Rems-Murr-Kreis

Die Pandemie bremst den Immobilienmarkt kaum: Betongold ist im Rems-Murr-Kreis beliebt wie eh und je, und die Preise werden wohl weiter steigen

SymbolfotoBaustelle
Sollte sich die Stadt stärker im Wohnungsbau engagieren? (Symbolfoto) © Gaby Schneider

Die Immobilienpreise steigen weiter und das Angebot bleibt knapp. Diese Einschätzung hört man unisono. Vor diesem Hintergrund wirkt der jüngste Sturm im Wasserglas rund um Einfamilienhäuser eher wie ein Windhauch im Schnapsgläsle. Grünen-Fraktionschef Anton Hofreiter hatte die Nachteile von Neubau-Einfamilienhaussiedlungen in Zeiten großer Wohnungsnot benannt. Der Bau eines Einfamilienhauses bleibt ohnehin auch im Rems-Murr-Kreis wenigen vorbehalten – mangels Bauplätzen und weil solch ein Projekt erhebliche Finanzkraft erfordert.

„Junge Familien träumen vom Häusle, und dieser Wunsch muss weiter Wirklichkeit werden können“, findet hingegen Jochen Haußmann. Mehr als 80 Prozent der Fläche des Rems-Murr-Kreises sei nicht bebaut, schreibt der Kernener FDP-Landtagsabgeordnete und -kandidat: Um den Bedarf zu befriedigen, müsse auch der Neubau von Einfamilienhäusern möglich sein.

Unterdessen wirkt sich die Pandemie natürlich auch auf den Immobilienmarkt aus. Hatten noch vor einem Jahr einige einen Zusammenbruch des Marktes und sinkende Preise vorausgesagt, sind Prognosen dieser Art kaum noch zu hören. Die Corona-Pandemie fördert eher noch das Interesse an Immobilien. In Krisenzeiten war Betongold schon immer extra beliebt.

Preise steigen auch an Orten fernab der S-Bahn-Linien

Steigende Preise vor allem für Immobilien im Osten des Rems-Murr-Kreises registriert Herbert Zäpf, Abteilungsdirektor Immobilien bei der Kreissparkasse Waiblingen. Offenbar betrachten weniger Kaufwillige als früher einen S-Bahn-Anschluss als Muss. Home-Office ist für viele zur Normalität geworden, und es ist davon auszugehen, dass Arbeitnehmer auch nach der Pandemie teilweise ihren Job von zu Hause aus erledigen. Ob das der Grund ist, weshalb sich immer mehr Kunden auch für Immobilien fernab der S-Bahn-Linien interessieren, „wissen wir nicht genau“, sagt Zäpf – doch die Vermutung liegt nahe.

Aktuell ließen sich viel mehr Wohnungen und Häuser verkaufen. Doch potenzielle Verkäufer zögern im Moment, berichtet Herbert Zäpf. Manch ein Haus- oder Wohnungsbesitzer schreckt vor Besichtigungsterminen zurück, auch eine Reihe von Notarterminen sind verschoben. Wer kann, meidet persönliche Kontakte, und wer ein vermietetes Objekt auf den Markt bringen möchte, wird jetzt Mietern nicht zumuten können, eine Reihe von Interessenten in die Wohnung zu lassen. Virtuelle 360-Grad-Rundgänge bieten sich als Alternative an.

Besichtigungen vor Ort nur noch für echte Kaufinteressenten

Virtuelle Besichtigungen haben sich seit März 2020 „quasi zum Standard entwickelt“, berichtet Bernd Mergenthaler von der Waiblinger Mergenthaler Immobilien AG. Persönliche Besichtigungen bietet das Unternehmen nur noch „echten Kaufinteressenten“ an, und selbst die virtuellen Rundgänge „geben wir nur Interessenten frei, die sich entsprechend legitimiert haben und ernsthaftes Interesse nachweisen können“. Auch bei leerstehenden Immobilien nutzt Mergenthaler diese Form, wobei ein Teil dieser Video-Rundgänge für alle zugänglich ist: „Auch so reduzieren wir im Moment Kontakte. Diese Vorgehensweise werden wir aber sicher auch nach Corona beibehalten. Den Interessenten gefällt das gut, sie sparen sich für den ersten Eindruck der Immobilie Zeit und Wege“, berichtet Vorstand Bernd Mergenthaler.

