Rems-Murr-Kreis

Die Kirche: Wer braucht sie noch, wer nimmt sie noch ernst?

Kopie von Glaube und Politik
Manuel Hagel, Fraktionsvorsitzender der CDU im Landtag, Bischof Gebhard Fürst (Mitte) und Landesbischof Frank Otfried July (rechts). © Gabriel Habermann

Der Bischof war da! Wie fandest du das? „Oooch“, meinte der Junge vor laufender Kamera, „nicht so besonders. Wir brauchen keinen Bischof. Wir haben einen guten Stadtpfarrer.“

Manuel Hagel war zwölf, als er Bischof Gebhard Fürst zum ersten Mal begegnete. Dessen Sekretär ließ dem Buben nach seinen kindlich-kecken Worten einen Anschiss zukommen, der sich gewaschen hatte, und das Fernsehteam legte gnädigst den Mantel des Schweigens über den despektierlichen O-Ton.

Das ist lange her, und jetzt sind sich Manuel Hagel und Gebhard Fürst wieder begegnet. Hagel profiliert sich seit 2021 als Fraktionsvorsitzender der CDU im Landtag, und längst weiß er, wie man sich benimmt, Anekdoten platziert, Pausen setzt, Worte wählt: Vermutlich spendete das Publikum dem 34-Jährigen unterm Strich den längsten Applaus am Mittwochabend im Rommelshausener Bürgerhaus.

Viel fehlte nicht, und man hätte den Saal als voll besetzt bezeichnen dürfen: Offenbar treibt das von der CDU gewählte Thema sehr viele Menschen um, vor allem Ältere: Wie viel Religion vertragen Staat und Politik, und welche Rolle spielt der Glaube heute noch für politische Entscheidungsträger/-innen?

Sexualisierte Gewalt: „Wir müssen das ahnden“

Dr. Gebhard Fürst, katholisch, Bischof der Diözese Rottenburg-Stuttgart, und Landesbischof Dr. h. c. Frank Otfried July, evangelisch, nahmen auf roten Stühlen Platz, während der CDU-Kreisverband Rems-Murr für Manuel Hagel einen grünen Sessel reserviert hatte. Christian Gehring, CDU-Landtagsabgeordneter sowie Initiator und Moderator der Diskussion, war bestens vorbereitet und konfrontierte die Männerriege auf dem Podium beileibe nicht nur mit Wellness-Fragen: Man muss über Missbrauch in der Kirche reden, wenn man Bischöfe zu Gast hat, man kann das Thema Klimaschutz heute nirgendwo mehr aussparen, und man muss sich zum Thema Waffenlieferungen in die Ukraine positionieren.

Gebhard Fürsts klare Ansage zu all den Fällen, da Kirchenvertreter sexualisierte Gewalt ausgeübt haben: „Wir müssen uns dieser furchtbaren Dimension stellen. Wir müssen das aufklären. Wir müssen das ahnden.“ Vielleicht gewinnt die Kirche dann wieder Glaubwürdigkeit zurück.

Verantwortung: Die CDU „hat da was verpennt“

Und, fast trotzig, noch der Nachsatz: Eine „mediengesteuerte Öffentlichkeit“ prügle zuweilen auf die Kirche ein, ohne je all den guten Taten, die doch von ihr ausgehen, gebührende Aufmerksamkeit zu schenken.

„Wir dürfen unsere Kirche nicht nur auf ihre Probleme reduzieren“, so formuliert es Manuel Hagel. Er hält es nachgerade für eine „Sackgasse“, zu glauben, der Mensch sei umso freier, je mehr die Religion in den Hintergrund trete.

Welche Werte die CDU in den Vordergrund rücken, wonach sie sich ausrichten, welchen Leitsätzen sie folgen will, darum kümmern sich Christdemokraten momentan intensiv, weil sie sich nach der Bundestagswahl 2021 in der Opposition wiederfanden und dort nicht bleiben wollen.

