Rems-Murr-Kreis

Die Remstalkellerei will mit radikalen Schnitten ihre Dauerkrise beenden

Remstalkellerei
Weinverkauf im Pavillon der Remstalkellerei. © Benjamin Büttner

Es ist der radikale Schnitt, den viele erwartet – oder befürchtet haben. Die Remstalkellerei, wie wir sie kennen, wird es in wenigen Jahren nicht mehr geben. Sofern die Mitglieder den weitreichenden Plänen von Vorstand und Aufsichtsrat folgen werden: Die Weingärtnergenossenschaft gibt ihr Gelände in Beutelsbach auf, baut eine zentrale Kelter und konzentriert sich auf Erfassung und Vertrieb der Remstäler Weine. Hergestellt und abgefüllt werden die Weine künftig indes in Möglingen, bei der Weingärtnerzentralgenossenschaft (WZG). Unter den diskutierten Alternativen ist dies wohl beinahe die weitgehendste Variante, um die Dauerkrise zu beenden, in der die Genossenschaft mit ihrer 80-jährigen Tradition seit Jahren steckt.

„Zukünftige Ausrichtung Ihrer Remstalkellerei“ lautet harmlos die Überschrift über dem Rundschreiben, das die Remstalkellerei dieser Tage an ihre rund 1200 Mitglieder verschickte. Wegen der Corona-Beschränkungen mussten die geplanten Informationsveranstaltungen ausfallen, schrieben der Vorstandsvorsitzende Peter Jung und seine beiden Vorstandskollegen, Kellermeister Friedhelm Ilg und der technische Betriebsleiter Eberhard Heubach, an das „Sehr verehrte Mitglied“.

„Mittlerweile sind sämtliche Reserven aufgebraucht“

„Die Auszahlungsleistung an die Mitglieder ist seit vielen Jahren nicht zufriedenstellend“, heißt es in dem Rundschreiben zur Ausgangssituation. Es sei lange Zeit mehr Traubengeld ausbezahlt als erwirtschaftet worden. Mittlerweile seien „sämtliche Reserven aufgebraucht und die Bilanz ausgezehrt“.

Die Folge der leeren Kassen sei ein Investitionsstau sowohl bei der Remstalkellerei wie auch bei den Ortsgenossenschaften, die in ihren Keltern die Trauben erfassen. „Neben Qualitätsverlusten aufgrund veralteter Technik und dezentraler Strukturen ist eine marktgerechte Einlagerungspolitik im Keller seit vielen Jahren nicht möglich.“ Das führte dazu, dass sich unverkäufliche Weine im Keller stauten („Bestandsblasen“), die beispielsweise für Glühwein verramscht werden mussten („Sonderverwertung der Altbestände“). Die Edelstahltanks tief unten im Keller in Beutelsbach zu leeren, habe in den vergangenen zehn Jahren „Millionenbeträge aus den Rücklagen“ gekostet.

Auf Basis dieser existenzgefährdenden Ausgangslage seien Vorstand und Aufsichtsrat zum Schluss gekommen, „dass eine erfolgreiche Zukunft des genossenschaftlichen Weinbaus im Remstal nur dann gelingen kann, wenn es zu einer tiefgreifenden und allumfassenden Umstrukturierung kommt“.

„Zweistufiges System ist schon seit vielen Jahren nicht mehr vertretbar“

Was ist geplant? „Die doppelten Strukturen müssen zwingend abgeschafft werden“. Dazu muss man wissen, dass die Remstäler Wengerter nicht direkt Mitglied in der Remstalkellerei sind, sondern indirekt über ihre Ortsgenossenschaft. Diese Besonderheit sorgte in der Vergangenheit für Blockaden. So wird seit mehr als einem Jahrzehnt über eine zentrale Traubenerfassung geredet, aber ein Geschäftsführer nach dem anderen scheiterte daran, die örtlichen Egoismen aufzubrechen und die Genossen auf eine gemeinsame Linie zu bringen. Dieses zweistufige System sei „schon seit vielen Jahren nicht mehr vertretbar: Es sollen daher alle Ortsgenossenschaften mit der Remstalkellerei fusionieren.“ So könnten Ressourcen gebündelt und Kosten gespart werden.

