Rems-Murr-Kreis

Der Waiblinger Verpacker Syntegon bringt die Ritter Sport ins Papier: Umweltschutz von seiner Schokoladenseite

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Raus aus der Folie, rein ins Papier: Wenn's dann mal wirklich so weit ist, macht Schokoladeessen noch mehr Freude. © Gabriel Habermann

Ganz früher war die süße Versuchung in knisterndes Alu gewickelt und mit einer Banderole geschmückt. Dann hüllte sich die Schokolade in schnöde Plastikfolie. Und jetzt? Wie sieht die Schokoladenzukunft aus? Kann die leckere Kalorienbombe womöglich zum Liebling von Umweltaktivisten werden?

Syntegon, der Waiblinger Verpackungsmaschinenprofi, einst zu Bosch zugehörig, seit 2020 eigenständig, jubelt: Kunden wünschen eine „nachhaltige Produktion“ – es gehe um Recyclingfähigkeit und den ökologischen Fußabdruck. Und Syntegon macht’s möglich. Beim langjährigen Kunden Ritter Sport – jener Schokoladenfirma aus Waldenbuch, die aufs Quadrat setzt – landen bunte Mini-Täfelchen jetzt in Papier.

Noch ist’s nur die Umverpackung – doch mehr Papier ist versprochen

Schokoladensüße Umweltrettung made in Waiblingen? Das ist noch ein bisschen übertrieben. Bislang geht’s hier nur um die Verpackung rund um die Verpackungen. Um den Papierbeutel, der die nach wie vor in Kunststoff gehüllten Schokoladentäfelchen zusammenhält. „Sekundärverpackung“ sagt der Fachmann dazu. Aber, sagt der am Neuverpackungsprozess mitbeteiligte Papierhersteller Köhler, der seinen Sitz im baden-württembergischen Oberkirch hat: Schon das sei zwar ein erster, aber guter und logischer Schritt in die richtige Richtung. Schließlich sei die Umverpackung eine ordentlich große Menge an Material.

Und: Auch wenn’s noch ein bisschen dauern wird - die Schokolade werde sich bald vollkommen in Papier betten. Die Forschung sei dran. Bald kann jedes Schoki-Papier direkt in die Papiertonne, wird dann aufgeweicht und wieder zur Papier. Ein Kreislauf. Fast verlustlos. Umweltfreundlich. Mitte bis Ende des Jahres, schätzt Produktmanager Alexander Rauer, dürfte es so weit sein. Die Schokoladenhersteller könnten dann umstellen.

Die ersten Tafeln in Papier schafften es bis in die Tagesschau

Ah, sagt Petra Fix von Ritter Sport und zuständig für die Nachhaltigkeit, so schnell wird’s wohl doch nicht gehen. Ritter Sport peilt 2025 an, um dann Schritt für Schritt alle Verpackungen auf Papier umzustellen. Warum die lange Wartezeit? Schokolade sei halt nicht immer gleich, sagt Petra Fix. Der erste Papiertest, der schon im Januar 2020 lief, war mit einer reinen Kakao-Schokolade. Die sei außen ganz glatt und habe keine Füllung. 500 Tafeln gab’s damals davon, die unter interessierten Verbrauchern verlost wurden, die die Ritter-Sport-Social-Media-Kanäle verfolgten. Der Test war erfolgreich. Sowohl was das Papier anging als auch, was an Echo zurückkam. Die Schoki im Papier schaffte es bis in die Tagesschau.

Schwieriger werde es, sagt Petra Fix, mit Sorten, die zum Beispiel gefüllt sind. Etwa die Cornflakes-Tafel. Die hat Knusperkanten. Das ist gefährlich fürs Papier. Oder die Sorte Rum-Traube-Nuss. Da kann Feuchtigkeit durchdringen.

