Rems-Murr-Kreis

Die längste Busfahrt ihres Lebens: Wie eine 84-Jährige von einer Busfahrerin gerettet wurde

BusfahrerinSchlienz
Busfahrerin Claudia Uhl. © Gaby Schneider

Was sich in Damenhandtaschen so alles verbirgt, gilt als unergründbares Geheimnis, dabei ist es ganz einfach: Man steckt den Hausschlüssel in die Tasche, den Geldbeutel, den Personalausweis, die EC-Karte und das VVS-Ticket. Geht die Tasche verloren, ist man vollständig aufgeschmissen.

Edith Wießner aus Stetten, 84 Jahre jung, hat ihre Tasche mit allem drin verloren und Bleibendes gewonnen: Vertrauen in das Gute im Menschen und umfassende Einblicke in den Arbeitsalltag einer Busfahrerin.

Alles begann an einem Freitagvormittag. Edith Wießner wollte mit dem Bus von Stetten nach Fellbach fahren. Sie schulterte ihre Handtasche, nahm ein weiteres Gepäckstück mit, ging zur Bushaltestelle, stieg ein – und bemerkte schnell den Fehler: falsche Linie.

Sie stieg aus. Der Bus fuhr weiter, und dann war’s zu spät. Edith Wießner hatte ihre Handtasche im Bus liegen lassen. Da stand sie nun – ohne Geld, ohne Schlüssel, ohne EC-Karte, ohne alles.

„Ich hab' gedacht, ich geh' jetzt zur Endhaltestelle in Stetten“, erzählt Edith Wießner. Hätte ja sein können, der Bus hat dort kurzen Aufenthalt, dann hätte sie ihre Tasche holen können, und alles wäre gut gewesen.

War es aber nicht. Der Bus war weg.

"Kann ich helfen?"

An der Endhaltestelle schilderte die 84-Jährige dem Fahrer eines anderen Busses ihr Problem, doch verhinderte die Sprachbarriere eine schnelle Lösung. Das wiederum bemerkte Claudia Uhl, die seit Januar Schlienz-Busse kreuz und quer durch Stetten und Fellbach und Neuhausen steuert: „Kann ich helfen?“

Bitte!

Claudia Uhl recherchierte. Schlienz-Busse verlassen durchaus häufig Rems-Murr-Kreis-Grenzen, bedienen auch Strecken wie Aichschieß-Schanbach-Aichelberg oder Esslingen-Nellingen-Neuhausen, weshalb eine vergessene Tasche relativ schnell irgendwo auf den Fildern landen kann.

In diesem Fall in Neuhausen. Der Fahrer jenes Busses, in welchem die Tasche lag, hatte das gute Stück korrekterweise an der Endhaltestelle seiner Linie im Neuhausener Schlienz-Büro abgegeben.

All das konnte Claudia Uhl nicht an Ort und Stelle und auf die Schnelle klären, denn als Busfahrerin kann man nicht einfach so seine Pause verlängern. Man kann auch nicht alle Probleme aller Reisenden lösen, doch „die Dame sah so verloren aus, wie sie da stand mit ihrem Rollwägele“, erzählt die Busfahrerin. Sie hätte die Unglückliche dennoch einfach ihrem Schicksal überlassen können.

Die längste Linienbusfahrt ihres Lebens

„Na, dann kommen Sie mal mit“, sagte Claudia Uhl, woraufhin Edith Wießner die längste Linienbusfahrt ihres Lebens antrat. Zuerst versorgte die Busfahrerin die vorübergehend mittellose Dame mit einem Ticket, denn Kontrolleure müssen Fahrgäste ohne Fahrschein auch dann aufschreiben, wenn sich deren Tasche lediglich im falschen Bus befindet.

Es folgten weitere Telefonate in der nächsten Pause. „Am Montag“, erfuhr Claudia Uhl vom Kollegen in der Disposition, am Montag könne Frau Wießner ihre Tasche holen, und zwar praktischerweise in Rommelshausen.

Von Freitagnachmittag bis Montag ist eine sehr lange Zeit, wenn man keinen Hausschlüssel hat und kein Geld. Claudia Uhls Pause neigte sich wieder dem Ende zu, weshalb die 84-jährige Stettenerin ihre Linienbus-Rundreise fortsetzte.

„Was die Busfahrer alles reißen“, berichtet Edith Wießner, „das glauben Sie nicht.“ Sämtliche Linien, die Uhls Dienstplan an diesem Nachmittag vorsah, lernte Edith Wießner kennen, inklusive unvernünftige Autofahrer, enge Kurven, mittelfreundliche Leute, Zeitdruck. „Ich bin stundenlang mitgefahren“, berichtet die 84-Jährige. „Das war ein Abenteuer, das kann ich Ihnen sagen.“

Telefonate in der Pause

In den Pausen telefonierte Claudia Uhl. Mit der Disposition, mit dem Bereitschaftsdienst, mit wer weiß wem alles. Frau Wießner braucht die Tasche!

Versorgt von Claudia Uhl mit Essen und Trinken, harrte Edith Wießner tapfer aus im Bus. „Die Frau hat Nerven bewiesen“, findet Claudia Uhl. Kein Wunder angesichts dieser allumfassenden Fürsorge: „So ein Mensch ist mir selten begegnet. So viel Herzlichkeit. Das war schon sagenhaft“, erzählt Edith Wießner.

Sie hat ihre Tasche noch am selben Tag zurückbekommen. Weil bei Schlienz sämtliche „Zahnrädle“ ineinandergegriffen haben, weil Claudia Uhl nicht aufgegeben hat, weil jemand vom Bereitschaftsdienst tatsächlich noch am selben Freitagnachmittag nach Neuhausen gefahren ist, um die Tasche zu holen – und weil Claudia Uhl nach Feierabend höchstpersönlich die Tasche nach Stetten brachte, wo Edith Wießner mittlerweile wieder ausgestiegen war.

„Es war einfach schön“, findet die Busfahrerin. „Die Dame war so dankbar. So eine supersüße Frau“, resümiert die Fahrerin und verspricht: „Immer wieder gerne.“

Was sich in Damenhandtaschen so alles verbirgt, gilt als unergründbares Geheimnis, dabei ist es ganz einfach: Man steckt den Hausschlüssel in die Tasche, den Geldbeutel, den Personalausweis, die EC-Karte und das VVS-Ticket. Geht die Tasche verloren, ist man vollständig aufgeschmissen.

Edith Wießner aus Stetten, 84 Jahre jung, hat ihre Tasche mit allem drin verloren und Bleibendes gewonnen: Vertrauen in das Gute im Menschen und umfassende Einblicke in den Arbeitsalltag einer

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