Sämtliche Ortsgenossenschaften fusionieren mit der Remstalkellerei

„Sämtliche Unternehmenbereiche werden an einem Standort konzentriert“: Vorstand und Aufsichtsrat beabsichtigen, die Kellerei an einem neuen Standort zu bauen. Finanziert werden könnte der Neubau unter anderem durch den Verkauf des heutigen Betriebes in der Kaiser- und Nordhaldenstraße. Ferner stünden Zuschüsse in Aussicht, und auch die Erlöse aus dem Verkauf der örtlichen Keltern fließen in die Finanzierung ein, sobald die bis dahin verbliebenen Ortsgenossenschaften mit der Remstalkellerei fusioniert seien. Die OG Stetten geht jedoch bereits ab 2021 eigene Wege; die OG Winnenden und Korb haben auf Ende 2021 ihre Mitgliedschaft gekündigt. Der Verkauf der alten Keltern, an denen die Herzen vieler traditionsbewusster Wengerter hängen, war im Übrigen immer einer der Streitpunkte über die Zentralkelter.

Keller und Abfüllung können aufgrund der bilanziellen Lage jedoch nicht am neuen Standort realisiert werden, heißt es in dem Rundschreiben weiter. Der Ausbau der Weine würde künftig zur WZG ausgelagert und sei dort „in den allerbesten und qualifizierten Händen“.

Im Gespräch mit dieser Zeitung ergänzte der Vorstandsvorsitzende Peter Jung, dass er wie in der Vergangenheit auf die Arbeitsteilung zwischen WZG und Remstalkellerei setze. Beim Vertrieb liege der Schwerpunkt der WZG bei preisgünstigen Weinen für Supermärkte und Discounter. Die Remstalkellerei hingegen wolle und könne ihre hochwertigen Weine verstärkt im Fachhandel und in der Gastronomie vermarkten.

Der radikale Schnitt macht vor dem Sortiment keinen Halt, kündigt Jung eine Sortimentsbereinigung und die Konzentration auf „werthaltige Umsätze“ an. Ermöglicht werde dies durch eine zentrale Herbstabwicklung, mit der die Qualität besser geplant werden könne, um „eine wirtschaftlich solide Auszahlung an die Mitglieder mittelfristig möglich zu machen“.

Vermarktung bleibt in Händen der Remstalkellerei

Eine noch weitergehende Möglichkeit wäre gewesen, dass die Remstalkellerei als Vollablieferer die Trauben an die WZG übergeben und sich auch nicht mehr um die Vermarktung der Remstäler Weine gekümmert hätte. Just dies planen die Ortsgenossenschaften Korb und Winnenden und hoffen, bei der WZG mehr Traubengeld erlösen zu können als derzeit bei der Remstalkellerei. Die Option Vollablieferung sei zwar geprüft, aber verworfen worden. Peter Jung ist überzeugt, dass es die bessere Lösung für die gut 600 Wengerter ist, die derzeit bei der Remstalkellerei ihre Trauben abliefern. Nämlich die eigene Vermarktung der bei der WZG ausgebauten Weine durch die Remstalkellerei. Mit Blick auf den Austritt von Korb und Winnenden zeigt sich Jung gesprächsbereit und zeigt sich überzeugt, dass die neue Remstalkellerei aufgrund besserer Qualitäten in Zukunft auch höhere Traubengelder versprechen kann, als es die WZG heute tue.

Es ist der radikale Schnitt, den viele erwartet – oder befürchtet haben. Die Remstalkellerei, wie wir sie kennen, wird es in wenigen Jahren nicht mehr geben. Sofern die Mitglieder den weitreichenden Plänen von Vorstand und Aufsichtsrat folgen werden: Die Weingärtnergenossenschaft gibt ihr Gelände in Beutelsbach auf, baut eine zentrale Kelter und konzentriert sich auf Erfassung und Vertrieb der Remstäler Weine. Hergestellt und abgefüllt werden die Weine künftig indes in Möglingen, bei der

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