Schokolade ist ein individualistisches Sensibelchen: Vollmilchschokolade ist weich und schmilzt viel früher als Bitterschokolade. Weiße Schokolade oder Nussschokolade scheuen den Kontakt mit Sauerstoff. Und Schokolade ist fettig – wie so ein Fettfleck aussieht, weiß jeder. Unattraktiv.

Da braucht’s noch einige Tests. Genauso wie bei der Frage, wie haltbar Schokolade im Papier sei. Wenn die Mindesthaltbarkeit zwischen neun und zwölf Monaten liegt, „und wir müssen die Tests zweimal machen, dann sind gleich zwei Jahre rum“.

Das, in was die Schokolade eingepackt wird, heißt „flexibles Verpackungspapier“. Doch egal, dass da noch dieses Adjektiv dranhängt: Papier stellt die Verpacker vor ordentliche Herausforderungen. Zumal in der Schokoladenindustrie nicht liebevollst von Hand umwickelt wird, genauso wenig, wie in der Schokomasse gerührt – auch wenn das manche Werbung suggeriert.

Papier ist eine Herausforderung – in allen Bereichen

Grundsätzlich, heißt es von Syntegon, müsse Papier schonender behandelt werden als Kunststofffolie. Es sei steifer und nicht so robust. Es könne knittern und reißen. Und es läuft durch Hochgeschwindigkeits-Verpackungsmaschinen. Zurzeit entstehen 60 Papierstandbeutel pro Minute, jede Sekunde einer also. Bei den sogenannten „Kissenbeuteln“ – sie sehen so aus, wie sie heißen und liegen daher auch – gehen sogar 100 Stück pro Minute.

Das Schokoladenpapier ist kein reines Papier. Genauso wenig wie zum Beispiel die gedruckte Zeitung. Auch bei der Zeitung wird beim Recyclen die Papierfaser vom Zweitbestandteil, der Druckfarbe, getrennt. Bei den neuen Schokoladenpapieren kommt auf das Papier eine ganz dünne Schicht Polymerdispersion, sagt Alexander Rauer vom Papierhersteller Köhler. Die Polymerdispersion – in der Natur ist solch ein Stoff beim Gummibaum und seinem Latexsaft zu finden – ist wasserlöslich. Die Papierverpackung kann also in die Papiertonne und recycelt werden, die Dispersion wird ausgespült.

Diese Lösung, sagt Rauer, sei besser als das Wachspapier, das früher benutzt wurde, um Lebensmittel einzupacken. Denn das Wachs klebe an den Papierfasern und könne nicht davon gelöst werden. Recycling unmöglich.

300 Millionen für eine Maschine: Damit wird sicher eine lange Zeit produziert

Köhler tummelt sich seit rund drei Jahren auf dem Markt der flexiblen Verpackungspapiere. Das ist noch echtes Neuland. 300 Millionen hat man in eine Papiermaschine gesteckt. Die Summe weist darauf hin, dass das nachhaltige Produkt auch nachhaltig lange produziert werden und nicht in den nächsten drei Jahren durch die nächste Kunststofffolie ersetzt werden soll.

Die Nachfrage nach solchen Verpackungspapieren sei weltweit sehr groß. Und was die Kunden kriegen, gefällt ihnen wohl. Die Papiertüten, in die Ritter Sport die Minis dank Syntegon packt, kommen gut an. Es habe, spekuliert man, was von Geschenkpapier-Aufreißen. Und wer macht das nicht gern?

Ganz früher war die süße Versuchung in knisterndes Alu gewickelt und mit einer Banderole geschmückt. Dann hüllte sich die Schokolade in schnöde Plastikfolie. Und jetzt? Wie sieht die Schokoladenzukunft aus? Kann die leckere Kalorienbombe womöglich zum Liebling von Umweltaktivisten werden?

Syntegon, der Waiblinger Verpackungsmaschinenprofi, einst zu Bosch zugehörig, seit 2020 eigenständig, jubelt: Kunden wünschen eine „nachhaltige Produktion“ – es gehe um Recyclingfähigkeit und den

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