Rems-Murr-Kreis

Die Psyche hat bei vielen durch Corona gelitten: Doch die Therapieplätze fehlen

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Nach Corona und pandemiebedingten Einschränkungen wieder zurück ins normale Leben? Das fällt nicht jedem leicht. © Pixabay

Es ist nun fast zweieinhalb Jahre her, seitdem die Corona-Pandemie ausbrach und die ganze Welt in Atem hielt. Für manche hat sich das Leben seitdem wieder normalisiert, andere haben immer noch mit den Folgen der Pandemie zu kämpfen. Kinder und Jugendliche mussten monatelang mit eingeschränkten Sozialkontakten auskommen, auch Erwachsene haben unter der Isolation gelitten. Psychische Erkrankungen haben dadurch mehr Anerkennung erfahren, was aber auch für eine erhöhte Nachfrage nach Therapieplätzen gesorgt hat.

Schon 2012 hatte die Bundespsychotherapeutenkammer kritisiert, dass die Anzahl der Kassensitze in Deutschland seit 1999 nicht mehr erhöht wurde. Denn nur wer zu einer Psychotherapeutin mit Kassensitz geht, kann die Kosten der Therapie abrechnen lassen. Seit 2012 sind laut der kassenärztlichen Bundesvereinigung bundesweit rund 2200 zusätzliche Zulassungsmöglichkeiten für Psychotherapeuten dazugekommen. Kritiker bemängeln, dass das nicht ausreiche, um den Bedarf zu decken.

Bittenfelder Therapeutin: "Kassensitze werden künstlich knapp gehalten"

Die Therapeutin Dietgard Läpple aus Bittenfeld berichtet von Wartezeiten von einem halben Jahr für neue Patient/-innen. Sie sieht die Krankenkassen und die kassenärztliche Vereinigung in der Pflicht: „Es gibt genug Therapeuten, die diesen Beruf ausüben wollen. Die Zahl der Kassensitze wird aber künstlich knapp gehalten, um Geld zu sparen.“ Werden keine neuen Kassensitze geschaffen, müssen junge Therapeutinnen und Therapeuten den Sitz von ihrem Vorgänger übernehmen. Dafür müssen sie in Ballungsräumen bis zu 100.000 Euro bezahlen, zusätzlich zu den 20.000 bis 70.000 Euro für ihre Therapieausbildung.

„Für viele Psychotherapeut/-innen ist der Verkauf der Praxis ein wichtiger Bestandteil ihrer Altersvorsorge“, berichtet Roland Stahl von der kassenärztlichen Bundesvereinigung. Ein neues Gesetz soll dafür sorgen, dass angehende Psychotherapeuten ihre Approbation direkt nach ihrem Studium und nicht erst nach ihrer dreijährigen Ausbildung erhalten. Dadurch werden sie zumindest während der Ausbildung besser bezahlt, da approbierte Therapeuten mehr Befugnisse haben, um Patienten zu behandeln.

Weinstädter Therapeutin: "Die Lage hat sich verschärft"

Das Gesetz hat aber auch seine Tücken: „Das Gesetz ist nur halb gut, weil es sehr einschränkt“, berichtet Hanna Pretzell. Sie ist Therapeutin für Kinder und Jugendliche in Weinstadt und die Koordinatorin für Therapeut/-innen im Rems-Murr-Kreis. „Dadurch können nur noch diejenigen die Therapieausbildung machen, die Psychologie studiert haben“, kritisiert Pretzell. „Doch auch Sozialpädagogen oder Lehrer sollten mit der entsprechenden Ausbildung als Therapeut tätig sein können.“ Jemand mit einem abgeschlossenen Psychologiestudium sei nicht automatisch ein guter Therapeut, andere Kriterien wie die Empathiefähigkeit würden vernachlässigt. Da die Zulassungsvoraussetzungen für das Psychologiestudium höher sind als zum Beispiel für das Studium der Sozialpädagogik, würden Therapeut/-innen laut Hanna Pretzell rein nach der kognitiven Leistungsfähigkeit und nicht nach zwischenmenschlichen Fähigkeiten ausgewählt werden.

Auch sie sieht die Entwicklung der Therapieplätze in den letzten Jahren kritisch: „Die Lage für Menschen, die auf der Suche nach einem Therapieplatz sind, hat sich verschärft“, meint sie und berichtet auch von einer erhöhten Anfrage an Therapieplätzen seit der Corona-Pandemie. Was die Lage im Rems-Murr-Kreis anbelangt, ist sie jedoch zumindest vorsichtig optimistisch gestimmt: Hier wurden im letzten Jahr 18 weitere Kassensitze registriert.

Hanna Pretzell kritisiert jedoch nicht nur die Auswahlkriterien für angehende Therapeut/-innen, sondern sieht auch die Patient/-innen in der Pflicht, realistische Erwartungen an den Verlauf der Therapie zu haben: „Es wird oft nicht beachtet, dass die Therapeutin die Therapie nur begleitet, die Hauptarbeit aber beim Patienten liegt.“ Das sei auch die Erfahrung von anderen Therapeut/-innen, mit denen sie im regelmäßigen Austausch steht.

Mangelnde Bereitschaft, in der Therapie mit an sich zu arbeiten

Tanja Meier (Name geändert) ist ebenfalls Therapeutin für Kinder und Jugendliche aus dem Rems-Murr-Kreis. Auch sie beobachtet, dass nicht jeder ihrer jungen Patienten bereit ist, in einer Therapie mitzuarbeiten. Meistens sind es aber die Eltern, die – bewusst oder unbewusst – einer erfolgreichen Therapie im Weg stehen, zum Beispiel, indem sie ihre Kinder einfach nicht zur Therapie bringen. „In der Kinder- und Jugendtherapie müssen auch die Eltern eine Veränderung ihres Kindes zulassen. Oft wird ein Kind erst durch den Druck von Lehrern aus der Schule überhaupt zur Therapie gebracht“, meint Tanja Meier.

Dadurch verkleinere sich automatisch der Kreis an Menschen, die einen Therapieplatz annehmen können. Deshalb sei in der Therapie für Kinder und Jugendliche das Hauptproblem nicht die Anzahl an Therapieplätzen, sondern die Bereitschaft der Eltern, die Symptome ihrer Kinder anzuerkennen: „Auch scheinbar harmlose Anzeichen wie Bettnässen sollten ernst genommen werden“, mahnt Tanja Meier.

Was die Einschränkung der Sozialkontakte von Kindern und Jugendlichen während der Corona-Pandemie angeht, ist sie aber optimistischer gestimmt: „Vielen Kindern fehlte zwei Jahre lang das Einüben von sozialen Kompetenzen. Bei denen, die zuvor schon gesund waren, wirken Therapien aber sehr gut und sie kommen sehr schnell wieder zurück ins soziale Leben.“

Es ist nun fast zweieinhalb Jahre her, seitdem die Corona-Pandemie ausbrach und die ganze Welt in Atem hielt. Für manche hat sich das Leben seitdem wieder normalisiert, andere haben immer noch mit den Folgen der Pandemie zu kämpfen. Kinder und Jugendliche mussten monatelang mit eingeschränkten Sozialkontakten auskommen, auch Erwachsene haben unter der Isolation gelitten. Psychische Erkrankungen haben dadurch mehr Anerkennung erfahren, was aber auch für eine erhöhte Nachfrage nach

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