Zuwachs von Kunden mit ernsthaftem Kaufinteresse

Zwar verzeichnet er einen Rückgang der Anfragen. Allerdings halten sich seiner Erfahrung nach im Moment nur jene zurück, die sich über ihre Wünsche ohnehin noch nicht ganz im Klaren waren. Was die Zahl ernsthafter Kaufinteressenten angeht, registriert Mergenthaler eher einen Anstieg: „Im Jahr 2021 und 2022 werden etliche Neubauprojekte und/oder Neubaugebiete in Waiblingen und im Umkreis bezugsfertig, aber das wird die hohe Nachfrage kaum befriedigen. Der Markt nimmt diese Wohnungen auf.“

„Die Preise für gebrauchte Häuser und Wohnungen waren und sind steigend oder stabil. Dieser Trend wird sich vermutlich im Jahr 2021 fortsetzen“, davon geht Bernd Mergenthaler aus. Herbert Zäpfs Einschätzung klingt ähnlich: „Die Preise werden sich tendenziell eher nach oben entwickeln.“

"Gewisse Schockstarre" ging schnell vorüber

Bernd Maier und Thomas Rieck, Immobilienberater bei der Riker Wohnbau + Immobilien GmbH, Remshalden, erinnern sich an eine „gewisse Schockstarre“ im Frühjahr 2020 – die sich allerdings nach ein paar Wochen wieder löste. Das Thema Wohnen rückte neu in den Fokus, weil die Menschen viel mehr Zeit zu Hause verbrachten. Das anhaltend niedrige Zinsniveau spielt ferner eine gewichtige Rolle: Ein vergleichsweise hoher Kaufpreis relativiert sich, sofern man eine Finanzierung mit einem Zinssatz von unter einem Prozent bekommt. Das ist aktuell der Fall, und „die Niedrigzinsphase wird uns noch lange begleiten“, prophezeit Thomas Rieck. Ihm fällt auf, dass mehr und mehr Menschen sich bereits in jungen Jahren für einen Immobilienkauf interessieren – als „Vorsorgeelement“ und zur langfristigen Vermögensbildung.

Dass die Preise heute sehr viel höher liegen als noch vor ein paar Jahren, spielt gar nicht die entscheidende Rolle. „Das Geldvermögen steigt und steigt. Es wird viel Geld vererbt oder verschenkt“, sagt Herbert Zäpf.

Jüngere sehen das Preisniveau „entspannter“

Als „nachvollziehbar“ empfindet Thomas Rieck den Preisanstieg der vergangenen fünf Jahre, zumal sich auch das Niveau der Ausstattung und die Bauweise unter Einhaltung der Energieeinsparverordnung beziehungsweise des KfW-Standards deutlich verbessert hätten. Mit Linoleum-Boden in der Toilette und einfachem Teppichboden im Schlafzimmer traut sich heute kein Bauherr mehr an den Markt, und Jüngere sehen das Preisniveau ohnehin „entspannter“, sagt Rieck. Im Vergleich zum Preisniveau in Nachbarlandkreisen liege der Rems-Murr-Kreis gar „relativ moderat“, was die Immobilienpreise angeht.

Von „hervorragender Nachfrage“ berichten Bernd Maier und Thomas Rieck; nach wie vor verkaufen sich manche Neubauobjekte „vom Plan weg“, spätestens in der Rohbauphase. Im Neubausegment werde fast jeder Interessent fündig. Im Gebrauchtimmobilien-Sektor übersteigt die Nachfrage das Angebot. Aus Bernd Maiers Sicht „wird es auch in den nächsten Jahren nicht so sein, dass man genug Bauland hat“. Nachverdichtungen gestalten sich oft schwierig; Genehmigungsverfahren ziehen sich hin.

Einzelhandels- und Büroflächen könnten leerstehen

Herbert Zäpf rät Kaufwilligen, am Ball, sprich „auf der Suche zu bleiben“. Er wünscht sich mehr Flexibilität im Baurecht, etwa mit Blick auf Umnutzungen. Gut möglich, dass als Folge der Pandemie in Zukunft mehr Einzelhandels- und Büroflächen leerstehen werden, die umgebaut als Wohnungen genutzt werden könnten. Die Gastronomie wird „relativ schnell wieder auf die Füße kommen“, davon geht Zäpf aus. Der Innenstadt-Einzelhandel wird’s schwerer haben; „da bin ich wirklich gespannt, wie sich das entwickelt“, sagt Zäpf.

Unterdessen vermeldet der Immobilienverband Deutschland (IVD) eine neue Rekordmarke: 2020 seien die Immobilienumsätze in Baden-Württemberg um acht Prozent auf 45,1 Milliarden Euro gestiegen. Im Vergleich zum Jahr 2000 beträgt das Plus gar 120 Prozent.

Die Immobilienpreise steigen weiter und das Angebot bleibt knapp. Diese Einschätzung hört man unisono. Vor diesem Hintergrund wirkt der jüngste Sturm im Wasserglas rund um Einfamilienhäuser eher wie ein Windhauch im Schnapsgläsle. Grünen-Fraktionschef Anton Hofreiter hatte die Nachteile von Neubau-Einfamilienhaussiedlungen in Zeiten großer Wohnungsnot benannt. Der Bau eines Einfamilienhauses bleibt ohnehin auch im Rems-Murr-Kreis wenigen vorbehalten – mangels Bauplätzen und weil solch ein

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