Rems-Murr-Kreis

Die zwei Gesichter der Antifa: Nach mehreren Gewalt-Aktionen im Rems-Murr-Kreis - eine Analyse der linken Bewegung

Demo Schorndorf
Die Antifa bei der AfD-Kundgebung im Februar in Schorndorf. © Benjamin Büttner

Wofür steht die Antifa? Sind das Aufklärer gegen den Rechtsextremismus? Gewaltbereite Linksextremisten? Oder beides? Aus aktuellem Anlass: eine Bestandsaufnahme mit Rems-Murr-Bezug.

Diesen Februar hat sich die Antifa mal wieder von ihrer allerschlimmsten und ihrer allerbesten Seite gezeigt. Erst überrannte eine Horde Linksautonomer am helllichten Samstagvormittag auf dem Schorndorfer Wochenmarkt einen Wahlkampfstand der AfD dermaßen brachial, dass ein Funktionär mit Gehirnerschütterung ins Krankenhaus musste. Danach zeigte die linke Szene, was sie sonst noch kann ...

Die Antifa - was Recherche und Aufklärung leisten können

Während die AfD sich nun nämlich bei einer Kundgebung auf dem Schorndorfer Marktplatz zur Stimme der bürgerlichen Mitte zu stilisieren versuchte, fiel manchen Beobachtern auf, wer dort alles Beifall klatschte; martialische Gestalten, teils truppweise übers Areal ziehend. Sie sahen irgendwie rechts aus: So etwa – und damit recht vage – ordneten wir von der Zeitung das ein. Auf Antifa-Seiten im Netz aber erschien danach die detaillierte Analyse nebst Beweisfotos: Unter den AfD-Claqueuren waren Männer mit den Runen-Tätowierungen der türkischen Faschisten; Teilnehmer mit Quarzhandschuhen (die laut Versammlungsgesetz bei Demos verboten sind); Leute von der rechtsextremen Identitären Bewegung; ein bekannter NPD-Funktionär aus einem Nachbarlandkreis nebst Gefolge; und einer, der auf seiner Bomberjacke die Zahl 88 trug, Chiffre für „Heil Hitler“. Die Dokumentation ließ das pompöse Getue der AfD, dass sich zu dieser Kundgebung der vernünftige Teil der Gesellschaft versammelt habe, in ganz neuem Licht erscheinen.

Die Antifa - was Selbstgerechtigkeit und Hooliganismus anrichten

Immer wieder, quer durch die Republik, mit gründlicher Recherche und Aufklärung über rechte Szenen, Umtriebe, Netzwerke zu glänzen – das ist das eine Gesicht der Antifa. Das andere: Gerade im Rems-Murr-Kreis und im nahen Stuttgart ist die Reihe der Gewalttaten mittlerweile zu lang, als dass sich noch von Einzelfällen sprechen ließe. Ein Muster zeichnet sich ab.

Im Mai 2019 überfielen Linksautonome einen AfD-Stand in Korb und brachen per Teleskopschlagstock einem Wahlkämpfer den kleinen und den Ringfinger. Im Mai 2020 machte sich in Cannstatt ein Trupp Vermummter – von mindestens 20 Angreifern ist in der derzeit laufenden gerichtlichen Aufarbeitung die Rede – über drei Mitglieder der rechten Pseudo-Gewerkschaft Zentrum Automobil her, eines der Opfer wurde so schwer verletzt, dass es wochenlang im Krankenhaus lag. Und zuletzt, vor einigen Tagen: Antifa-Leute bewarfen den jüdisch-orientalischen Laden „Beit Shalom“ des AfD-Stadtrats Franz Laslo mit roten Farbkugeln. In einem anonymen Bekennerschreiben hieß es danach: Man habe sich in der Adresse geirrt und eigentlich das Haus des stellvertretenden AfD-Kreisvorsitzenden Lars Haise „markieren“ wollen.

