Rems-Murr-Kreis

Deutscher mit schwarzem Stempel: Der Schorndorfer Ringer Jello Krahmer über Rassismus

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Bei den Bundesligaringern des ASV Schorndorf ist Jello Krahmer Publikumsliebling, im Verein geht es familiär zu. Doch im Alltag fühlt sich Krahmer als Deutscher zweiter Klasse. © Ralph Steinemann

Am 13. Juli 2014 bekam Jello Krahmer ein für alle Mal klargemacht, dass er nicht dazugehört. In Brasilien wurden die deutschen Fußballer Weltmeister, und in Schorndorf jubelte der 18-Jährige beim Public Viewing so ausgelassen wie alle anderen. Damit handelte er sich eine Frage ein, die ihm einen brutalen Stich versetzte: „Warum freust DU dich so?“ Denn die Umstehenden, Fremde und sogar Leute aus dem Bekanntenkreis, sahen keinen jungen Deutschen im Nationaltrikot, sondern wieder mal nur: einen schwarzen Mann.

Das Thema Rassismus begleitet den heute 24-Jährigen sein ganzes Leben, doch dieses Erlebnis schmerzt nach wie vor besonders. Weil es zeigte, dass man den Stempel, ein Deutscher zweiter Klasse zu sein, niemals loswird.

Dabei ist Jello Krahmer die Inkarnation eines Bilderbuchdeutschen: geboren und aufgewachsen in Deutschland, mit seiner geschliffenen Sprache den meisten Landsleuten überlegen, Abitur, Studium, Sportfördergruppe der Bundeswehr, Bundesligaringer beim Heimatverein ASV Schorndorf und Bronzemedaillengewinner bei der EM im Schwergewicht 2020. Und ein netter Kerl ist er auch noch. Doch da gibt es eben diesen ewigen Makel, die dunkle Hautfarbe. Jello Krahmer ist der Sohn einer Deutschen und eines Nigerianers.

Demos gegen Rassismus sind gut, aber es muss sich auch was ändern

Dass es wegen des durch Polizeigewalt zu Tode gekommenen Afroamerikaners George Floyd gerade in zahlreichen Ländern Demos gegen Rassismus gibt, findet der Athlet des ASV Schorndorf selbstverständlich richtig und wichtig. Doch als Konsequenz müsse sich nun endlich etwas ändern, auch in Deutschland.

Krahmer glaubt zwar nicht, dass er die komplette Gleichbehandlung aller Menschen noch erleben wird. Doch er könne seinen zumindest geringen Bekanntheitsgrad nutzen, um auf das Thema aufmerksam zu machen. Das Reden über seine in der Schule, auf der Straße und – immer wieder – mit der Polizei gemachten negativen Erfahrungen „ist für mich eine Herzensangelegenheit“.

Abgestempelt: An Rassismus gewöhnt man sich nicht

Wo fängt Rassismus an? „Wenn man aufgrund seiner Hautfarbe, seiner religiösen Überzeugung, Sprache oder auch sexuellen Ausrichtung anders behandelt wird“, definiert Jello Krahmer. Sich ein dickes Fell zuzulegen und auf Durchzug zu schalten, klappt nicht, so Krahmers Erfahrung.

Seine imposante Erscheinung – ein Muskelgebirge mit dem Kampfgewicht von 125 Kilogramm bei 1,92 Metern Körpergröße – bewirkt nur, dass Leute mit Ressentiments beim persönlichen Kontakt eher aufpassen, was sie sagen. Ansonsten ist Rassismus bitterer Alltag.

"Du sprichst aber gut deutsch!"

„Ältere Damen“, die ihre Handtaschen fest an sich drücken, wenn Krahmer den Raum betritt, böse Blicke in Gaststätten, Menschen, die wegen ihm die Straßenseite wechseln. Und welche, die gönnerhaft sagen: „Du bist ja nicht so einer, aber eigentlich kann ich die und die nicht leiden.“ Oder bescheinigen: „Du sprichst aber gut deutsch.“

Erst kürzlich habe es wieder mal einen Vorfall gegeben. „Ich habe am Ulrich-Schatz-Sportzentrum in Schorndorf trainiert, das gleich neben dem Flüchtlingsheim liegt. Es war megaheiß, und da bin ich mit freiem Oberkörper zum Parkplatz gelaufen. Da kamen ein paar ältere Herrschaften vorbei und eine Frau auf dem E-Bike hat gesagt: ,Schaut euch den Kerle an. Kommt von da drüben und denkt wahrscheinlich, er ist noch in seiner Heimat!‘“

Natürlich hat der 24-Jährige auch sehr viel Positives erlebt und erhebt keinen Generalverdacht. Nicht umsonst seien die Demos gegen Rassismus gut besucht. „Es gibt eine große Menge an Menschen, die die Meinung teilen.“ Dennoch aber könnte Krahmer mit seinen Negativgeschichten ein Buch füllen. Und sehr viele mit anderem Migrationshintergrund, türkischem, russischem, albanischem und so weiter, hätten ganz ähnliche Erfahrungen gemacht wie er. Und zwar von Kindesbeinen an.

