Rems-Murr-Kreis

Die Krawatte: Stirbt sie und warum tragen selbst Bankchefs keine mehr?

Krawatte
Schade, schade: Das Accessoire für den Mann ist weit weniger gefragt als früher. © Gaby Schneider

Ihr droht dasselbe Schicksal wie der Telefonzelle. Nur besteht ein ganz erheblicher Unterschied: Die Telefonzelle verschwand, weil etwas Neues ihre Funktion übernahm. Der aktuell Sterbenden folgt nichts nach. Nur Leere. Und Hals.

Der Schreckmoment setzte ein, als ein außerordentlich bemerkenswertes Foto die Redaktion erreichte. Es zeigt Ralph Walter, Vincenzo Giuliano und Uwe Burkert – das Führungsteam der Kreissparkasse Waiblingen.

Keiner der drei trägt Krawatte.

Die Vermutung liegt nahe: Wenn jetzt schon Kreissparkassen-Chefs in aller Öffentlichkeit schlipsfrei auftreten, dann dürften eine Reihe weiterer Herren bereits den obersten Knopf weit geöffnet haben. Und wir haben’s in unserer digitalen Home-Office-Parallelwelt nicht mal bemerkt.

Mitarbeitende genießen heutzutage Freiräume

Besorgte Anfrage beim Pressestab der Kreissparkasse in Waiblingen: Worauf kann man sich in diesem Leben noch verlassen, und wieso turnen jetzt schon Vorstände ungeniert oben ohne durch die Lande?

Zugegeben, die Original-Anfrage klang seriöser.

Noch gediegener klingt die Antwort: Mitarbeitende genießen mittlerweile Freiräume, „sich individuell und dennoch zeitgemäß und dem Anlass entsprechend zu kleiden. Das schließt auch weiterhin die Krawatte nicht aus.“

Wer will, der darf, soll das wohl heißen, doch das Müssen fällt weg.

"Wir diskutieren zurzeit intern"

Bei der Volksbank Stuttgart steht die Frage noch unbeantwortet im Raum: Krawatte am Bankschalter? Pflicht? Oder nicht?

„Wir diskutieren zurzeit intern, welche Bekleidungsregeln wir uns künftig geben möchten“, teilt Volksbanksprecher Robert Hägelen auf Anfrage mit.

Vielleicht kann Patrick Reichle, Inhaber des Herrenausstatters „Reichle Mode für Männer“ in Waiblingen, irgendwas tun: Herr Reichle, Herren müssen doch Krawatte tragen, oder nicht? Zumindest zwingend, sofern sie Bankchef sind?

Herren müssen gar nichts (mehr), weshalb das Krawatten-Sortiment in Patrick Reichles Geschäft bereits erheblich zusammengeschrumpft ist – und es kommt noch schlimmer: „Seit Corona ist sogar das Hemd am Kämpfen.“

So, so – sie tragen also Pulli.

Über Jogginghosen im Home-Office und deren Tarnung via Kameraeinstellung ist viel geschrieben worden all die Monate. Nur scheint nun eine gewisse Ist-mir-doch-egal-Hauptsache-bequem-Haltung in die reale, anfassbare Welt hinüberzuschwappen: Leger liegt im Trend, sagt Patrick Reichle, und schiebt den Fachbegriff hinterher: „casual“.

Es existiert keine Casual-Verordnung, weshalb jeder nach Gusto selber entscheidet, was er unter alltagstauglichem Look versteht und wo er in selbigem erscheint. Nicht mal mehr auf Beerdigungen gilt unausgesprochen eine Krawatten-Pflicht, gibt Patrick Reichle zu bedenken.

Ein stetiger Wandel lässt selbst die Umgangsformen nicht aus

Er habe, berichtet im vertraulichen Gespräch ein Politiker, schon länger keinen Schlips mehr umgebunden, und das scheint keine(n) zu stören.

Der Mann gehört der CDU an.

Nichts bleibt, wie es war, und Rebecca Straub, Pressesprecherin der Kreissparkasse, bringt die Dinge treffend auf den Punkt: „Die generellen Umgangsformen unterliegen einem stetigen Wandel. Wir als Kreissparkasse Waiblingen folgen diesem Wandel“, wenngleich ein „gepflegtes und seriöses Auftreten“ nach wie vor im Fokus steht, wie die Sprecherin versichert.

Krawattenfrei gilt mittlerweile eben auch als seriös, und die Männer, wer mag es ihnen verdenken, „genießen das sehr“, berichtet Patrick Reichle. Er selbst findet’s schade, zumal die Krawatte als Accessoire Gestaltungsspielräume eröffnete, um dem Outfit des modebewussten Mannes eine persönliche, vielleicht gar farbenfrohe Note zu verleihen.

Dresscode: Es hat sich viel getan

Farbenfroh geht’s mittlerweile in der Hemd- und Sockenbranche zu: Ulrike Frank, Farb- und Stilberaterin in Backnang, bestaunte kürzlich in einer Bankfiliale die Vielfalt der Hemdenfarben. „Ich finde das nicht so toll“, sagt die Fachfrau. Aus ihrer Sicht „zeugt eine Krawatte von Seriosität.“ Aber: „Das bröckelt.“ Ulrike Frank hat bereits eine Fortbildung betreffend Dresscode gebucht: Es hat sich vieles getan in diesem Segment, zumal die Pandemie ganz offensichtlich dem Schlendrian-Look zu größerer Akzeptanz verholfen hat.

Mann zeigt nun Hals, weil er offenbar in seiner großen Mehrheit Schals konsequent ablehnt. Oder leichte Tücher. Und Einstecktücher sowieso schon länger. Ansprechend drapierte, feine Schals haben sich jedenfalls nicht durchgesetzt, bestätigt Patrick Reichle, und Tücher als Krawatten-Nachfolger „sind schon wieder fast ganz verschwunden.“

Die Bindetechnik? Wer wird sich je erinnern?

Mitsamt der Krawatte wird das Wissen über die hohe Kunst des korrekten Bindens schwinden. So ist das halt. Muss man ertragen. Der Wandel, der Wandel.

Manch eine außer Betrieb gesetzte Telefonzelle dient mittlerweile als Mini-Bibliothek für Büchertauschfreunde. Wer weiß, wofür die eine oder andere Krawattensammlung ersatzweise taugen wird. Ratsam wäre, die seidenen Kleidungsstücke aufzubewahren. Irgendwann kommen sie wieder in Mode, ganz bestimmt. Dann vielleicht nicht mehr als Symbol für Seriosität, eher als äußeres Zeichen hipper Subkultur. Was ihre Nutzung unmöglich macht für den Fall, man ist Bankchef.

Ihr droht dasselbe Schicksal wie der Telefonzelle. Nur besteht ein ganz erheblicher Unterschied: Die Telefonzelle verschwand, weil etwas Neues ihre Funktion übernahm. Der aktuell Sterbenden folgt nichts nach. Nur Leere. Und Hals.

Der Schreckmoment setzte ein, als ein außerordentlich bemerkenswertes Foto die Redaktion erreichte. Es zeigt Ralph Walter, Vincenzo Giuliano und Uwe Burkert – das Führungsteam der Kreissparkasse Waiblingen.

Keiner der drei trägt Krawatte.

Die

Alle Abos jederzeit kündbar:
ZVW+ MONATLICH
Erster Monat gratis, danach 5,99 €/mtl.
ZVW+ JÄHRLICH
Statt 71,88 € (Zwei Monate gratis)
ZVW+ JÄHRLICH mit ePaper
mit täglichem Zugriff zum ePaper