Rems-Murr-Kreis

Ein Dauerläufer gegen vier Neulinge: Im Wahlkreis Backnang werden am 14. März die Karten neu gemischt

Wahlplakate
Der Wahlkampf in den Berglen. © ALEXANDRA PALMIZI

Im Wahlkreis Backnang werden die Karten neu gemischt. Nur Gernot Gruber bleibt am Tisch. Der Backnanger Landtagsabgeordnete hat es am 14. März mit neuen Spielern bei CDU, Grünen, FDP und AfD zu tun. Nach zwei Jahrzehnten im Landtag kandierte Wilfried Klenk (CDU) nicht wieder. Nachfolger des 61-Jährigen aus Oppenweiler will Georg Devrikis aus Murrhardt werden. Sollte die AfD ähnlich abschneiden wie 2016, so hat ihr Kandidat Daniel Lindenschmid wieder gute Chancen für einen Sitz im Landtag. 2016 hatte der AfD-Bundesvorsitzende Jörg Meuthen ein Zweitmandat im Wahlkreis erhalten. Doch ein Jahr später verließ Meuthen den Landtag in Richtung Brüssel. Da der AfDler aber in zwei Wahlkreisen angetreten war, verlor der Wahlkreis seinen Abgeordneten.

Der „Schorsch“

Georg Devrikis, CDU

Es ist ein Kreuz mit der CDU und den Frauen. Nach jedem Wahldebakel schreiben sich die Christdemokraten die Förderung von Frauen auf ihre Fahnen - und wenn’s zum Schwur kommt, macht ein Mann das Rennen. So 2015, als Wilfried Klenk sich bei der Nominierung für das Amt des Landtagspräsidenten gegen Friedlinde Gurr-Hirsch durchsetzte und den Höhepunkt seiner politischen Karriere erreichte. Und 2020 hätte die CDU im Wahlkreis Backnang die Chance gehabt - nach Rosely Schweizer (1992-2001) -, wieder eine Frau zu nominieren. Ins Rennen ging die CDU-Regionalrätin Christine Stumpp, 32. Doch die Parteibasis entschied sich für den Murrhardter Gemeinderat und Ortsverbandsvorsitzenden Georg Devrikis.

Der „Schorsch“, wie sich Georg Devrikis gut schwäbisch nennt, kann eigentlich nur gewinnen. Mit 27,7 Prozent im Wahlkreis Backnang lagen Wilfried Klenk und die CDU im März 2016 auf dem Boden. „Heimatverbunden und weltoffen“, stellt sich Devrikis auf seiner Internetseite vor: „39 Jahre alt, katholisch, von Beruf Bankkaufmann und stolzer Vater einer 16-jährigen Tochter“. Seit über 23 Jahren wohne er in Murrhardt, „mitten in unserem schönen Wahlkreis“.

Corona beeinflusst den Wahlkampf immens, beantwortetet Devrikis unsere Anfrage, wie er den Corona-Wahlkampf 2021 angehen will: „Vor allem natürlich für die neuen Kandidaten, die im Wahlkreis noch nicht so bekannt sind.“ Er sieht seine Chance im Online- Wahlkampf darin, Wähler zu erreichen, die man auf „konventionellem“ Wege nicht erreichen würde, „vor allem auch viele junge Menschen, die vielleicht nicht auf dem Wochenmarkt am Stand vorbeikommen würden“.

Im Schäferwagen

Ralf Nentwich, Grüne

Die Grünen schicken mit Ralf Nentwich einen neuen Kandidaten ins Rennen. Der 38-Jährige stammt wie Georg Devrikis aus Murrhardt und ist Mitglied des Gemeinderates. Von Beruf Realschullehrer, leitete Nentwich seit 2010 das Kreismedienzentrum in Backnang und ist seit 2015 Chef der Zentren in Backnang und Waiblingen. Mit dieser Aufgabe sei er am „Puls der Digitalisierung“ und will diese Erfahrungen in die Landespolitik einbringen, schreibt Nentwich auf seiner Homepage.