Gedemütigt: Kindheit, Schule und Studium des dunkelhäutigen Deutschen

Bis zur Grundschule lebte Krahmer mit seiner damals alleinerziehenden Mutter in Stuttgart-Wangen, danach wuchs er in Lorch auf, wo er heute noch wohnt. Wenn man klein sei, könne man noch nicht richtig reflektieren, sagt Krahmer. Dennoch erinnert er sich mit Schaudern an einen Vorfall, „da war ich noch nicht im Grundschulalter“. Auf einem Parkplatz sei er unterwegs gewesen zum Auto. „Und da hat ein Mann zu mir gesagt: ,Klau’ nix!‘“.

Mit der Grundschule verbindet Jello Krahmer keine negativen Erinnerungen. Wohl aber mit der Zeit am Gymnasium in Lorch. Einmal, er sei so 14, 15 gewesen, habe ein Lehrer die Klasse gefragt, wer jetzt die Tafel wischen müsse. „Da hat ein Mitschüler gemeint: ,Der Schwarze muss die Tafel putzen!‘“ Daraufhin habe er, Krahmer, sich mit unfreundlichen Worten gewehrt. Und der Lehrer? Habe ihn nicht unterstützt, sondern im Gegenteil zornig gesagt: „Jello, putz’ die Tafel!“ Was der dann auch tat, gedemütigt den Blicken der Mitschüler ausgeliefert.

Angehende Akademiker als Rassisten

Man sollte meinen, an der Hochschule in Aalen habe sich die Lage verbessert, zumal in einem Studiengang wie „International Sales Management and Technology“. Doch weit gefehlt. Bei der ersten Vorlesung im Oktober 2015 sei der Raum brechend voll gewesen, so Krahmer. Sogar im Gang hätten Leute gesessen. „Aber neben mir war noch ein Stuhl frei. Und kein Mensch wollte sich neben mich setzen.“ Dann habe sogar der Professor auf den freien Platz hingewiesen. Und was machte ein Kommilitone? „Er hat den Stuhl geholt und sich woanders hingesetzt.“ Weg vom Schwarzen.

Krahmer war geschockt. Bis dahin habe er immer gedacht, Rassismus betreffe eher bildungsferne Schichten, „die von der Bild-zeitung und Schundblättern aufgehetzt sind“. Nun von angehenden Akademikern geschnitten zu werden „war schon krass“. In den folgenden paar Tagen an der Hochschule hatte Krahmer wenig Kontakt zu anderen.

Dann schloss er Freundschaft zu einem Studierenden mit kurdischer Abstammung. Dass Leute mit Migrationshintergrund zusammenhalten, sei aufgrund ähnlicher Erfahrungen normal, sagt Krahmer. In seinem Freundeskreis seien nur drei „Wurzeldeutsche“, der Rest setze sich aus Leuten verschiedener Herkunft zusammen. Und ob von denen jemand das R ein bisschen mehr rolle oder schärfer esse, „ist völlig gleichgültig“.

Kontrolliert: Dauerärger mit der Polizei

Über einen Kamm scheren will Jello Krahmer Polizisten nicht. Sicherlich gebe es viele anständige. Doch seine persönlichen Erfahrungen sind nun mal überwiegend negativ. Er habe sich noch nie etwas zuschulden kommen lassen und ein einwandfreies Führungszeugnis.

Doch ständig werde er kontrolliert. „Ich muss rechts rausfahren, den Kofferraum aufmachen, und die Polizisten leuchten alles mit der Taschenlampe durch. Und die Leute, die einfach durchgewunken werden, sind immer die, die wurzeldeutsch aussehen.“

Krahmer nennt ein Beispiel. Früher fuhr der Ringer ein Auto von „Inspiration Sport“, einer Initiative zur Spitzensport-Förderung. Auf dem Wagen „war sechsmal mein Foto drauf“. Und trotzdem habe ein Beamter Führerschein und Fahrzeugpapiere sehen wollen. „Und dann hat er mich gefragt, ob ich Marihuana konsumieren würde. Ich hab’ gesagt: ,Nein.‘ Dann hat er gesagt: ,Sie wissen doch sicher, was soundsoviel Gramm kosten. So wie Sie aussehen.‘“ Fünf Minuten nach diesem Vorfall, so Krahmer, sei seine damalige Freundin vorbeigekommen. Blond, blauäugig, deutsch – und durchgewunken.

