Fußgänger haben weit mehr Entfaltungsmöglichkeiten als bisher.“ Unter der neuen S-21-Bahnbrücke hängt nämlich ein 170 Meter langer und 4,5 Meter breiter Fuß- und Radfahrersteg. Die Brücke stelle „einen Fortschritt für das Radwegenetz in der Landeshauptstadt dar“, hieß es in der Pressemitteilung. Er bilde den ersten Abschnitt einer neuen attraktiven Verbindung zwischen Bad Cannstatt und dem Rosensteinpark ...

Leider hatte der freudig erregte Autor die Lektüre der Mitteilung an dieser Stelle abgebrochen und fahrlässig den Warnhinweis am Ende derselben übersehen. Denn als er den „Fortschritt für das Radwegenetz in der Landeshauptstadt“ auf eine praktische Probe stellte, ärgerte er sich einmal mehr über die Ignoranz der Verkehrsplaner, denen das Fahrrad als alltägliches Verkehrsmittel offenbar so fremd ist wie die Links-vor-rechts-Vorfahrtsregel auf dem Mars.

Eigentlich hätten den Autor bei der Probefahrt schon die grünen Schilder am Neckartalradweg stutzig machen müssen: Auf dem Schild, das zum Steg zeigte, stand: „Wilhelma 0,45“. Ein weiteres Schild wies jedoch nach „S-Zentrum 2,5“ - just in die Richtung, aus der er gekommen war. Frisch gewagt ist halb gewonnen. Und wer denkt bei Stuttgart an Schilda und einen gleichnamigen Schildbürgerstreich? Bis zur Wilhelma lief’s prima, der neue Steg ist klasse - sieht man von der gefühlten Ewigkeit ab, die Fußgänger und Radfahrer an der B-10-Ampel in den atemberaubend stinkenden Abgasen auf Grün warten müssen.

Ist diese Hürde schließlich überwunden und steht der Radfahrer vor der Wilhelma, wird’s knifflig: Wenn er von dort den direkten Weg in Richtung Park einschlägt, landet er im Baustellenwirrwarr in der Sackgasse. Verblüfft steht er vor einem rot umrandeten Warnschild, das es in keiner Straßenverkehrsordnung der Welt gibt - außer in der Stuttgarter: „Schiebestrecke“.

Und raten Sie einmal, wie viele Radfahrer dieses Schild ernst nehmen?

Es sind nicht viele, die bereit sind, ihr Rädle einige Hundert Meter bergauf zu schieben - und noch viel weniger bergab.

Die Neckarquerung ist und bleibt trotz der neuen Brücke also das Nadelöhr für den Radverkehr aus und in Richtung Remstal. Sein Herz fürs Remstal im Allgemeinen und Remstäler Radler im Besonderen muss der ehemalige Schultes der Murrmetropole Backnang wohl erst noch entdecken. Vorläufig entpuppt sich die neue, mit viel Pomp vom Oberbürgermeister höchstselbst eingeweihte Neckarbrücke als ein Schild-Nopper-Steg.

Ja, und wie fährt man nun am besten nach Stuttgart? „Für Radfahrer, die in Richtung Innenstadt unterwegs sind, bietet sich vorerst die Nutzung der Hauptradroute 1 über die König-Karls-Brücke an“, informiert die Landeshauptstadt. „In wenigen Jahren soll es für den Radverkehr dann – in Verlängerung des neuen Stegs über die Neckartalstraße – entlang der SSB-Gleise in Richtung Innenstadt weitergehen.“

Die Hoffnung stirbt zuletzt. Und Frank Nopper hat ja noch fast acht Jahre Zeit, um Radfahrern aus seinem heimatlichen Rems-Murr-Kreis den Weg nach Stuttgart zu erleichtern.

Die gute Nachricht aus Radler-Sicht ist: Stuttgart hat wieder eine Radfahrerbrücke über den Neckar.

Die schlechte Nachricht: Der Steg ist eine Sackgasse und endet auf der berühmt-berüchtigten „Schiebestrecke“.

Doch der Reihe nach. Stuttgart hat seit jeher ein Problem mit Radfahrern aus oder in Richtung Remstal. Die Stadt weiß nicht so recht, ob sie Radler aus Waiblingen, Fellbach oder Weinstadt willkommen heißen soll oder nicht. Zumindest macht sie ihnen der Weg nach Stuttgart

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