Wahlkampf in Coronazeiten erfordere Kreativität und eine neue Form der Planung. Fast alle Veranstaltungen und Gesprächsformate würden online stattfinden. „Da mir der persönliche Kontakt und die Bürgernähe sehr wichtig sind, werde ich im Wahlkampf mit einem umgebauten Schäferwagen den Wahlkreis erkunden.“ Nentwich wirbt auf seinen Plakaten mit „Für gute Bildung und Digitalisierung“. Doch die Einschränkung eines digitalen Wahlkampfes sind ihm bewusst. „Politik lebt im Wahlkampf vom Austausch mit den Menschen und funktioniert im direkten Austausch von Mensch zu Mensch noch immer am besten.“ Er setzt darauf, durch neue Formate auch Zielgruppen anzusprechen, die in einem klassischen Wahlkampf nicht berücksichtigt wurden. Über soziale Medien könne er medial schneller auf Themen reagieren und den Menschen seine politischen Themen viel schneller nahebringen oder Fragen beantworten.

Hochburg

Daniel Lindenschmid, AfD

Nach der Wahl 2016 gab die AfD im Wahlkreis Backnang nur ein kurzes Stelldichein. Ihr Spitzenkandidat Jörg Meuthen erreichte mit 19,7 Prozent ein überdurchschnittliches Ergebnis, kam in den Landtag und wurde Fraktionsvorsitzender. 2017 wechselte Meuthen jedoch nach Brüssel ins Europaparlament. Der Wahlkreis Backnang zählt zu den Hochburgen der AfD im Land und in der Region. Sie kam in Spiegelberg auf 26,6, in Großerlach auf 22,8 Prozent und in Alfdorf auf 22,1 Prozent.

Am 14. März tritt für die AfD Daniel Lindenschmid, 28, an. Der gelernte Fachinformatiker arbeitet seit 2017 für den Abgeordneten Lars Patrick Berg als Parlamentarischer Referent im Landtag und gehört seit 2015 dem AfD-Kreisvorstand an, dessen Vorsitzender er zwischen 2019 und 2020 war. Bei der Kommunalwahl 2019 wurde Lindenschmid in den Kreistag Rems-Murr und in die Regionalversammlung gewählt.

„Der klassische Wahlkampf auf der Straße wird sich bei dieser Wahl weitestgehend auf die Briefkästen und Laternenmasten beschränken“, sagt Lindenschmid über den Coronawahlkampf. „In der Theorie kann man heute die meisten Menschen online erreichen.“ In der Praxis müssten die Wähler jedoch gezielt auf die Social-Media- und Web-Seiten der Kandidaten navigieren – „oder man als Kandidat viel Geld in die Hand nehmen, um sich Reichweite auf diesen Plattformen zu kaufen“.

Dauerläufer

Gernot Gruber, SPD

Gernot Gruber, 58, ist nicht nur Mathematiker, was in seinen Reden im Kreistag oder Landtag aufblitzt. Der Backnanger ist auch sportbegeistert. Auf seiner Homepage findet sich auf der Navigationsleiste „Sport“, unter dem Gruber die Ergebnisse seiner Dauerläufe auflistet. Den Silvesterlauf in Backnang über zehn Kilometer absolvierte er 2019 in 42.21 Minuten. Als Gruber erstmals in den Landtag gewählt wurde, schaffte er die zehn Kilometer unter 36 Minuten.

Gruber will auch im Landtag zum Dauerläufer werden. Nach 2011 und 2016 kandidiert er am 14. März zum dritten Mal und hat bei seiner Nominierung erklärt, dass er im Persönlichkeitswahlrecht seine Chance sieht, erneut ein Mandat zu gewinnen. Mit 15,7 Prozent erreichte Gruber als mit seiner Heimat verwurzelter Abgeordneter das landesweit achtbeste Ergebnis der SPD – drei Prozentpunkte über dem Landesschnitt seiner Partei.

Im Landtag ist Gruber Sprecher seiner Partei für Sport, Energie- und Klimaschutz und sitzt im einflussreichen Finanzausschuss. Regelmäßig meldet er sich im Wahlkreis zu Verkehrsthemen zu Wort. Weil er selbst regelmäßig mit S-Bahnen und Regionalzügen unterwegs ist, weiß er, wo den Fahrgästen der Schuh drückt.

Aufgrund der Corona-Situation plant Gruber keine klassischen Veranstaltungen in geschlossenen Räumen. Er setzt im Wahlkampf auf Telefonsprechstunden, auf die Beantwortung von E-Mail-Anfragen, digitale Diskussionsangebote sowie Infostände und „politische Spaziergänge, soweit die Corona-Lage dies zulässt“. Zwar sei der direkte Kontakt zu den Bürgern im Wahlkreis schwieriger, doch die Rückmeldungen zeigten ihm, „dass viele mich und meine Arbeit als Abgeordneter kennen, weil ich in allen 17 Städten und Gemeinden auch außerhalb von Wahlkampfzeiten vor Ort bin und ein offenes Ohr für die Anliegen der Menschen und der Städte und Gemeinden habe“.