Routine oder Rassismus? Der Dunkelhäutige wird rausgewunken

Jello Krahmer sagt, er habe schon des Öfteren Polizisten gefragt, ob er wegen seiner Hautfarbe kontrolliert werde. Die Antwort sei stets, es handle sich nur um Routine. Eine Routine aber, die der 24-Jährige auch aus anderen Bereichen kennt: als Einziger kontrolliert im Zug, in einem Geschäft vom Sicherheitsmann verfolgt.

Seine Erlebnisse hielten Krahmer davon ab, sich für die Sportfördergruppe der Polizei zu bewerben. Lieber ging er zur Bundeswehr. Den Medienberichten über Rassismusvorwürfe zum Trotz hat der Ringer nur gute Erfahrungen gemacht: „Die Vorgesetzten sagen, Rassismus hat bei uns keinen Platz, hier sind alle gleich. Und sollte etwas passieren, soll man es sofort melden.“

Rassismus hat das Leben des Ringers des ASV Schorndorf geprägt

Ressentiments seien inzwischen salonfähig geworden, sagt Jello Krahmer. Durch die AfD habe der Rassismus noch mal einen Schub erlebt. Krahmer betont, dass es Menschen mit Migrationshintergrund, die nicht so behütet aufgewachsen sind und schlechtere Bildungschancen hatten, noch deutlich schwerer hätten als er.

Seine Hoffnung auf Besserung, auf eine weltoffene Gesellschaft, knüpft er an die Globalisierung. Und er nimmt die Medien in die Pflicht: „Sie bilden Meinung und spielen eine ganz, ganz große Rolle. Zum Beispiel sollte nicht mehr die Nationalität eines Täters genannt werden, wenn Verbrechen passieren.“

Das Aufwachsen als Dunkelhäutiger in Deutschland hat Krahmer geprägt. Ehrgeiz und das Streben nach Erfolg seien zwar sein Naturell. „Aber das Auftreten im Alltag, dass ich gut gekleidet sein und wohlhabend wirken möchte, ist definitiv auf meine Erfahrungen zurückzuführen.“ Er wolle den „Wurzeldeutschen“ beweisen, dass er es geschafft habe und es ihm vielleicht sogar besser gehe als ihnen. „Auch wenn ich weiß, dass das total kleingeistig ist.“

Mit der deutschen Fahne und einer Träne im Auge

Integration? Ja, das klingt gut. Doch wie soll man sich integrieren, wenn man stets das Gefühl vermittelt bekommt, nicht dazuzugehören? Solche Gedanken treiben Jello Krahmer um. Oft stellt er sich vor, wie es wäre, bei einer WM oder EM Gold zu gewinnen und mit der deutschen Fahne „und einer Träne im Auge“ herumzulaufen.

Doch wenn ihn jemand fragen würde, ob er sich als Deutschen sieht? „Dann würde ich sagen: Ich bin hier geboren, habe die deutsche Staatsbürgerschaft, vertrete die deutschen Werte und Normen, fühle mich wohl hier und finde, das ist ein schönes Land. Aber ich fühle mich wegen der Erfahrungen, die ich gemacht habe, nicht als Deutscher.“

Jello Krahmer hält kurz inne, überprüft offenbar die Richtigkeit seiner Worte und schließt: „Das ist echt traurig. Denn es gibt kein anderes Land, das ich meine Heimat nenne.“

Am 13. Juli 2014 bekam Jello Krahmer ein für alle Mal klargemacht, dass er nicht dazugehört. In Brasilien wurden die deutschen Fußballer Weltmeister, und in Schorndorf jubelte der 18-Jährige beim Public Viewing so ausgelassen wie alle anderen. Damit handelte er sich eine Frage ein, die ihm einen brutalen Stich versetzte: „Warum freust DU dich so?“ Denn die Umstehenden, Fremde und sogar Leute aus dem Bekanntenkreis, sahen keinen jungen Deutschen im Nationaltrikot, sondern wieder mal nur:

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