Rems-Murr-Kreis

Ein Lokaljournalist mit Leib und Seele sagt Tschüss: Martin Winterling verabschiedet sich nach fast 38 Jahren beim Zeitungsverlag Waiblingen in den Ruhestand

Fellbacher Heide
„Immer wieder hingerissen“ war und ist Martin Winterling von einem seiner Lieblingsorte: Die Steppenheide auf dem Fellbacher Kappelberg, der Kappelberg an sich als „Bindeglied und Grenze zugleich zwischen Großstadt und Provinz“. © ALEXANDRA PALMIZI

Den vermutlich größten Shitstorm erntete Martin Winterling nach einem Rundschlag über Waffenbesitzer: „Hetze“ warfen ihm Waffenfreunde vor, übelste Polemik gar, und im Übrigen habe er „hanebüchenen Unsinn“ verzapft. Winterlings Reaktion auf weit unter die Gürtellinie zielende Anfeindungen, Angriffe, Anschuldigungen: Er ziehe seine „bösartige Hetzbehauptung“, wer eine Waffe besitze, benutze sie auch, zurück und bitte um Gnade, schrieb Winterling demütig. Einen Satz später legte er allerdings nach – voller Reue, schrieb er ironisch, be- und erkenne er nun: „Nur wer eine Waffe besitzt, ist ein Mensch.“

Zum 1. Juli verabschiedet sich Martin Winterling in den Ruhestand. Fast 38 Jahre ist es her, als er seine Redakteursausbildung beim Zeitungsverlag Waiblingen begann.

„Ich hoffe“, schrieb er sinngemäß in seiner Abschiedsmail, denn eine große Feier fiel wegen Corona aus, „dass die journalistischen Grundsätze, die ich beim Zeitungsverlag mit schwarzer Brühe und Remstäler Trollinger quasi als Muttermilch aufgesogen habe“, den digitalen Wandel überdauern.

Er selbst hat den Spagat mit der ihm eigenen Gelassenheit und mit nie versiegender Begeisterung für den schönsten aller Berufe gewuppt: Man muss die Grundsätze nicht aufgeben, nur weil die Zeiten sich ändern. Man muss an den Grundsätzen festhalten, weil sich die Zeiten ändern.

Erst Schreibmaschine, heute Berichterstattung in Echtzeit

Als Reporter schrieb er für die lokale Wirtschaftsseite, als Chef ließ er seinem Rems-Murr-Rundschau-Team stets vertrauend lange Leine, als Betriebsratsvorsitzender zuckte er nie vor harten Verhandlungen zurück. Annähernd 40 Jahre beim selben Arbeitgeber liegen jetzt hinter ihm, und obgleich er dem Zeitungsverlag Waiblingen stets treu blieb, veränderte sich Winterlings Arbeitsalltag ständig, und ständig schneller.

Nostalgische Rückblicke im Sinne von „Weißt du noch“ mag der 64-Jährige nicht sonderlich, doch ein, zwei Erinnerungen dieser Art seien erlaubt: Anfangs hackte Winterling seine Berichte in der Welzheimer Lokalredaktion in eine immerhin elektrische IBM-Kugelkopfschreibmaschine. Im Spätdienst klebten früher Beschäftigte, deren Beruf es gar nicht mehr gibt, ausgedruckte Artikel auf Papier. Als Volontär durfte Martin Winterling persönlich und täglich bei der Polizei in Waiblingen deren Bericht abholen, beziehungsweise den oft unleserlichen Durchschlag davon.