Im Clinch

Charlotte Klinghoffer, FDP

Die Kandidatur von Charlotte Klinghoffer für die FDP ist außergewöhnlich. Die Backnanger Gemeinde- und Kreisrätin ist im Clinch mit der FDP. Gegen sie läuft ein Ausschlussverfahren. Das liegt zwar derzeit auf Eis. Aber die Bestattungsunternehmerin versteht sowieso nicht, was die FDP gegen sie hat. Klinghoffer hatte bei der Kommunalwahl 2019 auf der Liste von Gudrun Wilhelm fürs Regionalparlament kandidiert, nachdem Wilhelm von ihrer Partei bei der Nominierung düpiert worden war. Sie trat mit einer eigenen Liste an. Ohne Erfolg. In den Kreistag wurden Wilhelm und Klinghoffer hingegen auf der FDP/FW-Liste gewählt, aber aus der Fraktion ausgeschlossen.

Bei der Nominierung für den Landtag setzte sich Klinghoffer im Sommer 2020 gegen Björn Michl durch. Der FDP-Kreisverband machte gute Miene zum bösen Spiel. Im Mitgliederbrief schrieb der Kreisvorsitzende Jochen Haußmann dazu: „Nach dem Landtagswahlrecht ist eine Mitgliedschaft keine Voraussetzung für eine Kandidatur.“

Charlotte Klinghoffer setzt in ihrem Wahlkampf auf soziale Medien – und das Thema Corona. „Corona braucht Augenmaß!“ schreibt sie beispielsweise: „Die Zukunft unserer Kinder, das Überleben der Wirtschaft und das soziale Miteinander dürfen keinen weiteren Schaden nehmen. Viele Maßnahmen sind willkürlich und intransparent.“ Diese quer zum Mainstream liegende Position bringe ihr viel Zuspruch ein. Zum Beispiel von alleinerziehenden Frauen, die auf ihre Jobs angewiesenen seien und sich nicht verstanden fühlten. Wegen Corona werde die Wahlbeteiligung steigen, denn dieses Thema erreiche auch Bürger, die bisher nicht zur Wahl gingen.

Sonstige

Im Wahlkreis Backnang stehen am 14. März insgesamt 13 Parteien und Listen zur Wahl:

  • Die Linke: Dr. Annette Keles, Hochschuldozentin aus Backnang;
  • Ökologisch-Demokratische Partei/Familie und Umwelt (ÖPD): Norbert Barhold, Lehrer aus Spiegelberg).
  • Piraten: Philip Köngeter, Mechatroniker aus Welzheim. Er ist Gemeinde- und Kreisrat.
  • Partei für Arbeit, Rechtsstaat, Tierschutz, Elitenförderung und basisdemokratische Initiative Die Partei: Alexander Lisson, Gastronom aus Backnang.
  • Freie Wähler: Konstantinos Kefalas. Sozialpädagoge aus Vaihingen/Enz. Diese Partei ist nicht zu verwechseln mit den Freie-Wähler-Listen, die in vielen Gemeinderäten und im Kreistag vertreten sind.
  • Basisdemokratische Partei Deutschland dieBasis: Joachim Reymann, Ökonomiecoach aus Waiblingen.
  • Klimaliste Baden-Württemberg: Berthold Daubner, Unternehmer aus Mühlacker.
  • Partei WIR2020: Nico Mast, Freier Architekt aus Flein.

Im Wahlkreis Backnang werden die Karten neu gemischt. Nur Gernot Gruber bleibt am Tisch. Der Backnanger Landtagsabgeordnete hat es am 14. März mit neuen Spielern bei CDU, Grünen, FDP und AfD zu tun. Nach zwei Jahrzehnten im Landtag kandierte Wilfried Klenk (CDU) nicht wieder. Nachfolger des 61-Jährigen aus Oppenweiler will Georg Devrikis aus Murrhardt werden. Sollte die AfD ähnlich abschneiden wie 2016, so hat ihr Kandidat Daniel Lindenschmid wieder gute Chancen für einen Sitz im Landtag.

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