Rems-Murr-Kreis

Die Vorgeschichte: Wie Karina und Kristina aus der Ukraine nach Schwaikheim kamen

PiaUkraine
Hier warten sie gemeinsam vor dem Schwaikheimer Rathaus, drei Tage zuvor saßen sie über Stunden zusammen im Bus: Kristina und Karina mit Kateryna, Mascha und Denys (von links nach rechts, ganz rechts Redakteurin Pia Eckstein). © Gaby Schneider

Bis Karina und Kristina in Richtung Schwaikheim fuhren, hatten Beatrice Messmer, Julia Wössner und andere Helfer einen organisatorischen Salto mortale hingelegt. Am Ende hatten sie 14 Kinder, 22 Erwachsene und vier Hunde im Bus und eine Woche hinter sich, deren Ereignisse für mindestens drei Monate reichen. Dabei hatten die zwei Schwaikheimerinnen noch so manchen Kommentar im Ohr: Unterstützten sie womöglich Menschenhandel? Machten sie das Richtige?

„Hier im Bus wird schon fleißig Deutsch gelernt“, schrieb Julia Wössner am Freitag, 11. März, um 19.07 Uhr in die Schwaikheim-Ukraine-Whatsapp-Gruppe. Sie hängte ein Lächelgesicht und zwei Herzchen an. Sie waren auf dem Weg. Sie hatten es geschafft. Julia Wössner und Beatrice Messmer fuhren zurück nach Hause. Mit ihnen fuhren Menschen, die sich den zwei Schwaikheimerinnen in blindem Vertrauen angeschlossen hatten. Menschen, die ins Ungewisse fuhren, eine zerbombte Heimat hinter sich ließen und andere Menschen, die sie liebten und die nicht mitfahren konnten.

Im Lager gehen schreckliche Gerüchte um: Findet hier Menschenhandel statt?

Zu allem diesem, sagen Beatrice Messmer und Julia Wössner, kam die Angst. Im Aufnahmelager in Korczowa Dolina, einem umgebauten Einkaufscenter ganz nah an der polnisch-ukrainischen Grenze, waren nur ganz wenige Männer, aber viele Frauen mit Kindern. Und es gingen schreckliche Gerüchte um: Menschenhandel würde betrieben. Man müsse aufpassen, bei wem man mitfahre. Eine Frau, erzählen Beatrice Messmer und Julia Wössner, sei seit fast einer Woche in diesem schrecklichen Lager gewesen. Voller Verzweiflung und Sorge, was ihr wohl widerfahren würde, würde sie den nächsten Schritt ins Ungewisse wagen.

Aber jetzt liefen da zwei Frauen – eben nicht Männer – durch die Halle und fragten nach, wer mitfahren wolle. „Die Frauen haben uns sofort vertraut“, sagt Beatrice Messmer. Der Bus wurde voll. „Can I come with you?“, fragten die, die Englisch konnten. Die Bitte wurde mehrfach wiederholt, sie kam aus tiefstem Herzen.

"Mädels, wir müssen was machen!"

Beatrice Messmer und Julia Wössner kennen sich seit Jahren. Sie haben miteinander Handball gespielt. Das schweißt zusammen. Ganz schnell war klar: „Mädels, wir müssen was machen“. Und die zwei Freundinnen waren sich einig: Wir fahren zusammen. Wir holen gemeinsam Menschen zu uns. Bloß wie? Beatrice Messmer grübelte, guckte Fernsehen, sortierte die Gedanken, fragte sich: Ist so was naiv? Sollte ich das besser Profis überlassen? Wenn nicht, wie gehe ich’s an? Wohin mit den Leuten? Und wie kommen wir da hin?

Beatrice Messmer ist gut vernetzt. Sie arbeitet im Kreisvorstand der FDP mit. Über ein deutschlandweites FDP-Frauennetzwerk konnte sie mit Leuten sprechen, die genau das, was sie vorhatte, schon selbst gemacht hatten. Und sie holte ein Angebot ein: Was kostet ein Bus an die polnisch-ukrainische Grenze? 7000 Euro, lautete die Antwort. Das ging so nicht.

Beatrice Messmer setzte sich am Freitagmorgen, 4. März, mit einer Liste von Busunternehmern aus dem Kreis an einen Tisch und hielt sich schon mal die nächsten Stunden frei. Und dann? „Ein Anruf hat genügt“, sagt sie. Sie klingt noch immer, als könne sie’s nicht glauben. Markus Dannenmann, Busunternehmer aus Beutelsbach, war dabei. Sofort. Ohne Wenn und Aber.