Die CDU/CSU war 1949 bis 1969, 1982 bis 1998 und 2005 bis 2021 führend in den Regierungen der Bundesrepublik. Vor Jahrzehnten schon war klar, der Welt droht eine zerstörerische Klimakrise, sofern die Menschheit immer so weitermacht.

Die Menschen haben dann immer so weitergemacht, und die CDU hat „da auch was verpennt“, urteilt Manuel Hagel. Ihn ärgert’s trotz alledem gewaltig, wenn christdemokratische Hinweise auf die zu bewahrende Schöpfung als Anbiederung an die Grünen verunglimpft werden, so sieht er das – und sowieso empfindet Hagel „Bewahrung“ allein als zu kurz gegriffen: Es gehe um „Verantwortung für die Schöpfung“, und diese Frage „kennt keine Parteien. Sie kennt eine Haltung“.

Heimatplanet: „Wir sind dabei, ihn zu zerstören“

Es ist einer dieser Momente, da der Jüngste auf dem Podium mit wohlgesetzten, bedeutungsschwangeren Worten die Menschen im Saal erreicht: Applaus.

Gebhard Fürst vertritt, wie er sagt, gegenüber der Politik unermüdlich seine Überzeugung: „Wir müssen das angehen.“ Er meint den Klimawandel, das Artensterben, die Vermüllung der Meere. „Wir sind im Augenblick dabei, unseren Heimatplaneten zu zerstören.“ Mit Technologie allein werden die Menschen das Rad nicht herumreißen, fürchtet Fürst. „Dafür braucht es einen Bewusstseinswandel.“

Frank Otfried July, 67, wird als Ruheständler, der er bald ist, weiter diversen Verpflichtungen nachkommen und im Blick behalten, dass alles mit allem zusammenhängt. Es droht jetzt als Folge des Krieges eine ernste Ernährungskrise, zuerst in Afrika, und sich darum zu kümmern, „gehört zur christlichen Wertorientierung“.

Waffen an die Ukraine liefern, das lässt sich mit christlichen Werten vereinbaren, finden beide Bischöfe. „Unsere Friedensethik müssen wir neu überdenken“, fordert Gebhard Fürst, und Deutschland müsse den Menschen in der Ukraine helfen, „dass sie sich in dieser Not wehren können“.

Von allein bleibt Demokratie nicht erhalten

Noch mehr höchst schwierigen Fragen sehen sich Kirchenvertreter/-innen ausgesetzt in diesen kriegerischen Zeiten: Wie soll man jetzt mit der russisch-orthodoxen Kirche umgehen? Wie positioniert man sich mit Blick auf Putins Patriarchen Kyrill I., der den Angriffskrieg feiert und der, so Christian Gehring, der Welt zeigt, wie „Kirche wieder Macht missbraucht“.

Manche fordern, die russisch-orthodoxe Kirche sei jetzt aus dem Ökumenischen Rat der Kirchen, dem sie noch angehört, auszuschließen. Frank Otfried July begegnet diesen Forderungen mit Skepsis. Man dürfe „Gesprächsmöglichkeiten nicht ganz verschließen“, und „jedes kleinste Türlein“ sei zu nutzen, um noch in den Austausch zu kommen.

Inwieweit Kirche und Staat zu trennen oder überhaupt ganz trennbar sind angesichts der Aufgaben, welche die Kirche im Staat wahrnimmt – gilt als knifflige Frage. July sagt „ja zum Kooperationsmodell in Deutschland“. Aus seiner Sicht handelt es sich um ein „demokratisches Modell“, auf dessen Grundlage der Staat der Kirche Freiraum verschafft, damit sie zum Gemeinwohl beitragen kann – und die Freiheit des Einzelnen trotzdem gewahrt bleibe. Ein Klima sei zu schaffen, in welchem alle sich ausdrücken können, also Angehörige aller Religionen wie auch jene, die in keiner Religion einen Sinn sehen.

