Rems-Murr-Kreis

Dreist und dämlich: Leser deckt Auto-Tricks der Gebrauchtwagen-Betrüger auf

1304F828 TUEV-Seite, Gebrauchtwagen mit einem fetten Preis auf der Windschutzscheibe.
Gebrauchtwagen können Schnäppchen sein – aber manchmal steckt hinter einer hübschen Kleinanzeige auch ein Betrüger. © Ralph Steinemann Pessefoto

Die Gebrauchtwagen-Anzeige las sich gut – der Interessent aber hatte ein Näschen. Er nahm Witterung auf: Die Sache stank zum Himmel. Ein detektivisches Lehrstück über die raffinierten (und im Detail dann doch manchmal dämlichen) Autobetrug-Tricks der Heiligs-Blechle-Gauner ...

Es begann damit, dass „meine Frau die Zeitung durchgeblättert“ hat, erzählt Anselm Passauf (Name geändert, Original der Redaktion bekannt). Die Gattin stieß auf eine Kleinanzeige, die interessant klang: ein VW Tiguan, Erstzulassung 2012, ansprechender Preis: nicht mal 6000 Euro.

Auffällig war der angegebene Tacho-Stand: nicht 175 000 und nicht 180 000, sondern ein Wert dazwischen, bis auf den letzten Kilometer haargenau ausgewiesen. Na, da ist ja jemand penibel.

Kontaktaufnahme mit ... Oslo?! Der angebliche Verkäufer meldet sich

Passauf mailte dem potenziellen Verkäufer. Zurück kamen nicht nur ein paar karge Worte – richtig mitteilsam und zutraulich las sich das. Der Mann nannte seinen skandinavisch klingenden Namen, er sei über 70 und wohne in Oslo. Früher habe er in Stuttgart gelebt. Dort stehe das Auto noch in einer Garage. Er habe es nicht nach Norwegen mitnehmen können. Man könne einen Besichtigungstermin vereinbaren, er werde eigens dafür anreisen. Der Mann mailte sogar eine Kopie seines Passes und eine Buchungsbestätigung für ein Stuttgarter Hotel. Die Rückkehr nach Deutschland: schon geplant und eingetütet – sauber! Den Kaufpreis möge Herr Passauf vorab auf ein Treuhandkonto überweisen. Sollte doch kein Abschluss zustande kommen, werde das hinterlegte Geld zurückerstattet.

Anselm Passauf schaute sich die angehängten Fotos vom Auto an: nicht ganz neu, aber gut gepflegt. Auf einem Bild war im Hintergrund ein Verkehrszeichen zu sehen. Vorfahrt gewähren: Auf der Spitze stehendes Dreieck, außenrum rot gerahmt, und innen ... müsste es eigentlich weiß sein.

Und nicht gelb. War das Auto womöglich doch mal in Norwegen gestanden und dort abgelichtet worden? Passauf googelte: Das norwegische „Vorfahrt gewähren“-Schild sieht aus – wie das deutsche! Eines wie auf dem Foto, mit gelber Füllung, gibt es in Schweden. Komisch. Lieber mal anrufen.

Niemand erreichbar unter diesen Nummern: Mr. Marple erwacht

Die in der Annonce angegebene Handynummer funktionierte nicht. Eine in der Mail genannte norwegische Festnetznummer führte ebenfalls ins Nirwana. Und noch etwas war seltsam: Passaufs Anfrage an die in der Annonce verzeichnete Mail-Adresse war zwar angekommen – die Antwort aber kam von einem ganz anderen Account.

„Da ist bei mir der Mr. Marple rausgekommen“; der geistige Bruder der Detektivin aus den Agatha-Christie-Romanen. Passauf recherchierte.

Der Dienstleister, über den der angeblich Anreisewillige sein Stuttgarter Hotel gebucht hatte? Wirbt damit, dass man jederzeit kostenfrei stornieren könne. Die angehängten Pass-Kopien? Die Dokumenten-Nummer auf der Vorder- stimmte nicht mit der auf der Hinterseite überein. Und der externe Finanzdienstleister, über den die Vorkasse treuhänderisch abgewickelt werden sollte? Weist im Kleingedruckten darauf hin, dass bei Geschäften mit Fahrzeugen die Rücküberweisung ausgeschlossen sei. „Da kriegen Sie Schnappatmung.“

Der Schwager und das Angebot: Eine Falle wird aufgestellt

Passauf weihte seinen Schwager ein: Auch der antwortete nun auf die Kleinanzeige. Und bekam fast die haargenau gleiche Antwort; nur stand der Tiguan nun nicht in Stuttgart. Sondern angeblich in Pforzheim.

