Rems-Murr-Kreis

Ein Jahr Spurensicherung nach Vergewaltigung am Winnender Klinikum: Ein „unverzichtbares Angebot“

Spurensicherung nach Vergewaltigung Feature
Je schneller eine Frau (oder auch ein Mann) nach einem sexuellen Übergriff in die Klinik kommt, um Spuren sichern zu lassen, desto besser. © Landratsamt

Sexuelle Gewalt hinterlässt tiefe seelische Wunden. In den meisten Fällen kommt es im nahen Umfeld zu Übergriffen. Der Ehemann, der Partner, ein Verwandter, ein Bekannter ist der Täter, nicht etwa ein Wildfremder. Vergewaltigung ist eine schwere Straftat, dem Täter droht Haft. Nicht nur deshalb quälen sich Frauen lange mit der Frage, ob sie zur Polizei gehen sollen oder nicht.

Sie können sich monatelang Zeit damit lassen und trotzdem eine klare Beweislage schaffen: Das Rems-Murr-Klinikum Winnenden verspricht Soforthilfe nach einer Vergewaltigung, das heißt, auf Wunsch sichert eine Ärztin, ein Arzt Spuren, die später vor Gericht verwertbar sind. Das Klinikum mischt sich nicht ein in die Entscheidung, ob die Frau tatsächlich Anzeige erstatten möchte. Ein Jahr lang bleiben die Spuren sicher verwahrt.

Nach Soforthilfe: Zwei von 20 Frauen haben Anzeige erstattet

20 Frauen haben seit November 2019 die Soforthilfe in Anspruch genommen. Die Gynäkologin Dr. Stefanie Grüneklee vom Winnender Klinikum weiß von zwei Frauen, die sich danach für eine Anzeige entschieden haben. Zur Polizei zu gehen empfinden die Betroffenen als „großes Hemmnis“, so die Ärztin, die am Freitag zusammen mit Dr. Oranna Keller-Mannschreck von Pro Familia und Landrat Dr. Richard Sigel Bilanz nach dem ersten Projektjahr zog.

„Wir stehen voll und ganz weiter hinter dem Angebot“, verspricht Sigel; die Finanzierung sei gesichert. „Sehr betroffen“ habe er zur Kenntnis genommen, wie häufig es innerhalb von Partnerschaften oder in der Familie zu schweren sexuellen Übergriffen komme.

In der Klinik „ist es niemand egal, was da passiert ist“

Als „unverzichtbares Angebot“ bezeichnet Pro-Familia-Leiterin Oranna Keller-Mannschreck die Soforthilfe nach Vergewaltigung. Nach einem sexuellen Übergriff bricht für Betroffene eine Welt zusammen. In der Klinik erfahren sie, es kümmert sich jemand um sie, ihre Not wird ernst genommen, und es ist dort „niemand egal, was da passiert ist“.

Die Frage, ob Anzeige erstattet werden soll oder nicht, rückt erst mal in den Hintergrund. Viel wichtiger ist in der ersten Zeit danach, dass die Frauen wieder ein Gefühl von Selbstbestimmtheit bekommen, ihre körperliche und psychische Integrität zurückerlangen. Zumal es in der Klinik nicht allein um die Sicherung der Spuren geht. Frauen erhalten eine professionelle medizinische Versorgung. Es geht um Infektionsschutz, ums Behandeln von Verletzungen – und vielleicht auch um die Frage, ob eine Schwangerschaft entstanden sein könnte. Falls diese Gefahr besteht und Frauen es möchten, erhalten sie in der Klinik die Pille danach, verspricht Dr. Stefanie Grüneklee. Auf Wunsch können die Frauen auch nur die medizinische Versorgung in Anspruch nehmen und auf die Spurensicherung verzichten. Die Frauen treffen die Entscheidungen, das ist ganz wichtig.

So schnell wie möglich in die Klinik kommen

Männern steht die Soforthilfe ebenfalls offen; auch Männer sind vor sexuellen Übergriffen nicht geschützt. Bisher kamen allerdings ausschließlich Frauen nach einer Vergewaltigung ins Klinikum, berichtet Dr. Grüneklee. Sie appelliert an Betroffene, sich so schnell wie möglich auf den Weg zu machen. Sollten beispielsweise K.-o.-Tropfen eine Rolle spielen, fällt der Nachweis wesentlich leichter, je weniger Zeit bereits verstrichen ist.

Zu jeder Tages- und Nachtzeit an jedem Tag im Jahr wird sich jemand um Betroffene kümmern, sagt Dr. Grüneklee. Es kann höchstens sein, dass es mal zu Wartezeiten kommt. Wie lange die Untersuchung mit Spurensicherung dauert, lässt sich pauschal nicht sagen. Zwei, drei Stunden sind schnell vergangen, bis alles getan ist. Informationen werden nur analog, nicht digital erfasst. Anonyme Spurensicherung ist nicht vorgesehen – aber vertraulicher Umgang mit den Daten ist garantiert.

Nach der medizinischen Versorgung müssen die Frauen nicht allein mit allem bleiben. Die Anlaufstelle gegen sexualisierte Gewalt des Kreisjugendamts kümmert sich um Betroffene im Alter bis 21 Jahre. Ältere Frauen erhalten Hilfe bei Pro Familia.

Wunsch: Eine zentrale Gewaltschutzambulanz

Der Rems-Murr-Kreis ist bisher der einzige Landkreis in der Region Stuttgart, der Vergewaltigungsopfern diese Art kostenfreie Hilfe anbietet. In Ludwigsburg ist man aktuell dran, diese Soforthilfe ebenfalls auf den Weg zu bringen, so Dr. Grüneklee. Sie wünscht sich eine Gewaltschutzambulanz für die Region Stuttgart, in welcher alle Fäden zusammenlaufen und Frauen alle Hilfen, auch psychosoziale Versorgung, an einer zentralen Stelle erhalten könnten. Ein überregionaler Zusammenschluss dieser Art wäre wünschenswert – liegt aber momentan eher noch in weiter Ferne.

Sexuelle Gewalt hinterlässt tiefe seelische Wunden. In den meisten Fällen kommt es im nahen Umfeld zu Übergriffen. Der Ehemann, der Partner, ein Verwandter, ein Bekannter ist der Täter, nicht etwa ein Wildfremder. Vergewaltigung ist eine schwere Straftat, dem Täter droht Haft. Nicht nur deshalb quälen sich Frauen lange mit der Frage, ob sie zur Polizei gehen sollen oder nicht.

Sie können sich monatelang Zeit damit lassen und trotzdem eine klare Beweislage schaffen: Das

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