Rems-Murr-Kreis

Die Nerven liegen blank: Rems-Murr-Kliniken unter brachialem Finanzdruck

Rems-Murr-Kliniken
Die Rems-Murr-Kliniken bieten gute Medizin, stehen aber corona- und gesundheitssystembedingt unter brachialem Finanzdruck. © Benjamin Büttner

Sieben Jahre lang haben die Rems-Murr-Kliniken vorbildlich ihre Hausaufgaben gemacht – und stehen nun doch wieder finanziell an der Klippe. Corona-Einbußen, Energiepreis-Eskalation, Fallpauschalen-Wahnsinn: Das ist der Hintergrund, vor dem Marc Nickels Abgang als Geschäftsführer einzuordnen ist. Nickel geht zum 31. Juli – es ergäbe eine süffige Geschichte, seine Demission schlicht als Folge persönlicher Animositäten zwischen ihm und den Chefärzten zu erzählen. Es mag ja auch sein, dass Nickel hinter den Kulissen zuletzt allzu schroff auftrat – und manche der hoch dotierten Mediziner dünnfellig reagierten. Aber es geht um mehr: Der Druck, der momentan wieder auf den Rems-Murr-Kliniken lastet, ist brachial; dieser Druck ist sowohl pandemie- als auch gesundheitssystembedingt.

Rückblende: Es sah so gut aus, bis die Corona-Krise kam

Nickel kam 2015, als die Rems-Murr-Kliniken ein Sanierungsfall waren. Der Landkreis hatte ihn beim Management-Dienstleister Oberender AG mit Sitzen in München und Bayreuth quasi ausgeliehen. Der Vertrag sah vor, dass Nickel und zwei weitere Oberender-Leute Vollzeit für die Rems-Murr-Kliniken abgestellt sein würden.

Danach nahm im Grunde eine Erfolgsgeschichte ihren Lauf. Die Kliniken machten bis zur Corona-Krise zuletzt 100 Millionen Euro mehr Jahresumsatz als bei Nickels Antritt und haben heute 400 Stellen mehr als damals. Das medizinische Angebot: unbestritten gut. Die Chefärzte: teilweise regelrechte Branchencracks. Der Standort Winnenden: wurde erweitert. Der Standort Schorndorf: bekommt in den nächsten Jahren einen 100 Millionen Euro schweren neuen Funktionsbau. Dr. Christoph Ulmer, dort Chefarzt für Allgemein- und Viszeralchirurgie, schwärmt: Schorndorf „ist dann nicht mehr ein Krankenhäusle“, sondern „eine Klinik“, ein „Schwerpunktversorger“.

Ab 2023, das war vor der Corona-Krise der Plan, sollten jährlich bei den Rems-Murr-Kliniken nur noch fünf bis zehn Millionen Euro Minus auflaufen – wobei die hohen Defizitsummen, die allein der Schuldendienst für den Winnender Neubau produziert, da schon miteingerechnet waren.

Dann kam die Pandemie und pulverisierte die hoffnungsfrohe Kalkulation.

Was die Pandemie und der Ukraine-Krieg angerichtet haben

Planbare Operationen mussten verschoben werden. Mittlerweile können sie zwar wieder stattfinden, aber viele Patienten zögern immer noch. Dr. Christoph Ulmer beschreibt es drastisch: Die Leute kümmern sich um ihren Job oder ihren Betrieb, wollen erst mal die Krise meistern, stellen „ihre Gesundheit hintenan“ – und kommen teilweise „viel zu spät in die Klinik“, mit bereits „fortgeschrittenen Erkrankungen“, Tumoren zum Beispiel, die „längst hätten behandelt werden müssen. Das ist katastrophal“.

Die Kliniken liegen 2022 bei den Fallzahlen 13 Prozent hinterm Planansatz – obendrein rasen wegen des Ukraine-Kriegs die Energiekosten davon; und können nicht an die Krankenkassen weitergegeben werden.

Chefarzt Prof. Hans-Joachim Strittmatter, bundesweit profilierter Experte für Gynäkologie, stellt die Schlüsselfrage: „Wird der Staat uns weiter unterstützen?“ Falls Bund und Land nicht neue Rettungsschirme aufspannen, droht 2022 ein Jahresdefizit von 25, vielleicht 30 Millionen.

