Rems-Murr-Kreis

Die Impfung und die Mars-Mission: Eine Immunologin erläutert erstaunliche Hintergründe

Altenheim
Covid-19-Impfstoffe: Es wird geforscht, was das Zeug hält. © ALEXANDRA PALMIZI

Impfen ist wie Kuchenbacken. Der Zutatenmix muss stimmen, sonst klumpt der Teig.

Momentan schmeckt, um im Bild zu bleiben, der Apfelkuchen schon ziemlich gut – doch nicht so umwerfend wie Großmutters Variante Nummer eins.

Die Wissenschaft sammelt noch Daten wie das Eichhörnchen Nüsse. Ab welchen Werten „Durchbruchsinfektionen“ geschehen, weiß man momentan noch nicht genau, aber vielleicht bald.

Was „Durchbruchsinfektionen“ sind, erklärt Prof. Dr. Martina Prelog, von Haus aus Fachärztin für Kinder- und Jugendmedizin und Fach-Immunologin der Deutschen Gesellschaft für Immunologie: An Covid-19 erkrankt manchmal auch, wer schon zweimal geimpft ist.

Einer 83-jährigen Dame aus dem Rems-Murr-Kreis blieb das zwar erspart. Gleichwohl staunte sie nicht schlecht, als jüngst nach einem Check das Ergebnis eines Antikörpertests auf dem Tisch lag: Keine Antikörper nachweisbar. Trotz Impfung.

Der Körper kennt verschiedene Strategien im Kampf gegen Viren

Theoretisch könnte die Seniorin dennoch geschützt sein, und praktisch ließe sich das prüfen. Allerdings nicht in einer Hausarztpraxis und nicht von heute auf morgen: Um eine T-Zellen-Immunität nachzuweisen, braucht man außer Zellkulturschalen noch ein bisschen mehr Equipment. Unikliniken hantieren damit schon länger; „wir sind da sehr weit“, berichtet Martina Prelog. Sie arbeitet am Universitätsklinikum Würzburg und prophezeit: In einem halben Jahr werden Standards definiert sein, anhand derer man diese Tests in der Breite anbieten kann.

T-Zellen-Immunität bedeutet, der Körper aktiviert Abwehrzellen, die infizierten Zellen an den Kragen gehen und auch jenen Zellen helfen, die Antikörper produzieren. Antikörper erweisen ihrem Besitzer ähnlich gute Dienste, nur setzen sie im Kampf gegen Krankheiten auf andere Strategien. Fazit: Sind keine Antikörper nachweisbar, kann der Körper trotzdem eine ziemlich überzeugende Immunantwort auf der Zellebene liefern.

Der Mensch kann Flugobjekte zum Mars schicken und in die Tiefsee tauchen. Er kann, davon ist auszugehen, sogar Schwellenwerten auf die Spur kommen: Wo ganz genau befindet sich dieser vermaledeite Punkt, ab welchem der Schutz vor Covid-19 nach einer Impfung ausreicht beziehungsweise mittels Nachimpfung neu zu aktivieren ist? Menschliche Zellen können sich auch nicht alles für immer merken, weshalb sie, so erklärt das Martina Prelog, eine Erinnerung brauchen.

Wann genau und in welcher Form Auffrisch-Impfungen angezeigt sein werden, sprich, die Gedächtniszellen einen Stups erhalten – das wird man dann sehen. Eichhörnchen ziehen sich auch erst dann in die Winterferien zurück, wenn sie genügend Nüsse gesammelt haben, und so macht das die Wissenschaft auch.

"Da tut sich noch ganz viel in den nächsten Monaten"

Ferien sind in den Laboren zurzeit kein Thema; es wird geforscht, was das Zeug hält. Impfstoffe werden weiterentwickelt, so dass sie möglichst vielen Coronavirus-Varianten eine Immunantwort entgegensetzen, die sich gewaschen hat. „Da tut sich noch ganz viel in den nächsten Monaten“, kündigt Martina Prelog an.

