Rems-Murr-Kreis

Ehrenamtliche Flüchtlingshelfer am Ende ihrer Kraft: „Ich würde es nicht noch mal machen“

Ausländerbehörde
Der Gang zur Ausländerbehörde ist nur einer von zahlreichen Behördengängen. © Alexandra Palmizi

Ukrainische Geflüchtete haben in diesen Tagen Post von den Kommunen bekommen. Ihnen wird ein kostenloses Impfangebot gemacht für die Schutzimpfung gegen Masern, Mumps und Röteln. Das ist gut und richtig. Allein: Der größte Teil der Geflüchteten dürfte wohl nicht verstehen, was in dem Brief steht, denn dieser ist auf Deutsch. Gefragt sind dann in vielen Fällen Ehrenamtliche, die Flüchtlinge bei sich aufgenommen haben. Und mit dem Übersetzen des Briefes mit Hilfe des Google Translator ist es nicht getan. „Wer das Impfangebot wahrnehmen möchte, muss sich über das Cosan-Portal anmelden. Die meisten Flüchtlinge haben aber gar keinen PC“, beschreibt einer dieser Ehrenamtlichen die Stolpersteine, die vor der Impfung stehen.

Der ehrenamtliche Helfer möchte anonym bleiben, wir nennen ihn deshalb Robert Müller. Er beschreibt, dass nicht nur die fehlende technische Ausstattung ein Problem ist für die Anmeldung bei Cosan: „Dem Schreiben folgt eine Buchungsanleitung, die zwölf Punkte umfasst. Da muss man sich selbst als Muttersprachler konzentrieren, das kann kein Geflüchteter verstehen.“ Dass am Ende dieser Anleitung noch die Information folgt, dass die Aufklärungsbogen zur Impfung auf Deutsch und Ukrainisch hinterlegt sind, helfe dann nur noch wenig, ebenso wie die Angabe eines Ansprechpartners im Brief, an den man sich mit Fragen wenden könne, „denn das können die Geflüchteten ja auch nicht lesen“, so Müller.

Die Arbeit für Ehrenamtliche wird auch nach Monaten nicht weniger

Und das ist nur eines von vielen Beispielen. Erster Ansprechpartner für die Flüchtlinge zu Fragen aus allen Lebenslagen sei immer er. Das begann am ersten Tag nach der Ankunft der Geflüchteten und habe sich bis heute nicht verändert, obwohl die von ihm aufgenommenen Geflüchteten inzwischen sogar in einer eigenen Wohnung leben, die er ihnen vermittelt hat. Natürlich habe er damit gerechnet, die Geflüchteten nicht nur mit Wohnraum, sondern auch mit Zeit zu unterstützen. „Doch die Dinge, mit denen ich gerechnet habe, werden immer mehr oder immer umfangreicher.“

Das beginne mit Fahrten nach München und Frankfurt zum Konsulat, um Zeugnisse amtlich beglaubigen zu lassen, gehe weiter mit Behördengängen wegen der Aufenthaltsgenehmigung und der Wohnungsummeldung, zu der die Flüchtlinge persönlich aufs Amt müssen, was sie aber wegen fehlender Sprachkenntnisse nicht alleine machen können. Hinzu kommen all die großen und kleinen Fragen des Alltags: Wie schließt man einen Mobilfunkvertrag ab, was können sich die Geflüchteten leisten, wie richtet man ein Konto und einen Dauerauftrag etwa für die Bezahlung der Müllgebühren ein und wie sind die Geflüchteten überhaupt versichert?