"Wer hat, dem wird gegeben"

Schon länger muss keine/r mehr Gedrucktes irgendwo holen, es sei denn, man ist Zeitungsausträger/-in. Die eingesparte Zeit gilt’s effizient zu nutzen: Der moderne Mensch mag sogleich und sofort wissen, was wo geschieht. Eine zu Recht anspruchsvolle Leserschaft schätzt damals wie heute meinungsstarke Berichterstattung. Um solche war Martin Winterling nie verlegen: „Die Wohnungsnot ist nur ein Ausschnitt – oder vielleicht die Spitze des Eisberges – eines weitaus größeren Problems“, schrieb er im Frühjahr 2018. Sein Kommentar ließe sich heute problemlos erneut abdrucken, da aktuell wie eh und je: „Geld wird von unten nach oben umgeschichtet. Wer hat, dem wird gegeben.“

Martin Winterlings „stabil geeichten moralischen Kompass“ schätzt einer seiner Weggefährten besonders: Nie habe der Journalist davor zurückgeschreckt, Finger in Wunden zu legen, anzuecken, gegen den Strich zu bürsten und damit natürlich auch Kritiker auf den Plan zu rufen, deren Widerworte – bis hin zu persönlichen Schmähungen gegen ihn selbst, etwa in Leserbriefen – er jedoch unbedingt auch ungeschminkt in der Zeitung lesen wollte.

Was er nicht in der Zeitung sehen wollte, war Hofberichterstattung. Ein Wirtschaftsbericht, in dem von „zweistelligen Zuwachsraten“ die Rede ist, sei die Druckerschwärze nicht wert, wenn die Umsatzangabe dazu fehlt, schrieb Winterling bereits 1996 in einer Schrift der Bundeszentrale für politische Bildung. Seine Konsequenz in diesem Punkt brachte ihm im einen oder anderen Fall „langjährige, eisige Schweigeperioden zwischen Unternehmen und Redaktion“ ein, und oft brach das dicke Eis erst mit einem Generationen- und Geschäftsführerwechsel.

"Es ist nicht alles schlechter geworden. Im Gegenteil"

Die beinahe täglich erschienene lokale Wirtschaftsseite, die Martin Winterling mit unzähmbarem Fleiß bestückte, wurde abgeschafft irgendwann, die lokale Wirtschaftsberichterstattung blieb, die kompetente Begleitung der Kommunalpolitik im Kreistag auch. Nicht nur in diesem Punkt hat es Martin Winterling stets verstanden, das Gute von früher wie das Gute von morgen fest im Blick zu behalten. „Es ist nicht alles schlechter geworden. Im Gegenteil“, findet er, der als passionierter Pedelec- und Motorradfahrer ungezählte Male auf zwei Rädern zwischen Stuttgart und Waiblingen pendelte. Nicht nur, aber auch mit Blick auf „schwarze Brühe“ (nicht politisch gemeint!) betont er das Positive am Fortschritt: Ein viel zu starker Kaffee floss früher aus einer viel zu selten erneuerten Kaffeemaschine in der Miniküche der Redaktion. Die Brühe wich einer formidablen Auswahl exzellenter Kaffee-Variationen, gratis zapfbar am ebenso formidablen Vollautomaten.

Tarifverträge fallen nicht vom Himmel

„Denkt nicht“, schreibt Martin Winterling dem Nachwuchs nichtsdestotrotz ins Stammbuch, „dass Tarifverträge vom Himmel fallen. Sie müssen mit Gewerkschaften ausgehandelt und oft genug erstreikt werden.“

Dem Himmel näher als unten im Remstal fühlt sich Martin Winterling oben am Kappelberg. Er schätzt den Panoramablick von dort oben, sofern er nicht verreist ist momentan oder als Pedelec-Trainer agiert.

„Schade, dass ich schon gehen muss“, meint der Lokalreporter augenzwinkernd, und das Bedauern hat ganz sicher nicht nur mit Frischobst-Mangel zu tun, weil er jetzt vom Obstkorb für die Redaktion nicht mehr profitiert.

Ja, das ist wirklich schade, dass er schon geht.

Den vermutlich größten Shitstorm erntete Martin Winterling nach einem Rundschlag über Waffenbesitzer: „Hetze“ warfen ihm Waffenfreunde vor, übelste Polemik gar, und im Übrigen habe er „hanebüchenen Unsinn“ verzapft. Winterlings Reaktion auf weit unter die Gürtellinie zielende Anfeindungen, Angriffe, Anschuldigungen: Er ziehe seine „bösartige Hetzbehauptung“, wer eine Waffe besitze, benutze sie auch, zurück und bitte um Gnade, schrieb Winterling demütig. Einen Satz später legte er allerdings

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