Rems-Murr-Kreis

Ein Bäcker kann eine Frau sein, eine Bäckerin aber kein Mann: Es geht nicht nur ums Gendersternchen, es geht ums Ganze

Gendersternchen
Der Genderstern: An ihm scheiden sich die Geister. © Gabriel Habermann

Welch ein Gezerre – wegen eines Sternchens.

Als ob es nur ums Sternchen ginge. Es geht ums Ganze.

Als ginge es um ihr Leben, fetzen sich Leute um die Genderfrage: Wie muss sich Sprache ändern, damit sich alle gleich behandelt fühlen – und muss sie das überhaupt?

Die Rems-Murr-Kreisverwaltung sagt: Ja.

Der Grund steht im Leitfaden „gendergerechte Sprache“, herausgegeben von der Kreisverwaltung selbst: „Die Verwendung von Sprache prägt unsere Vorstellung eines Sachverhalts. Verwendet man die weibliche Form, ist einem sofort klar, dass eine Frau gemeint sein muss. Verwendet man die männliche Form, so gilt aber tatsächlich nichts anderes. Wird also ausschließlich die männliche Form genutzt, so entsteht eine Vorstellung, dass die handelnden Personen männlich sind.“

Der Kritiker selbst tut sich schwer mit der Logik

Dem vermutlich prominentesten, weil pointiertesten Kritiker einer geschlechtsneutralen Sprache dürften sich angesichts dieses Statements die Fußnägel aufrollen: Peter Eisenberg, 81 Jahre, ehemals Prof. für deutsche Sprache der Gegenwart an der Uni Potsdam, fürchtet, die Sprache wird völlig ohne Not „verhunzt“, und wer das Gendersternchen nutze, verachte sie. Aus Sicht des Linguisten diskriminiert die übliche Verwendung allein der männlichen Form niemanden – weil, so Eisenberg in einem Interview mit der Berliner Zeitung, das generische Maskulinum „etwas ganz Besonderes ist. Es liegt ein wenig außerhalb unseres normalen logischen Denkens“, analysiert Eisenberg. Sein Fazit sinngemäß: Spricht der Mensch von einem Bäcker, sind auch Frauen gemeint. Eine Bäckerin hingegen ist immer eine Frau.

Schon vor mehr als 30 Jahren zerpflückte die Sprachwissenschaftlerin Luise Pusch diese Sicht der Dinge: „99 Staatsbürgerinnen und ein Staatsbürger sind auf Deutsch 100 Staatsbürger. Die 99 Bürgerinnen können zusehen, wo sie bleiben; sie sind nicht der Rede wert. ... Das Medium Sprache aber ist grammatisch so organisiert, dass mit fast jedem Satz, in dem von Personen die Rede ist, die Vorstellung ‘männliche Person’ erzeugt wird. Denn unsere Grammatiken schreiben vor, dass jede noch so große Menge von Frauen symbolisch zu einer Männermenge wird, sobald nur ein einziger Mann hinzukommt.“

Diese Analyse stammt aus dem Jahr 1999.

Von gestern: Das starre Mann-Frau-Schema

Während sich die Sprach-Fachwelt noch immer am Genderstern abarbeitet, denken einige schon längst viel weiter: Die Vorstellung, es gibt Männer und Frauen, erkennbar an äußeren Merkmalen – diese Idee ist nicht mehr in Stein gemeißelt. Nicht ohne Grund lässt das Personenstandsgesetz in Deutschland seit ein paar Jahren die Varianten männlich, weiblich und divers zu. Mit Lifestyle-Krampf hat das nichts zu tun; die Verabschiedung des starren Mann-oder-Frau-Schemas beruht auf Erkenntnissen nicht zuletzt aus der Biologie: Die Geschlechtsentwicklung verläuft mitnichten so eindeutig wie gedacht. Letztlich, so eine Einschätzung aus der Genderforschung, haben es Menschen lieber mit einfachen Schubladen als mit unbeherrschbarer Komplexität zu tun: Also ging man die längste Zeit einfach davon aus, es gibt zwei Geschlechter, eins mit Penis und eins ohne – Punkt.

