Rems-Murr-Kreis

Ein DJ in Wartestellung: Wie Andreas Dressler bisher durch die Pandemie gekommen ist und was er sich für die Zukunft erhofft

dj-andy Schorndorf Manufaktur. DJ Andy legt seit 25 Jahren in der Manufaktur auf
Wann wird’s mal wieder so schön sein wie hier in der Manufaktur lange vor der Pandemie? DJ Andy hofft das Beste. © Benjamin Buettner

Online-Disco schön und gut, aber DJ Andy alias Andreas Dressler vermisst volle Tanzflächen, feiernde Menschen, sein Leben als Hobby-DJ. Er ist froh und dankbar, dass er wieder an die Turntables denken kann. Denn um ein Haar hätte er sein Gehör verloren – nicht wegen Corona. Trotzdem hat das Jahr sein Leben auf den Kopf gestellt.

Er könne von Glück sagen, dass alles „halbwegs glimpflich“ ablief. „Für das, was ich alles erlebt habe, geht es mir gut“, sagt Andreas Dressler alias DJ Andy und lacht dazu, herzhaft und sympathisch. Das Lachen war ihm zwischenzeitlich vergangen. Bei ihm kam’s geballt, während des ersten Lockdowns. Kopf angeschlagen. Paar Takte Fußball gespielt mit Freunden. Keine Beule bekommen. Nichts dabei gedacht. Wenige Tage später Schmerzen wie verrückt. „Ich hatte Kopfschmerzen wie noch nie in meinem Leben“, sagt er. Dann: Kliniken, OP, zwei Monate Reha-Programme hoch und runter. Die waren seine Rettung. Inzwischen habe er zur Lebensqualität zurückgefunden. Da er nur Hobby-DJ ist, konnte ihm Corona finanziell nichts anhaben; Dressler ist fest angestellt bei der Paulinenpflege. Dort musste er sich im Corona-Jahr in einen neuen Bereich einarbeiten. Dann ist seine knapp 100-jährige Mutter verstorben. „Ich konnte ihr in den letzten Lebenswochen nicht mehr nahe sein, weil Klinikbesuche coronabedingt wegfielen, das schmerzt.“ Hinzu kamen die gesundheitlichen Probleme: „Meine rechte Seite war taub, ich habe mit dem rechten Ohr nichts mehr gehört.“ Seit er körperlich wieder auf dem Damm ist und wieder hören kann, habe er täglich Gründe genug, „positiv nach vorne zu schauen“.

Kontakt halten via Online-Disco

Er freue sich auf den Tag, an dem er endlich wieder als DJ in der Rockdiskothek Belinda steht: Vor sich das treue Publikum, zu dem er seit Corona durch regelmäßige Online-Discos Kontakt hält. Auch neue Musikfans hätten reingeschaut, die sonst zu seinen Ü-30- und Ü-40-Partys strömen. DJ Andy moderiert, chattet mit den Leuten. Aber DJ-Sein fühlt sich entschieden anders an: „Es ist schrecklich, in der leeren Disco zu stehen und so zu tun als ob“, sagt Dressler. „Die Leute sind daheim, tanzen in der Wohnung herum, es ist etwas ganz anderes.“ Machen tue er es, um in Übung zu bleiben, und auch für die Belinda, die in Sachen Musikkultur im Kreis seit Jahrzehnten eine Institution ist - in etwa so wie Andy. DJ Andy ist Musikfreak durch und durch. Er hat in den 1980ern in der Manufaktur in Schorndorf aufgelegt, später im Schwanen und parallel in der Belinda. Er kommt aus der guten alten Vinyl-Zeit, mischt heute die alten Rockklassiker-Riemen mit aktuellen Sounds und Hits.

Mit Abstand tanzen und mit Maske? – Eher nicht

„Vor Corona war ich immer in Sachen Musik unterwegs, habe alle Ferien mit Konzertbesuchen verbunden, mehrmals Amerika, und dort Konzerte von Bands gesehen, die in Europa nie auftreten.“ Von überall habe er neue Interpreten und Impulse mitgebracht. Das erklärt seine immense Bandbreite als DJ, mit der er die Geschmäcker quer durch alle Generationen seit 30 Jahren begeistert. Wie das DJ’ing nach der Pandemie sein wird, das könne er sich noch gar nicht richtig vorstellen. „Ehrlich gesagt will ich es mir auch grad gar nicht ausmalen“, bringt er seine Zweifel zum Ausdruck. „Ich vermisse die volle Tanzfläche, das wogende Meer, die Leute, wie sie mitsingen und feiern“, sagt er und muss wieder herzhaft lachen. „Auseinander tanzen mit Maske geht nicht. Man kann schlecht den Leuten auf der Tanzfläche einen festen Platz zuweisen.“

Er gehe davon aus, dass es in seiner Branche erst wieder richtig losgeht, „wenn alle geimpft sind und wir die Herdenimmunisierung haben“. Im Club, beim Tanzen, da gehe es um Körperkontakt. „Die Meute möchte miteinander feiern, tanzen und sich auch antanzen, miteinander singen und reden.“ Er merke es auch jetzt, online, im Chat. „Viele wollen nur etwas über ein Lied wissen, andere suchen das Gespräch oder haben einfach Lust auf eine lockere Plauderei - wie in der Disco halt.“ Er frage immer, wie es ihnen geht. „Sie erkundigen sich auch untereinander, da findet ein Austausch statt.“

Prognose: Sobald wieder möglich, wird’s richtig voll

„Wenn wieder alles offen ist, dann muss vermutlich angebaut werden, so voll wird es werden“, malt er überspitzt aus. Ihm sei die Lust nicht vergangen. Etwas kürzertreten werde er – „das hätte ich sowieso getan“, meint er. Vielleicht nicht mehr bis nachts um drei Uhr durchmachen, auch bei der Anzahl an Terminen „ein wenig zurückschrauben“. Doch ans Aufhören denkt der 59-Jährige nicht. „Ich entscheide, wann ich mich zu alt fühle und aufhöre, ich lasse mich nicht von einem Virus vertreiben, es wird weitergehen.“

Online-Disco schön und gut, aber DJ Andy alias Andreas Dressler vermisst volle Tanzflächen, feiernde Menschen, sein Leben als Hobby-DJ. Er ist froh und dankbar, dass er wieder an die Turntables denken kann. Denn um ein Haar hätte er sein Gehör verloren – nicht wegen Corona. Trotzdem hat das Jahr sein Leben auf den Kopf gestellt.

Er könne von Glück sagen, dass alles „halbwegs glimpflich“ ablief. „Für das, was ich alles erlebt habe, geht es mir gut“, sagt Andreas Dressler alias DJ Andy

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