Am Montag, 7. März, fingen Beatrice Messmer und Julia Wössner zu organisieren an. Der Bus sollte ja nicht leer an die Grenze fahren. Die zwei Frauen informierten sich: Gebraucht wurden Spenden. Aber nicht irgendwelche. Benötigt wurde vor allem medizinisches Material. Am Ende lagen im Bus:

  • Vier Umzugskartons voller Verbandsmaterial
  • 4100 Schmerztabletten für Erwachsene
  • 1000 Schmerztabletten für Kinder und Babys
  • 350 Tabletten gegen Durchfall
  • Eisen-, Magnesium- und Multivitamintabletten
  • 1000 medizinische Einmalhandschuhe
  • 200 medizinische Desinfektionstücher
  • 100 Liter Desinfektionsmittel
  • 2,5 Liter Wundspray
  • 100 Tuben Desinfektionssalbe
  • acht Liter Natriumchlorid plus Spritzen, um Blutverluste auszugleichen
  • fünf Erste-Hilfe-Kästen
  • drei Blutdruckmessgeräte
  • Rettungsdecken
  • Babynahrung
  • Pampers
  • Decken und Kissen
  • FFP2-Masken

Die Spenden kamen von vielen Privatleuten; Julia Wössner und Beatrice Messmer sind in Schwaikheim bestens vernetzt. Außerdem von den beiden ortsansässigen Apotheken, der Bahnhof- und der Friedensapotheke, und von der Waiblinger Central-Apotheke. Am Dienstag stapelten sich die Kisten bei Julia Wössner, am Mittwoch wurde der Bus bepackt, am Donnerstagmorgen um 4.30 Uhr ging’s in Beutelsbach los. 15 Stunden Fahrt. Da gibt’s viel zu sehen. Auf der Strecke zur polnisch-ukrainischen Grenze waren Autos aus fast ganz Europa unterwegs. Alle voll bepackt mit Hilfsgütern. Und sogar eine Feuerwehr aus Andorra.

Planbar war nichts, geklappt hat irgendwie doch alles – Riesenglück

„Planbar war nix“, sagt Beatrice Messmer. Aber irgendwie klappte doch alles. Sogar der Abstecher nach Krakau auf der Rückfahrt war ein voller Erfolg. Dort, so hieß es im Lager in Korczowa Dolina, sei ein anderes großes Lager, in dem viele auf eine Weiterfahrt warteten. Und dort sammelten Beatrice Messmer und Julia Wössner eine junge Frau ein, die zu ihrer Mutter wollte. Die lebt seit langem in Bittenfeld. Die junge Frau aber war bei der ersten Kontaktaufnahme noch immer in der Ukraine. „Treff dann und dann, dort und dort“ – so gingen die Botschaften übers Handy. Und die junge Frau war da. Sie hatte es geschafft.

Im Bus, erzählen Beatrice Messmer und Julia Wössner, kamen irgendwann die ersten Fragen: Wo ist Stuttgart? Gibt es dort, wo wir hinfahren, ein Krankenhaus? Eine Schule? Gibt es. Alles. In und um Schwaikheim herum. Dort laufen längst wieder die Drähte heiß. Die Organisation nimmt noch lange kein Ende. Karina und Kristina interessieren sich definitiv nicht für die Schule. Doch sie wollen arbeiten gehen. Bis es so weit sein wird, ist noch viel zu tun.

Das alles müssen Beatrice Messmer und Julia Wössner nicht mehr allein organisieren. Aber die beiden wahren nach wie vor den Überblick. Dennoch: Beatrice Messmer hat sich fest vorgenommen, am nächsten Wochenende endlich mal wieder einen Tag ganz freizunehmen.

Bis Karina und Kristina in Richtung Schwaikheim fuhren, hatten Beatrice Messmer, Julia Wössner und andere Helfer einen organisatorischen Salto mortale hingelegt. Am Ende hatten sie 14 Kinder, 22 Erwachsene und vier Hunde im Bus und eine Woche hinter sich, deren Ereignisse für mindestens drei Monate reichen. Dabei hatten die zwei Schwaikheimerinnen noch so manchen Kommentar im Ohr: Unterstützten sie womöglich Menschenhandel? Machten sie das Richtige?

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„Hier im Bus wird schon

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