Er wolle das Auto unbedingt, mailte Passauf dem Anbieter, könne den Kaufpreis zwar nicht vor Besichtigung aufs Treuhandkonto überweisen, biete aber an, die Kosten fürs Flugticket aus Oslo und die Unterkunft in Stuttgart zu übernehmen – an welche Bankverbindung dürfe er überweisen?

Hübscher Versuch. Der Verkäufer antwortete (Rechtschreibung so im Original): „Wir brauchen nicht extra-Geld von Ihnen oder etwas Geld im Voraus zu empfagen. Wir haben genug Geld. Es ist besser wenn wir den Termin hier absagen.“

Der Tiguan ist überall: Ein Muster schält sich heraus

Passauf indes googelte weiter – und fand Angebote des Tiguans quer durch die Republik. Selbe Handynummer. Selbe technische Daten. Selbes Zulassungsjahr, sogar selber Zulassungsmonat! Selbes Datum der Haupt- und der Abgasuntersuchung. Und vor allem: derselbe Tachostand. Nicht 175 000, nicht 180 000, sondern genau dieser markante Wert dazwischen, bis auf den letzten Kilometer haargenau ausgewiesen, immer gleich. In regionalen Anzeigenportalen und -blättern von Oldenburg über Dresden bis München.

Die Masche kursiert offensichtlich schon lange. Bereits im Jahr 2010 wies ein Verbraucherportal darauf hin. Ein Muster zeichnet sich ab.

Erstens, die vertrauensbildende Mail: ein angehängtes Foto des angeblichen Verkäufers, manchmal gar mit Familie, oder ein gescannter Pass.

Zweitens, das realistische Schnäppchen: Auto sauber in Schuss, aber nicht so neu, dass das Angebot offensichtlich zu gut, um wahr zu sein, wirkt.

Die Tücken der Kontaktaufnahme

Drittens, das grenzüberschreitende Geschäft: Das Auto stehe in Deutschland, der Verkäufer aber lebe im Ausland – mal in Irland, mal in Frankreich, oft in Skandinavien; vielleicht, weil Nordlichter mit schnuckelig vertraut auf -sen oder -sson endenden Namen als vertrauenswürdig gelten?

Viertens: die Tücken der Kontaktaufnahme. Der Verkäufer antwortet zuverlässig per Mail, ist telefonisch aber nicht erreichbar.

Fünftens: Vorkasse an ein Treuhandkonto. Klingt vorderhand seriös, ist aber der Moment, in dem die Alarmglocke trommelfellzerfetzend schrillen sollte.

Die Anzeige wurde auch beim Zeitungsverlag Waiblingen geschaltet. Dank des Hinweises von Anselm Passauf hat der ZVW das Konto sofort gesperrt.

Aber Mr. Marple wird sich damit nicht begnügen: Nach dem Pfingsturlaub werde er Strafanzeige erstatten gegen den Herrn aus, nun ja, „Oslo“. Telefonnummern, Mailadressen, Schriftverkehr kann er der Polizei übereignen.

Die Gebrauchtwagen-Anzeige las sich gut – der Interessent aber hatte ein Näschen. Er nahm Witterung auf: Die Sache stank zum Himmel. Ein detektivisches Lehrstück über die raffinierten (und im Detail dann doch manchmal dämlichen) Autobetrug-Tricks der Heiligs-Blechle-Gauner ...

Es begann damit, dass „meine Frau die Zeitung durchgeblättert“ hat, erzählt Anselm Passauf (Name geändert, Original der Redaktion bekannt). Die Gattin stieß auf eine Kleinanzeige, die interessant klang: ein VW

Alle Abos jederzeit kündbar:
ZVW+ MONATLICH
Erster Monat gratis, danach 5,99 €/mtl.
ZVW+ JÄHRLICH
Statt 71,88 € (Zwei Monate gratis)
ZVW+ JÄHRLICH mit ePaper
mit täglichem Zugriff zum ePaper