Man muss die AfD gewiss nicht sympathisch finden; und zum Zentrum Automobil gehören Leute mit belegbar rechtsextremer Biografie, Neonazi-Prägung. Dennoch ist die Antifa-Aktionspalette von dämlichem Hooliganismus bis hin zu brutaler Gewalt vollkommen indiskutabel.

Antifa, wie hältst du's mit der Gewalt? Die unbeantwortete Gretchenfrage

Die Antifa hat keinen Vorstand und keinen Eintrag im Vereinsregister, Antifa ist ein Sammelbegriff für „verschiedene, im Regelfall eher locker strukturierte autonome Strömungen der linken bis linksextremen Szene“: Die Definition stammt vom Wissenschaftlichen Dienst des Bundestags. Über die innere Organisation der beiden bekanntesten einschlägigen Gruppen in der Gegend – des Offenen Antifaschistischen Treffens Rems-Murr und des Antifaschistischen Aktionsbündnisses Stuttgart und Region – ist wegen ihres konspirativen Gehabes wenig bekannt. Insofern lässt sich nicht sagen, ob alle gewaltbereit seien. Eins aber fällt auf: Selbst Leute aus der Szene, die unter der Hand wenigstens verschwurbelt einzuräumen bereit sind, dass manche „Aktionsformen kontraproduktiv“ seien, würden das nie öffentlich erklären. Hier wirkt eine „Solidarität“, die Korpsgeist zum Verwechseln ähnlich sieht.

„Konsequent antifaschistisch“? Die Immunisierung gegen Kritik

Und in öffentlichen Statements via Internet werden die Gewalttäter aus den eigenen Reihen teils regelrecht gefeiert – diejenigen, die nun wegen des Überfalls auf die Zentrum-Automobil-Leute vor Gericht stehen, gelten den Kameraden, Pardon, den Genossen als „konsequent antifaschistisch“, weil sie sich in „handfesten Auseinandersetzungen mit Nazis“ bewährt hätten.

Man nennt das wohl ein geschlossenes Weltbild. In Antifa-Texten sind Polizisten gerne mal „die Bullen“; wenn „die Bullen“ Linke verhaften, die Rechte ins Krankenhaus geprügelt haben, dann handelt es sich um „staatliche Repression, mit der die antifaschistische Bewegung überzogen wird“; und selbst die Landratsamts-Außenstelle in der Schorndorfer Silcherstraße ist aus dieser hermetischen Perspektive ein Ort, der „symbolisch für die faschistische Kontinuität in Deutschland“ steht ...

Deshalb setzte es neulich auch gegen diese Gebäudewand rote Farbkugeln – eine besonders gründlich hirnschmalzbefreite Rüpelei. Denn in dieser Außenstelle sitzt das Amt für Soziales und Teilhabe, zahlt Wohngeld aus, leistet Ausbildungsförderung und betreut das Bildungs- und Teilhabepaket für Bedürftige.

Ein „bürgerlicher Journalismus“, der Gewaltaktionen gegen die AfD anprangert, spiele eine „untaugliche, ja behindernde Rolle im antifaschistischen Kampf“, heißt es in einem Antifa-Schreiben.

Frei übersetzt: Jeder, der an uns was auszusetzen hat, spielt den Faschisten in die Hände. So kann man sich natürlich restlos imprägnieren und immunisieren gegen jegliche Kritik und Selbstkritik.

Wofür steht die Antifa? Sind das Aufklärer gegen den Rechtsextremismus? Gewaltbereite Linksextremisten? Oder beides? Aus aktuellem Anlass: eine Bestandsaufnahme mit Rems-Murr-Bezug.

Diesen Februar hat sich die Antifa mal wieder von ihrer allerschlimmsten und ihrer allerbesten Seite gezeigt. Erst überrannte eine Horde Linksautonomer am helllichten Samstagvormittag auf dem Schorndorfer Wochenmarkt einen Wahlkampfstand der AfD dermaßen brachial, dass ein Funktionär mit

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