"Wir brauchen unsere Kirchen"

Manuel Hagel bekennt sich zur Kirchensteuer, wie er sagt – und wünscht sich, Christen mögen sich deutlich mehr noch für ihre Kirche einsetzen. „Wir brauchen unsere Kirchen“, und was die Gesellschaft aus Hagels Sicht jetzt außerdem nötig hat, ist ein „Sputnik-Moment“ – einen Wendepunkt, eine neue Sichtweise jenseits „unserer Überheblichkeit“, wie Hagel sagt: Ihm kommt’s zuweilen so vor, als ob Deutschland in Starre verharre wie im stillen Auge eines Hurrikans, während rundherum der Teufel los ist und sich Demokratie auf dem absteigenden Ast befindet. Eine „Stimmung der Selbstverständlichkeit“ scheint ihm gefährlich, weil Werte wie Rechtsstaatlichkeit, Demokratie und Menschenrechte nicht einfach so kommen und bleiben. „Es ist unsere politische Verantwortung“, sagt Hagel, „diesen Staat zu modernisieren, damit nicht aus Überdrüssigkeit Gleichgültigkeit gegen Demokratie wird.“

„Wir müssen als CDU auch das C wieder neu bei uns beleben“, mahnt Christian Gehring. Größten Respekt zollt er dem Kreml-Kritiker Alexei Nawalny, der nach dem Giftanschlag gegen ihn in Deutschland hätte bleiben können. Nawalny kehrte nach Russland zurück, wohl wissend, was ihn dort erwartete. Russische Richter ließ der bekehrte Ex-Atheist Nawalny wissen, er sei „ein gläubiger Mensch“. Er verstehe das Gebot, sich für Gerechtigkeit einzusetzen, als Handlungsanweisung. Dieses Statement Nawalnys hat Gehring tief berührt.

Turbulenzen: Protestanten und ihre Lager

Gehring ist überzeugt, dass die Menschen „eine Kirche brauchen, die uns Halt, Mut und Hoffnung gibt“: So heißt es in einem Meinungsbeitrag, den der kirchenpolitische Sprecher der CDU-Landtagsfraktion im März anlässlich der Turbulenzen um die Wahl eines neuen Landesbischofs verfasst und den diese Zeitung veröffentlicht hatte. Der CDU-Abgeordnete zeigte sich seinerzeit tief enttäuscht von der Synode, dem Parlament der württembergischen Landeskirche. Sie hatte Gottfried Heinzmann, der sich in mehreren Wahlgängen gegen einen weiteren Kandidaten und eine Kandidatin durchgesetzt hatte, die Bestätigung verwehrt. Heinzmann war als Bewerber des pietistischen Gesprächskreises „Lebendige Gemeinde“ ins Rennen gegangen.

Unausweichlich: Veränderungen in der Kirche

Die Synode hatte sich aus Gehrings Sicht unfähig gezeigt, Gräben zwischen ihren Flügeln zu überwinden.

Nicht jede(r) sah und sieht das so. Die Waiblinger Pfarrerin Dr. Antje Fetzer, Mitglied der Synode, warf Gehring vor, er habe sich „zum Sprachrohr einer landeskirchlichen Gruppe“ gemacht, und er verkenne den Sinn hinter den Regeln zum Wahlverfahren.

Der Streit liegt Monate zurück. In Rommelshausen ging’s jetzt eher um Einigkeit und um den Versuch, der Abkehr so vieler von der Kirche etwas entgegenzusetzen. Tröstende Worte dazu von Manuel Hagel: „Kirche ist nie fertig.“ Sie kann und sollte „die Zeichen der Zeit verstehen und bereit sein, sich zu verändern“.

Der Bischof war da! Wie fandest du das? „Oooch“, meinte der Junge vor laufender Kamera, „nicht so besonders. Wir brauchen keinen Bischof. Wir haben einen guten Stadtpfarrer.“

Manuel Hagel war zwölf, als er Bischof Gebhard Fürst zum ersten Mal begegnete. Dessen Sekretär ließ dem Buben nach seinen kindlich-kecken Worten einen Anschiss zukommen, der sich gewaschen hatte, und das Fernsehteam legte gnädigst den Mantel des Schweigens über den despektierlichen O-Ton.

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