Rems-Murr-Kreis

Ein Jahr Taliban-Herrschaft: So geht es Familie Parsa im Rems-Murr-Kreis heute

Familie Parsa aus Afghanistan
Ein Jahr ist seit der Machtübernahme der Taliban in Afghanistan vergangen. Familie Parsa kam im letzten Jahr nach Deutschland. Auf dem Bild: Nawid Parsa und seine beiden jüngeren Töchter Sedna (links) und Musbah. © Gabriel Habermann

Auf die Frage, wie es seiner Familie und ihm heute geht, antwortet Nawid Parsa, ohne zu zögern, mit „Gut, sehr gut. Wir haben hier wieder ein richtiges Leben“. Ein Jahr ist vergangen, seit die Taliban in Afghanistan die Macht übernommen haben. Der 38-jährige Afghane gehört zu den „Glücklichen“, die es geschafft haben, nicht nur selbst aus dem Land zu entkommen. Parsa konnte – wenn auch mit einigen Schwierigkeiten – auch seine Frau (36) und seine drei Töchter zu sich nach Deutschland holen.

Die Erleichterung darüber ist in seiner Stimme zu hören, Nawid Parsa kann wieder lachen. Nach einem Jahr im Rems-Murr-Kreis wirkt der dreifache Vater deutlich ausgeglichener. „Wir sind in Sicherheit.“ Zwei seiner drei Töchter (11 und 14 Jahre alt) gehen zur Schule, die Dritte (5) ist im Kindergarten. Ein viertes Baby ist unterwegs. Die Töchter haben hier Freunde gefunden und mögen ihre Lehrerinnen und Lehrer sehr.

Den genauen Ort seiner Wohnanschrift im Kreis möchte Parsa nach wie vor nicht in der Zeitung abgedruckt haben. Weiterhin fürchtet er die Rache der Taliban.

"Flüchtlingsunterkunft ist kein gutes Umfeld für Kinder"

Ein Wermutstropfen an seiner jetzigen Situation sei, dass die Familie nach wie vor in einer Flüchtlingsunterkunft wohnt. „Verstehen Sie mich bitte nicht falsch, ich bin sehr dankbar für alles“, beteuert Parsa. Innerhalb seiner eigenen vier Wände in der Flüchtlingsunterkunft sei alles in Ordnung. Was ihm jedoch Sorgen bereitet, ist die Umgebung.

Unter den Flüchtlingen seien eben auch jene, wegen derer öfter die Polizei anrücken würde. „Das ist kein gutes Umfeld für Kinder“, sagt der 38-Jährige. Seine Kinder mussten in jungen Jahren bereits viel durchmachen. „Sie haben einen Krieg erlebt, mussten in ihrer Heimat alles aufgeben und haben eine traumatische Flucht hinter sich.“ Was sie jetzt brauchen, ist Ruhe, um sich auf die Schule konzentrieren zu können.

Als Mitarbeiter einer ausländischen Hilfsorganisation war und ist sein Leben in Gefahr, weshalb Parsa die Flucht nach Deutschland antrat. Die Ausreise sei einigermaßen problemlos gewesen. Anders war es bei seiner Frau und den Töchtern. Mit viel bürokratischem Aufwand, Geduld und der Hilfe von Anwälten konnte Parsa seine Frau und Töchter herholen.

Am 15. August übernehmen die Taliban die Macht in Afghanistan

Angesprochen auf die Familienmitglieder und Freunde, die in Afghanistan verblieben sind, verdüstert sich Nawid Parsas Miene. „Die meisten Afghanen sprechen vom 15. August als dem schwarzen Tag von Afghanistan“, sagt der 38-Jährige. Es ist eine sehr schwierige Situation und den Menschen dort geht es sehr schlecht. Viele leiden unter großer Armut. Erst kürzlich habe er wieder mit einem Freund telefoniert. Was der Freund zu berichten hatte, habe ihn sehr, sehr traurig gestimmt. Um zwei Uhr nachts klopfte ein Nachbar bei dem Freund an die Tür und bat um etwas Geld. Die Frau des Nachbarn sei schwanger gewesen, das Baby im Bauch wahrscheinlich gestorben. Die Ehefrau benötigte dringend eine OP, der Arzt wollte sie jedoch nur operieren, wenn der Ehemann die umgerechnet 20 bis 30 Euro bezahle. Unglücklicherweise konnte der Freund nicht weiterhelfen und der Nachbar musste weiter fragen. „Stellen Sie sich vor, das Leben dieser Frau hängt von 20 oder 30 Euro ab“, sagt Parsa fassungslos. Und das sei nur einer von vielen Fällen.

Von anderen Leuten hätte er gehört, dass sie ihre Kinder an reiche, kinderlose afghanische Ehepaare verkauften, um ihren anderen Kindern etwas zum Essen kaufen zu können. Oder sie veräußerten ihre Habseligkeiten und Häuser. „Ich kenne Leute, die vorher Ärzte oder Ingenieure waren und nun für ein bis zwei Dollar am Tag arbeiten, um ihren Familien abends etwas Brot mitzubringen. So ist die Situation momentan für zwei Drittel der afghanischen Bevölkerung.“

Auch wenn er und seine Familie jetzt in Sicherheit sind, ist Afghanistan in ihren Gedanken stets präsent. Mindestens zwei bis dreimal die Woche telefonieren Parsa und seine Frau mit Familienmitgliedern in der Heimat. Die Eltern seiner Frau sind noch dort. „Jedes Mal, wenn meine Frau mit ihren Eltern gesprochen hat, merke ich, dass sie geweint hat.“

Lange Wartezeit auf Deutschkurs

Bei der Machtübernahme hätten die Taliban versprochen, den Frieden zu wahren. Seither habe sich die Situation nur verschlechtert. Unter den Taliban gebe es kein Recht auf Meinungsfreiheit. „Als ich noch in Afghanistan war, habe ich die Taliban selbst erlebt. Das sind finstere Gestalten und sie werden sich nicht ändern“, so Parsa.

Unterdessen versucht die Familie, sich in Deutschland zu integrieren. „Meine Frau kann es kaum abwarten, endlich an einem Deutschkurs teilnehmen zu dürfen.“ Ihr Asylantrag laufe noch. Solange sie ihren Bescheid nicht bekommen hatte, konnte sie keine Kurse besuchen. Letzten Monat kam die Bewilligung dann. Wann es mit dem Kurs losgehen kann, stehe noch nicht fest. In der Zwischenzeit versuchen Nawid Parsa und seine Frau ihre Deutschkenntnisse mit Hilfe von Youtube-Videos und dem Fernseher zu verbessern.

Daneben arbeitet Navid Parsa ehrenamtlich mit Hilfsorganisationen zusammen. Häufig wird er kontaktiert, wenn jemand zum Dolmetschen benötigt wird. Manchmal begleitet er auch andere Flüchtlingen zum Arzt oder anderen Terminen. „Ich will etwas für die Gesellschaft tun und anderen Flüchtlingen helfen, sich zu integrieren.“

Auf die Frage, wie es seiner Familie und ihm heute geht, antwortet Nawid Parsa, ohne zu zögern, mit „Gut, sehr gut. Wir haben hier wieder ein richtiges Leben“. Ein Jahr ist vergangen, seit die Taliban in Afghanistan die Macht übernommen haben. Der 38-jährige Afghane gehört zu den „Glücklichen“, die es geschafft haben, nicht nur selbst aus dem Land zu entkommen. Parsa konnte – wenn auch mit einigen Schwierigkeiten – auch seine Frau (36) und seine drei Töchter zu sich nach Deutschland

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