Rems-Murr-Kreis

Ein Chefinnen-Duo weist den Weg: So funktioniert Amtsleitung im Tandem

Führung in Teilzeit
Sie tragen als Amtsleiterinnen Verantwortung für rund 100 Beschäftigte: Marie-Christine Scholze (links) und Dr. Mascha Bilsdorfer. © Alexandra Palmizi

Es funktioniert, weil sie es können und wollen: Marie-Christine Scholze und Dr. Mascha Bilsdorfer leiten im Tandem das Haupt- und Personalamt am Landratsamt, womit sie eine Vorreiterinnenrolle übernehmen: Ein Amt führt sonst meistens einer allein.

Im Videocall werfen sich die beiden Juristinnen gegenseitig die Bälle zu, dass es eine wahre Freude ist. Wie sie als Chefinnen-Duo nach innen wirken und wie nach außen, das wirkt sich aufs Betriebsklima aus, und beide werden den Teufel tun, Energie zu verschwenden für sinnlose Machtspielchen. Die Chemie scheint zu stimmen zwischen den beiden.

Marie-Christine Scholze war zuerst da. 2017 übernahm sie die Leitung des Haupt- und Personalamts. Seit Pfingsten 2020 ist die Landesbeamtin Mascha Bilsdorfer mit im Boot. Die promovierte Juristin hatte zunächst das Amt für Zulassung und Fahrerlaubnis geleitet. Als Landesbeamtin ist die 31-Jährige eigentlich beim Innenministerium verortet, doch zählen Abordnungen in Kommunal- und Kreisverwaltungen zum üblichen Karriereweg von Führungskräften in spe.

„Wirklich Gold wert“: Home-Office, digitale Tools

Man ahnt es schon, die Tandemlösung hat durchaus was mit Elternzeit und Vertretung zu tun. Momentan ist die Vertretungsfrage wieder sehr aktuell.

„Wirklich Gold wert“ ist, sagt Marie-Christine Scholze, dass man jetzt viel mehr von zu Hause aus arbeiten kann. Die 39-Jährige kam „auf dem Zahnfleisch daher“, das räumt sie offen ein, als sie die Amtsleitung noch alleine stemmte, sich im Privaten wie im Beruflichen die Aufgaben ballten und zusätzlich die Corona-Krise allen Beteiligten Höchstleistungen abverlangte. Schlicht „ein Segen“ war’s, als Mascha Bilsdorfer im Juni 2020 ins Leitungsteam einstieg. Die beiden Chefinnen haben Aufgabenbereiche aufgeteilt: Für Personal- und Organisationsentwicklung zeichnet Mascha Bilsdorfer verantwortlich, während Marie-Christine Scholze sich um die IT und die Zentralen Dienste kümmert. Trotz dieser Aufgabentrennung muss stets jede über alles informiert sein, darauf legen die beiden Führungskräfte größten Wert: Man nimmt sich gegenseitig ins „cc“ bei Mails, nach Besprechungen folgt die Info-Weitergabe an die andere, und obgleich diese dauernde Abstimmung Zeit frisst, werden die beiden Frauen an umfassender Kommunikation nicht sparen, denn darauf fußt das gesamte Modell.

Uneingeschränkte Rückendeckung

Es ist ein Modell, das die Hausspitze, sprich, der Landrat, nicht nur mitträgt, sondern mit aller Kraft fördert und unterstützt, das betonen Marie-Christine Scholze und Mascha Bilsdorfer ein ums andere Mal. Mit uneingeschränkter Rückendeckung lässt sich ein herausfordernder Arbeitsalltag leichter bewältigen – das ist das eine. Noch viel mehr Einfluss aufs Wohlgefühl und in der Folge auf die Schaffenskraft hat die grundsätzliche Sichtweise in einem Haus, ganz egal, ob es sich um eine öffentliche Verwaltung handelt oder um ein privatwirtschaftliches Unternehmen. Wer Beschäftigten, die nach einer Elternzeit in den Beruf zurückkehren wollen, das Gefühl vermittelt, sie sollten besser in dankbarer Demut verharren – der schießt sich selbst ins Knie. Vermutlich dauert’s noch eine Zeit, bis flächendeckend durchdringt, was klar auf der Hand liegt: Menschen erwerben in der Elternzeit Kompetenzen, die man im beruflichen Umfeld bestens gebrauchen kann.