Eine Zeit lang galten Generalklauseln als Mittel der Wahl – inzwischen nicht mehr. Diese Klauseln besagen, man belässt es in einem Text bei einem einmaligen Hinweis: Es wird die männliche Form verwendet, aber alle sind mit gemeint. Solche Klauseln sollten „nicht verwendet werden“, heißt es im Leitfaden der Rems-Murr-Kreisverwaltung: Diese Floskeln seien „nicht geschlechtergerecht“.

Keine fixen Regeln wie in der Rechtschreibung

Was tun? Überall den Genderstern verwenden? Oder das große „I“ in der Mitte? Oder nur noch von Studierenden und Arbeitenden und Teilnehmenden sprechen? Von Personen, Elternteilen und Lehrkräften?

Asche auf unser Haupt: Diese Zeitung hat auch – noch – keine verbindliche Lösung parat, wie geschlechtsneutrale Sprache am besten umzusetzen sei. Prof. Dr. Gabriele Diewald und Dr. Anja Steinhauer sind da schon sehr viel weiter: Die beiden Autorinnen erklären in ihrem Buch „Richtig gendern“ (Dudenverlag), wie’s geht oder besser: gehen kann. Denn es gibt fürs Gendern keine fixen Regeln wie etwa für die Rechtschreibung. „Richtig gendern“ bedeutet ganz einfach, man nutze den gesunden Menschenverstand – und setze geschlechtergerechte Sprache sinnvoll um, auf verständliche Weise und der jeweiligen Situation angemessen.

Klare Anweisungen klingen anders.

Unterdessen gendern viele einfach drauflos, und man gewöhnt sich unerwartet schnell daran: Wer gern Radio hört, stutzt schon lang nicht mehr. Moderatorinnen und Moderatoren verwenden mal sowohl die weibliche als auch die männliche Form, lassen hin und wieder beim Sprechen eine Pause für den Stern oder belassen es immer mal wie gehabt bei der männlichen Form – und siehe da: Der bunte Mix wirkt lebendig, authentisch, passend. Zu kreativen Lösungen raten unterdessen auch Gabriele Diewald und Anja Steinhauer: Die Langform „Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter“ oder „Sparformen“ wie „Mitarbeiter/-innen“ lassen sich auch mal ersetzen durch Begriffe wie „Belegschaft“ oder „Kollegium“. Weitere Beispiele: „Niemand“ statt „keiner“. „Treffen der Leitungsebene“ statt „Abteilungsleitertertreffen“. „Spionagethriller“ statt „Agententhriller“. „Menschen ohne Vorkenntnisse“ statt „Anfänger“. „Pflegefachkraft“ statt „Krankenschwester“.

Logisch lassen sich jede Menge Beispiele finden, mit deren Hilfe sich das Thema ins Lächerliche ziehen lässt. Als der Duden ankündigte, in seiner nächsten Online-Ausgabe dem Gendern viel mehr Raum geben zu wollen, entbrannte ein kleiner Sturm der Entrüstung.

Er legte sich auch wieder.

Welch ein Gezerre – wegen eines Sternchens.

Als ob es nur ums Sternchen ginge. Es geht ums Ganze.

Als ginge es um ihr Leben, fetzen sich Leute um die Genderfrage: Wie muss sich Sprache ändern, damit sich alle gleich behandelt fühlen – und muss sie das überhaupt?

Die Rems-Murr-Kreisverwaltung sagt: Ja.

Der Grund steht im Leitfaden „gendergerechte Sprache“, herausgegeben von der Kreisverwaltung selbst: „Die Verwendung von Sprache prägt unsere Vorstellung eines

Alle Abos jederzeit kündbar:
ZVW+ MONATLICH
Erster Monat gratis, danach 5,99 €/mtl.
ZVW+ JÄHRLICH
Statt 71,88 € (Zwei Monate gratis)
ZVW+ JÄHRLICH mit ePaper
mit täglichem Zugriff zum ePaper