An ganz anderer Stelle hat sich schon ganz viel getan, findet die Wissenschaftlerin: Vorbehalte gegen Impfungen ganz allgemein nehmen weniger Raum ein als früher, diesen Eindruck gewinnt die Professorin mehr und mehr. Eine regelrecht „positive Dynamik“ macht sie aus in diesem Feld.

Die neuesten Meldungen zur Wirksamkeit des Covid-19-Impfstoffes von CureVac könnten die Stimmung trüben: CVnCoV heißt der neue Kandidat, und er hat in ersten Zwischenanalysen die Erwartungen nicht erfüllt. Eine vorläufige Wirksamkeit von 47 Prozent vermeldete CureVac – zu wenig, gemessen an den „vorgegebenen statistischen Erfolgskriterien.“

Nach Meldungen wie diesen dauert es nicht lange, bis erste Medien urteilen: Kann man vergessen, diesen Impfstoff – der Vollflopp schlechthin.

Wirksamkeit? Was genau ist damit gemeint?

Vielleicht fängt der späte Vogel doch noch den Wurm: Analysen zur Wirksamkeit eines Impfstoffes lassen sich nicht so einfach vergleichen, denn die Ausgangssituation unterscheidet sich erheblich. Das CureVac-Ergebnis kam zustande in einer laut dem Tübinger Unternehmen „bislang beispiellosen Umgebung mit mindestens 13 Varianten innerhalb der untersuchten Teilmenge der Studienteilnehmer.“

Was ganz genau mit „Wirksamkeit“ gemeint ist und welche Studien zur Wirksamkeit eines Impfstoffes unter welchen Bedingungen an den Start gingen – das klamüsern Immunologie-Spezialist/-innen wie Martina Prelog mit Leichtigkeit auseinander, aber Laien halt nicht.

Wer’s genauer wissen möchte, bemühe die Homepage des Paul-Ehrlich-Instituts, dort wird das alles erklärt. Zwecks Check, ob ein Covid-19-Impfstoffkandidat überhaupt wirkt oder nicht, unterteilt man Studienteilnehmende in zwei Gruppen. Den Teilnehmer/-innen einer der beiden Gruppen verabreicht man den Impfstoff. Die andere Gruppe erhält einen anderen Impfstoff oder ein Placebo, also ein Mittel, das gar keins ist. Danach schaut man, wie viele Leute in beiden Gruppen hernach an Covid-19 erkranken. Jetzt fehlen nur noch ein paar Rechnereien, und heraus kommt eine Zahl. 90 Prozent Wirksamkeit, nur als Beispiel, bedeutet: In der geimpften Gruppe sind 90 Prozent weniger Personen erkrankt als in der anderen Gruppe.

Begriffe falsch verwendet, Dinge vermischt

Wichtiges Detail am Rande: Als wirksam kann eine Impfung auch dann gelten, wenn die geimpfte Person zwar nicht vor der Krankheit selbst, aber vor schwerem Verlauf gut geschützt ist.

Für Menschen wie Martina Prelog ist es zuweilen schwer auszuhalten, wie in der öffentlichen Diskussion Dinge vermischt, Begriffe falsch verwendet, Fakten auf hanebüchene Weise bewertet werden und all das. Selbst diesem Umstand kann die Professorin noch was Positives abgewinnen: Hersteller und Entscheider hätten viel gelernt die letzten Monate; darauf lässt sich aufbauen.

Apfelkuchen-Rezepte und Mars-Missionen brauchen ja auch ihre Zeit, bis sie gelingen.

Impfen ist wie Kuchenbacken. Der Zutatenmix muss stimmen, sonst klumpt der Teig.

Momentan schmeckt, um im Bild zu bleiben, der Apfelkuchen schon ziemlich gut – doch nicht so umwerfend wie Großmutters Variante Nummer eins.

Die Wissenschaft sammelt noch Daten wie das Eichhörnchen Nüsse. Ab welchen Werten „Durchbruchsinfektionen“ geschehen, weiß man momentan noch nicht genau, aber vielleicht bald.

Was „Durchbruchsinfektionen“ sind, erklärt Prof. Dr. Martina Prelog, von Haus

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