Rems-Murr-Kreis

Die Goldbarren-Affäre der Remstalkellerei und andere spektakuläre Betrugsfälle

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Gutgläubigkeit und die Aussicht auf lukrative Geschäfte vernebelten häufig jenen die Sinne, die Opfer von Rip-Deals geworden sind. © Steinemann

Die Goldbarren-Affäre der Remstalkellerei ist zwar abgeschlossen. Doch „Rip-Dealer“ treiben weiter ihr Unwesen, und gutgläubige Menschen gehen ihnen mit Aussicht auf Gewinn auf den Leim. So wie jüngst, im Oktober 2020, bei einem spektakulären Fall in Karlsruhe. Zumindest einer der beiden Täter ist gefasst. Die mutmaßlich lettischen Betrüger hingegen, die 2017 mit einer Goldbarren-Provision der Remstalkellerei abhauten und die Wengerter-Genossenschaft um rund 35 000 Euro erleichterten, werden wohl nie gefasst. Auch das LKA hat keine Spur. Erklärungsversuche.

Wer sind die typischen Opfer, wer die typischen Täter?

Seit Jahren schon haben das baden-württembergische und das bayerische LKA explizit und öffentlich Rip-Deals als zunehmenden Kriminalitätstrend in den Fokus genommen. Der Begriff stammt aus dem Englischen (to rip: jemanden ausnehmen, neppen; deal: Handel, Geschäft).

Die Opfer sind „in der Regel Verkäufer von Immobilien oder Antiquitäten, oder auch anderen Wertgegenständen, die den Kontakt zu potenziellen Käufern unter anderem über das Internet (zum Beispiel Immobilieninserat-Sites) suchen“, so das LKA Bayern. „Die Täter suchen gezielt diese Inserate aus dem Angebot und bauen telefonisch oder vorerst per E-Mail Kontakt zu den Opfern auf und zeigen Interesse an dem Kauf der Immobilie/Ware. Häufig geben sie an, im Auftrag eines zahlungskräftigen Investors zu handeln, der seinen Sitz im Ausland hat.“

Die Ware war 2017 im Falle der Remstalkellerei der Wein. Die Betrüger hatten Ahnung vom Weingeschäft, kamen von sich aus auf die Remstalkellerei zu, gaben sich als Vertreter einer lettischen Handelsgesellschaft mit Verbindungen in den zahlungskräftigen arabischen Raum aus, wie ein damaliges Vorstandsmitglied der Remstalkellerei dieser Zeitung erläutert hat.

„Jeder behauptet, mir wäre so was nie passiert. Und dann auch noch die Provision im Voraus zahlen: Wie dumm muss man sein!? Dabei sollte jeder wissen, dieser Betrug war von langer Hand vorbereitet. Wir wurden Opfer eines hochprofessionellen Betrüger-Netzwerkes“, so das Vorstandsmitglied.

„Alles fing völlig unverfänglich an. Die kamen von sich aus auf die Remstalkellerei zu. Traten als Vertreter einer seriös erscheinenden Handelsfirma auf. Die hatten Ahnung vom Weingeschäft. Legten Geschäftspläne vor. Hatten Ausweispapiere, Steuernummern. Und die Geschäftsanbahnung lief über Monate hinweg. Das war kein Schnellschuss. Die haben richtigen Aufwand betrieben, uns zu täuschen.“

Eine Voraus-Provision in Form von Goldbarren (Wert: circa 35 000 Euro) auszuzahlen, ist laut dem baden-württembergischen LKA jedoch unüblich und sei den Ermittlern so auch noch nie untergekommen. Erkenntnisse über ein angebliches lettisches Betrügernetzwerk, dessen Mitglieder sich als Handelsagenten ausgeben und vielleicht auch schon andere Unternehmen per Rip-Deals geprellt haben könnten, liegen auch jetzt, 2021, nicht vor.

Opfer verschweigen häufig zum Selbstschutz Details zum Tatablauf

Das Deliktphänomen Rip-Deal gehe momentan überwiegend auf das Konto in Frankreich wohnhafter Angehöriger „reisender Familien aus dem ehemaligen Jugoslawien“, sagt LKA-Pressesprecher Jörg Lauenroth. „Diese Gruppen sind hierarchisch gegliedert und in wechselnder Besetzung europaweit tätigt. Ihre Opfer locken sie in aller Regel von Deutschland in das Ausland. Die Länder Italien, Niederlande oder Belgien werden hierbei von den Tätern bevorzugt, um dort die eigentliche Tathandlung, den Rip-Deal, zu begehen“, so Lauenroth.

Der LKA-Mann mahnt: „Werden Sie misstrauisch bei besonders lukrativen Geschäften, insbesondere Geldtauschgeschäften. Führen Sie keine größeren Bargeldsummen ohne Anmeldung in das Ausland aus. Die Meldepflicht beginnt grundsätzlich bei 10 000 Euro Bargeldausfuhr.“

Die Täter spekulierten ganz oft auf mögliche Schwarzgelder der Opfer. „Da die Opfer meist hohe Bargeldsummen in das Ausland verbringen und diese Bargeldausfuhren nicht bei den deutschen oder ausländischen Behörden angemeldet haben, machen sie sich in der Regel selbst strafbar. Daher verzichten einige der Opfer auf eine Strafanzeige oder geben den Sachverhalt nicht so wieder, wie er sich tatsächlich abgespielt hat“, sagt Lauenroth.

