Rems-Murr-Kreis

Dreieinhalb Wochen für Lia: Mutige neue Wege in der Frühchen-Therapie

Frühchen
Dass diese junge Familie so unbeschwert vor der Winnender Klinik stehen kann, war vor knapp zwei Jahren ganz ungewiss. Heute guckt die kleine Lia zwar recht kritisch zum Fotografen, aber sie ist ein kerngesundes, quietschfideles Mädchen. © ALEXANDRA PALMIZI

Die Ärztin im Schorndorfer Rems-Murr-Klinikum habe wörtlich „Oh Scheiße“ gesagt. Mona, damals 27 Jahre alt, wurde direkt in einen Krankenwagen verfrachtet und nach Winnenden gefahren.

Dabei hatte alles so gut angefangen: Es sei, sagt Mona, eine Bilderbuch-Schwangerschaft gewesen. Ihre Frauenärztin habe immer gesagt: „Alles super!“ Doch dann kamen die Blutungen. Das war in der 25. Schwangerschaftswoche. Viel zu früh für ein Baby, um in die Welt zu schlüpfen. Die Kleine sollte eigentlich noch 15 Wochen und fünf Tage in Mamas Bauch wachsen.

Als Dr. Elionor Roma Mas, Gynäkologin am Rems-Murr-Klinikum Winnenden, die junge Frau untersuchte, streckte sich ihr aber schon ein Beinchen entgegen. Glücklicherweise noch umhüllt von der Fruchtblase, doch es war ganz klar: Wenn die Ärztin nicht eingreifen würde, würde dieses Baby in wenigen Stunden, in spätestens einem Tag geboren sein.

Die Mortalität bei so winzigen Babys liegt bei etwa 40 Prozent

Wenn eine solche Frühgeburt droht, passiert ganz schnell ganz viel. Die Lungenreife wird medikamentös beschleunigt, das Geburtsgewicht abgeschätzt. Das Kind hatte zwischen 600 und 700 Gramm. Die Mortalität bei so winzigen Babys liegt, sagt Dr. Ulrich Bernbeck, Neonatologe, also Fachmann für die ganz Kleinen, an der Winnender Kinderklinik, bei etwa 40 Prozent. Die, die überleben, haben ein erhebliches Risiko, schwere Schäden davonzutragen.

„Alles war so irreal“, sagt Mona. Sie lag da, hatte Angst um ihr Kind, ihr Mann Tobias kam dazu, die beiden entschieden sich: Unser Kind soll Lia heißen. Und sie beschlossen: Elionor Roma Mas sollte den Versuch wagen. Sie sollte, ganz langsam, ganz behutsam, das Beinchen wieder dorthin zurückbefördern, wo es hingehörte. Und dann würde sie im Leib von Mona eine Naht so setzen, dass der Muttermund wieder geschlossen war.

Die gewählte Therapie war ein mutiger Schritt und eine große Herausforderung

Medizinischer Usus ist es, ein Kind, von dem schon Körperteile die Gebärmutter verlassen haben, zu entbinden. Den anderen Weg zu gehen war für die Eltern ein mutiger Schritt und für die Ärztin „eine große Herausforderung“. Es sind die schwierigsten ethischen Fragen, die Eltern und Ärzte in einer für alle eigentlich unerträglichen Situation zu klären haben. Es geht um Leben und Tod. Und die Frage, wenn's denn Leben sein sollte, wie dieses Leben aussehen wird.

Die von den Eltern und der Ärztin gewählte Therapie ist gefährlich: Es drohen Infektionen, ein um einen Bruchteil eines Millimeters verrutschter Nadelstich kann die Fruchtblase zum Platzen bringen und dann ist jede Chance vertan, das Kind noch eine Weile im Mutterleib zu halten. Und doch: Jede Stunde, jeder Tag ist ein Gewinn fürs Kind. Jede geschenkte Woche ist wie ein Hauptgewinn im Spiel um ein gesundes Leben.

Wer in der Geburtshilfe arbeitet, dem drohen regelmäßig Gerichtsverfahren

Wer in der Geburtshilfe arbeitet, hat immer die Justiz im Nacken. Wer heute ins Krankenhaus geht, denkt, dass alles gutgehen muss. Es gibt ja schließlich unglaubliche Wunderapparate und Medikamente für oder gegen alles. Kliniken, sagt Ulrich Bernbeck, wurden noch nie angeklagt und verurteilt, weil Babys zu früh geholt wurden. Wenn jedoch die vorgeschlagene Therapie womöglich nicht zum gewünschten Erfolg führt, wenn unter der Therapie ein Schaden entsteht, dann hagelt es Klagen. Dann geht es um unglaubliche Summen. Dass es in der Medizin keine Garantie geben kann, dass niemand weiß, was gewesen wäre, wenn – das scheint niemanden zu interessieren.

Elionor Roma Mas sagt: „Es gibt immer ein Risiko“. Statistiken werten aus, wie oft und wie schwer Frühchen aus den jeweiligen Schwangerschaftswochen beeinträchtigt sind. Eine Statistik, wie viel besser es Frühchen geht, die mit allen Mitteln der Kunst noch eine Zeit im Mutterleib gehalten wurden, gibt es nicht. Die lässt sich nicht führen.

„Ich denke nicht an den Rechtsanwalt“

„Ich denke nicht an den Rechtsanwalt“, sagt Elionor Roma Mas. Sie will Zeit schinden, Reife gewinnen. Sie geht nicht den einfachen Weg. Als Lia mit 27 Wochen und fünf Tagen im Mutterleib dann doch zur Welt kam, hatte sie ihr Gewicht auf 1400 Gramm verdoppelt. Während Elionor Roma Mas noch im Kreißsaal arbeitete, stand Ulrich Bernbeck schon bereit, um Lia in Empfang zu nehmen. Natürlich musste die Kleine noch viele Wochen stationär gepflegt werden. Doch sie brauchte, sagt Bernbeck, erstaunlich wenig Intensivmedizin. Sie lag viel auf der Brust ihrer Eltern, sie entwickelte sich prächtig.

Die beiden Ärzte, sagen Mona und Tobias heute, seien ihre „Schutzengel“ gewesen. Lia ist heute fast zwei Jahre alt. Sie läuft, sie lacht, sie liebt Kürbismus. Und sie will es natürlich schon ganz alleine löffeln.

Die Ärztin im Schorndorfer Rems-Murr-Klinikum habe wörtlich „Oh Scheiße“ gesagt. Mona, damals 27 Jahre alt, wurde direkt in einen Krankenwagen verfrachtet und nach Winnenden gefahren.

Dabei hatte alles so gut angefangen: Es sei, sagt Mona, eine Bilderbuch-Schwangerschaft gewesen. Ihre Frauenärztin habe immer gesagt: „Alles super!“ Doch dann kamen die Blutungen. Das war in der 25. Schwangerschaftswoche. Viel zu früh für ein Baby, um in die Welt zu schlüpfen. Die Kleine sollte

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