Derzeit, sagt Nickel, arbeiten „über 60 Prozent der Krankenhäuser in Deutschland defizitär“.

Fallpauschalen und andere Tücken des Systems

Moment: Wenn selbst gut aufgestellte Kliniken finanziell nicht aus der Not herausfinden – stimmt dann etwas nicht mit dem Gesundheitssystem?

Die Frage, sagt Landrat Richard Sigel, lasse sich „ganz einfach“ beantworten: „Ja.“

Es beginne damit, sagt Nickel, dass die Kosten für den Bau eines Krankenhauses allenfalls zur Hälfte vom Staat getragen würden. Der Rest müsse aus dem laufenden Betrieb erwirtschaftet werden – aber wo soll da „die Kohle herkommen“?

Und dann die Fallpauschalen: Die Kliniken bekommen pro Patient je nach vordefiniertem Krankheitsbild einen festen Vergütungssatz – liegt der Kranke länger als geplant, reicht die Summe oft nicht. Das führt zu einem krassen Rentabilitätsdiktat: möglichst viele Leute möglichst schnell behandeln. Das ganze System „ist vom Kern her problematisch“, sagt Nickel. Geschäftsführung, Chefärzte, Pflegepersonal: Alle strampeln in einem Hamsterrad. (Mehr zu dem kranken Prinzip finden Sie hier in einer Reportage aus der Zeit vor Corona - Fortsetzungen dazu hier und hier.)

Nach der Corona-Krise, in der sie an die Grenzen ihrer Kräfte und teilweise darüber hinaus gegangen sind, bräuchten die Klinikbeschäftigten eigentlich eine Konsolidierungsphase. Business as usual. Durchatmen. Aber nun sollen sie schon wieder mit Vollgas die abgestürzten Fallzahlen hochtreiben. Dass da die Nerven blankliegen und Ärzte mit dem Geschäftsführer aneinandergeraten: Wundert das irgendwen?

Andre Mertel übernimmt fürs Erste – wie es weitergeht

Zunächst bis 31. Dezember 2023, dem Ende der Vertragslaufzeit mit der Oberender AG, wird nun Andre Mertel die Geschäftsführung übernehmen. Der 45-jährige Gesundheitsökonom gehört zum Team Oberender, kam seinerzeit mit Nickel an die Rems-Murr-Kliniken, ist derzeit schon kaufmännischer Leiter und genieße das Vertrauen der Chefärzte, wie Strittmatter und Ulmer betonen. Bis spätestens Sommer 2023 wird dann der Kreistag zu beschließen haben: neuer Vertrag mit Oberender? Oder Aufbau einer eigenen Geschäftsführung?

„Medizinisch sind wir top aufgestellt“, sagt Mertel, aber die „Herausforderungen wirtschaftlicher Natur“ seien „riesig“.

Wenn Bund und Land nicht einspringen, bleibe nur eines, unkt Nickel: „Halleluja, dann zünden wir aber echt ne Kerze an und beten, dass es besser wird.“

Immerhin, „auf Kosten des Personals zu sparen“, stehe nicht zur Debatte, sagt der Landrat. Es sei „ein großes Glück“, ergänzt Chefarzt Strittmatter, dass der Kreis voll hinter den Kliniken stehe.

Und was wird aus Marc Nickel? Er zieht zurück nach München, wo seine Frau und die kleine Tochter leben. Er sei „spät Vater geworden“ und habe „echt Sehnsucht“ nach der Familie. Die Arbeit aber wird ihm gewiss nicht ausgehen – am Oberender-Sitz München wird er wohl die Leitung eines absolut zukunftsträchtigen Geschäftszweigs übernehmen: „Krankenhaussanierungen“.

Sieben Jahre lang haben die Rems-Murr-Kliniken vorbildlich ihre Hausaufgaben gemacht – und stehen nun doch wieder finanziell an der Klippe. Corona-Einbußen, Energiepreis-Eskalation, Fallpauschalen-Wahnsinn: Das ist der Hintergrund, vor dem Marc Nickels Abgang als Geschäftsführer einzuordnen ist. Nickel geht zum 31. Juli – es ergäbe eine süffige Geschichte, seine Demission schlicht als Folge persönlicher Animositäten zwischen ihm und den Chefärzten zu erzählen. Es mag ja auch sein, dass

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