Ein Geben- und-Nehmen-Spiel mit Schwerpunkt Geben

Es handelt sich um ein Geben und Nehmen. Stimmt schon, eine Führungskraft, die sich parallel um ein krankes Kleinkind kümmern muss, sagt eventuell kurzfristig eine Besprechung ab. So oft kommt das nicht vor, zumal jede(r) für diese Fälle versucht, ein Netzwerk zu knüpfen. Sollten Großeltern eine tragende Rolle spielen – umso besser.

Unterdessen bleibt Teil 1 im Geben-und-Nehmen-Spiel meist ausgeprägter als Teil 2: Wer würde nicht noch schnell dies und das und jenes noch abends oder am Wochenende erledigen, um nur ja nicht ins Hintertreffen zu geraten und niemandem Anlass zur Sorge zu liefern: Na ja, die Mami halt, die packt das nicht.

Marie-Christine Scholze packt das, zumal ihr das Amt schlicht megawichtig ist, wie sie sagt. Dennoch: Ein Spaziergang ist es nicht, so viele Bälle gleichzeitig in der Luft zu halten, und das ewig gefühlte schlechte Gewissen, weder dem Kind noch dem Job zu 100 Prozent gerecht zu werden, plagt schon auch. „Es muss möglich und leistbar sein“, sagt die 39-Jährige, sprich, Aufgabenspektrum und Arbeitszeit müssen zusammenpassen, sonst kostet das alles auf Dauer zu viel Kraft. Als Amtsleiterin könne sie „was gestalten, was bewegen“, Gutes für die Belegschaft bewirken – das ist es, was sie anspornt.

Vereinbarkeit von Familie und Beruf geht beide Elternteile an

Ob eine Person überhaupt Führungsaufgaben anstrebt oder nicht, hat viel mit Vorbildern zu tun, mit Prägungen aus der Kindheit, denken beide Frauen. Marie-Christine Scholze verweist auf ihren Vater, der als Unternehmer bestimmte Werte vermittelte – „das war für mich ein Privileg“, sagt die Juristin. Mascha Bilsdorfers Mutter, obgleich familiär aufgrund besonderer Umstände stark eingespannt, habe ihr stets vermittelt, Eigenständigkeit und Berufstätigkeit seien absolut erstrebenswert – „auch wenn’s mal stressig ist“. Wer sich Kinder wünscht, sollte nicht in eine „Angstsituation“ geraten und sich vor die Wahl gestellt fühlen – Kinder oder Karriere. „Man kann beides haben“, sagt Mascha Bilsdorfer, und zwar auf eine viel entspanntere Weise, sofern Arbeitgeber das fördern – für Eltern, wohlgemerkt, nicht nur für Frauen. In einem anderen Amt in der Kreisverwaltung hat ein Männertandem das Sagen – auch das ein Zeichen dafür, dass die Dinge im Fluss sind und das Thema Vereinbarkeit von Familie und Beruf eines ist, welches beide Elternteile betrifft.

"Ein kollegialer Umgang ist die Grundvoraussetzung"

Wie auch immer solche Modelle ausgestaltet sind, „ein kollegialer Umgang ist die Grundvoraussetzung“, sagt Mascha Bilsdorfer. Erstes Interesse müsse sein, das Amt gut zu führen – nicht Lorbeeren ernten zu wollen. „Es muss Vertrauen gegeben sein“, ergänzt Marie-Christine Scholze. „Alpha-Themen“, wie sie es nennt, sollten besser in einem Tandem keinen Raum erhalten, sprich: Beide müssen glänzen dürfen, keine sollte sich nach vorne drängeln.

Die Tandem-Lösung ruht nun eine Weile, denn eine weitere Elternzeit steht an. Wie es danach weitergeht, wird man sehen. Vielleicht im Tandem?

Das Beste wär’s.

Es funktioniert, weil sie es können und wollen: Marie-Christine Scholze und Dr. Mascha Bilsdorfer leiten im Tandem das Haupt- und Personalamt am Landratsamt, womit sie eine Vorreiterinnenrolle übernehmen: Ein Amt führt sonst meistens einer allein.

Im Videocall werfen sich die beiden Juristinnen gegenseitig die Bälle zu, dass es eine wahre Freude ist. Wie sie als Chefinnen-Duo nach innen wirken und wie nach außen, das wirkt sich aufs Betriebsklima aus, und beide werden den Teufel tun,

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