„Wer arbeitet, kann das kaum leisten“, sagt Müller. Natürlich werde er die von ihm anfangs aufgenommenen Geflüchteten nun nicht im Stich lassen, sondern ihnen weiterhin so gut wie möglich helfen. „Ich habe ein schlechtes Gewissen, denn wie sollen sie das alles schaffen? Doch ich schaffe es eigentlich auch nicht mehr.“ Robert Müllers Fazit ist so eindeutig wie bitter: „Noch einmal würde ich das nicht machen.“ Was man bräuchte, damit er es vielleicht doch noch einmal tun würde? Ganz klar: „Jemanden, der die Behördengänge erledigt.“

Integrationsmanager an der Belastungsgrenze

Wer in Winnenden Geflüchtete bei sich privat aufgenommen hat, hat genau das, sagt Manuela Voith, Leiterin des Amts für Soziales, Senioren und Integration in Winnenden. Drei Integrationsmanagerinnen sind für alle Geflüchteten in Winnenden zuständig, egal ob diese in einer städtischen Unterkunft oder privat (der überwiegende Teil der ukrainischen Flüchtlinge) untergebracht sind. „Ohne die Bereitschaft von Ehrenamtlichen, zu helfen, hätten wir ein riesiges Problem. Aber natürlich brauchen diese Ehrenamtlichen und die Geflüchteten Ansprechpartner.“

Grundsätzlich funktioniere das in Winnenden etablierte Vorgehen sehr gut, allerdings seien dort nicht die Ehrenamtlichen, aber die Integrationsmanagerinnen an der Belastungsgrenze, nachdem die Zahl der Geflüchteten durch den Ukraine-Krieg schnell und stark angestiegen sei von knapp 500 auf gut 700. „Die Mitarbeitenden bräuchten dringend Unterstützung, die Finanzspritze des Landes reicht aber nicht einmal für eine halbe Stelle“, sagt Manuela Voith.

Ehrenamtliche mit Burn-out sind keine Seltenheit

Monika Miller, Fachleiterin Soziale Hilfen bei der Caritas Ludwigsburg-Waiblingen-Enz, kennt das Problem, dass es bei der Betreuung von Flüchtlingen sowohl an hauptamtlichen Mitarbeitern als auch an ehrenamtlichen Helfern mangelt. Ehrenamtliche mit Burn-out seien keine Seltenheit: „Der erste Mensch, den die Geflüchteten im neuen Land kennenlernen, ist und bleibt immer ihr erster Ansprechpartner, sie vertrauen ihm.“

Hinzu komme, dass diese Ehrenamtlichen häufig auch Ansprechpartner für die Ämter seien. „Natürlich überfordert das die Menschen, die eigentlich nur eine Wohnung vermieten wollen.“ Hinzu komme, dass viele der Ehrenamtlichen, die nun ukrainische Geflüchtete aufgenommen hätten, sich zum ersten Mal in dieser Form engagierten und sich deshalb schwertäten, die richtige Balance aus Nähe und Distanz zu finden, schließlich wollten sie ja helfen, auch wenn es ihnen nach einiger Zeit über den Kopf wachse.

„Die Ukrainerzuwanderung war gewissermaßen außerhalb des Systems“, erklärt Miller. Normalerweise träfen Geflüchtete zunächst auf Sozialarbeiter, ehrenamtliche Helferinnen und Helfer unterstützten in der Regel nur nach ihren Möglichkeiten in den Unterkünften. Durch die Aufnahme in private Unterkünfte seien Ehrenamtliche aktuell sehr auf sich selbst gestellt. „Die vielen Wege und Formulare sind eine große Herausforderung“, sagt Miller. Hinzu komme, dass sich der Ehrenamtliche oft nicht nur um den Gang zum Amt kümmern müsse, sondern unter Umständen auch noch um einen ebenfalls ehrenamtlichen Dolmetscher zur Begleitung, dass dieser Gang überhaupt funktioniere. „Es gab schon immer zu wenig Dolmetscher und Sprachmittler, und die aktuelle Situation macht das wieder deutlich“, so Monika Miller. Sprache sei das A und O.

Ukrainische Geflüchtete haben in diesen Tagen Post von den Kommunen bekommen. Ihnen wird ein kostenloses Impfangebot gemacht für die Schutzimpfung gegen Masern, Mumps und Röteln. Das ist gut und richtig. Allein: Der größte Teil der Geflüchteten dürfte wohl nicht verstehen, was in dem Brief steht, denn dieser ist auf Deutsch. Gefragt sind dann in vielen Fällen Ehrenamtliche, die Flüchtlinge bei sich aufgenommen haben. Und mit dem Übersetzen des Briefes mit Hilfe des Google Translator ist es

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