Die Ermittlung und Strafverfolgung von Rip-Dealern sei aber auch aus anderen Gründen schwierig: „Zurückliegende Verfahren haben gezeigt, dass für die erfolgversprechende, europäische und internationale Zusammenarbeit eine Vielzahl von zeit- und personalintensiven Rechtshilfeersuchen benötigt wird“, sagt Lauenroth. „Erschwerend kommt hinzu, dass je nach Land und Tatablauf diese Handlungen unter Umständen keine Straftat darstellen. Dadurch besteht, je nach Land, teilweise kein Interesse an der Verfolgung der Taten durch die lokalen Behörden.“

Spektakuläre Rip-Deals der vergangenen Jahre

Gefasst werden konnte jüngst einer von zwei mutmaßlichen Tätern eines spektakulären Rip-Deals in Karlsruhe. Die Kripo ermittelte den Mann deutscher Staatsbürgerschaft in seiner Wohnung in Duisburg, wo er am 4. Dezember 2020 festgenommen werden konnte. Auch „hohe Bargeldbeträge“ konnten sichergestellt werden. Ein am Rip-Deal, womöglich als Rollenspieler beteiligtes 13-jähriges Kind blieb aufgrund seiner Strafunmündigkeit auf freiem Fuß. „Die Staatsanwaltschaft Karlsruhe hat mittlerweile Anklage gegen den Mann erhoben“, sagte Dr. Matthias Hörster, Sprecher der Behörde, am Donnerstag (11.3.). Der zweite Tatverdächtige mit unbekannter Staatsangehörigkeit sei noch auf der Flucht.

Was wird ihnen vorgeworfen? Einer der später vier Geschädigten hatte ein Auto zum Verkauf angeboten. So kam der Kontakt zustande. „Es entwickelte sich daraus eine Bekanntschaft, und die mutmaßlichen Betrüger erschlichen über eine erfundene Legende das Vertrauen der später Geschädigten. Das lief über eine geraume Zeit“, sagt Hörster. Schließlich, Anfang Oktober 2020, gingen die zwei 40 und 34 Jahre alten Tatverdächtigen in Begleitung des Kindes auf ihren „Bekannten“, der das Auto verkaufen hatte wollen, und die drei anderen später Geschädigten zu und gaukelten ihnen vor, eine Immobilie erwerben und dort ein Seniorenheim einrichten zu wollen.

Sie gaben an, für die Bezahlung der Immobilie zwar ausreichend Barmittel in Höhe von 500 000 Euro dabeizuhaben, aber dass es sich hierbei ausschließlich um 500-Euro-Scheine handele, die von dem angeblichen Verkäufer der Immobilie nicht akzeptiert würden. Durch geschickte Gesprächsführung sollen sie die vier Geschädigten überredet haben, ihnen ihre Ersparnisse in Höhe von insgesamt 161 500 Euro zur Anzahlung des vermeintlichen Immobilienkaufs zu überlassen. Im Gegenzug erhielten die Geschädigten die vermeintlichen in 500-Euro-Scheinen gestückelten 500 000 Euro in einem Koffer als Pfand. Im Nachgang stellten die Geschädigten jedoch fest, dass sich in dem Koffern neben 5000 Euro in bar nur lilafarbenes Papier befand. Eine ganz klassische Betrugsmasche von Rip-Dealern.

In einem anderen, ähnlich gelagerten Fall aus Bayern fehlt weiterhin jede Spur von dem Täter. Ein Geschäftsmann hatte im Oktober 2006 einen hochwertigen Sportwagen für zwei Millionen Euro im Internet angeboten, so das bayerische LKA: „Ein angeblicher Interessent wollte gegen Provision einen Käufer vermitteln. Zum Treffen in einem renommierten Münchner Hotel brachte der Geschäftsmann die ‘Provision“ in bar mit und zeigte die Geldscheine dem angeblichen Vermittler. Diesem gelang es unbemerkt, das Geld gegen wertlose Papierschnipsel zu vertauschen. Dann verschwand der Betrüger und mit ihm ein sechsstelliger Eurobetrag.“

Das Landgericht Leipzig hat 2017 einen 69-Jährigen aus Unna zu drei Jahren und fünf Monaten verurteilt, weil er einen groß angelegten Rip-Deal an dem Unister-Gründer Thomas Wagner eingefädelt haben soll. Laut einem Bericht des Online-Magazins „Gründerszene“ hatte Wagner versucht, einen Kredit von einem vorgeblichen israelischen Diamantenhändler für sein angeschlagenes Unternehmen zu erhalten.

„Wagner reiste dafür im Juli 2016 nach Venedig, bekam allerdings das versprochene Bargeld in Höhe von 15 Millionen Euro nicht. Stattdessen schob ihm der Geschäftsmann einen Koffer mit Falschgeld unter“, berichtete das Magazin. Gleichzeitig sei Wagner um 1,5 Millionen Euro betrogen worden, die er als Kreditausfallversicherung in bar an sein Gegenüber zahlte. „Er zeigte den Betrug noch in Italien an, bevor er auf dem Rückweg nach Leipzig bei einem Flugzeugabsturz tödlich verunglückte.“

Die Goldbarren-Affäre der Remstalkellerei ist zwar abgeschlossen. Doch „Rip-Dealer“ treiben weiter ihr Unwesen, und gutgläubige Menschen gehen ihnen mit Aussicht auf Gewinn auf den Leim. So wie jüngst, im Oktober 2020, bei einem spektakulären Fall in Karlsruhe. Zumindest einer der beiden Täter ist gefasst. Die mutmaßlich lettischen Betrüger hingegen, die 2017 mit einer Goldbarren-Provision der Remstalkellerei abhauten und die Wengerter-Genossenschaft um rund 35 000 Euro erleichterten, werden

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