Rems-Murr-Kreis

Ein Parteiausschluss liegt in der Luft: Die Grünen drohen dem Waiblinger Revoluzzer Alfonso Fazio mit Rauswurf

DemoCariati
Alfonso Fazio, der grüne Umstürzler aus Waiblingen. © Gaby Schneider

Der Konter kam umgehend und mit Schmackes – in einer schneidend kurzen Stellungnahme droht der Landesverband der Grünen dem Waiblinger Alfonso Fazio mit dem Rauswurf aus der Partei. Damit ist die nächste Eskalationsstufe erreicht in  einem bizarren, weithin einzigartigen Fall mit delikater Vorgeschichte. Im Raum steht nun die Frage, ob es auch bei den Grünen „alte weiße Männer“ gibt, die  nicht damit umgehen können, wenn die Zeiten sich ändern ...

Am Dienstag hat Alfonso Fazio – 64 Jahre alt und seit 30 Jahren Mitglied bei den Grünen – eine „kleine Revolution“ ausgerufen, wie er selbst es nannte: Er will als unabhängiger Direktbewerber bei der Landtagswahl antreten; und damit in Konkurrenz treten zur von den Parteimitgliedern  im Wahlkreis Waiblingen als Bewerberin nominierten Swantje Sperling, 36. Das erklärte er unserer Zeitung – wir veröffentlichten unseren Bericht am Dienstagabend auf zvw.de und am Mittwochmorgen in der gedruckten Zeitung. Es dauerte nur wenige Stunden, bis die unmissverständliche Reaktion der baden-württembergischen Grünen vorlag.

Kein Schnörkel, kein Gramm Speck hängt an der Mitteilung, sie kommt Satz für Satz glasklar auf den Punkt, unter Verzicht auf jedes Einerseits-Andererseits: „Die Kandidatin von Bündnis 90/Die Grünen im Landtagswahlkreis Waiblingen ist Swantje Sperling“, heißt es in der E-Mail einer Sprecherin des grünen Landesverbands. „Der Landesvorstand wird es nicht akzeptieren, dass sich ein grünes Parteimitglied auf eigene Faust in Konkurrenz zur Kandidatin unserer Partei setzt. Wir fordern Alfonso Fazio dazu auf, von diesen Plänen Abstand zu nehmen – sonst werden wir ein Parteiausschlussverfahren gegen ihn einleiten.“

Alfonso Fazio, seine Tochter Marilena - und die Konkurrentin Swantje Sperling

Der landesweit einmalige Fall, dass ein grünes Parteimitglied sich über den Mehrheitsbeschluss der Basis bei der Kandidaturnominierung hinwegsetzt und eine Gegenbewerbung auf eigene Faust aufzieht, hat eine mehr als aparte Vorgeschichte. Ursprünglich hatte sich Alfonso Fazio nämlich gar nicht für die Nachfolge von Willi Halder interessiert, der sich 2021 im Wahlkreis Waiblingen nicht mehr zur Wahl stellt. Stattdessen hatte seine Tochter Marilena Fazio ihre Ambitionen angemeldet. Sie aber unterlag bei der Abstimmung in der internen Vorausscheidung gegen Swantje Sperling, die aus Remseck stammt. Erst nun beschloss Alfonso Fazio - mit der Begründung, es „kotze“ ihn „an“, wenn eine von auswärts Kommende das Halder-Erbe übernehme -, selber anzutreten. Aber eben nicht als gewählter Bewerber der Grünen, sondern als unabhängiger Kandidat ohne Parteiunterstützung.

Überraschend an der grünen Parteiausschluss-Drohung gegen Alfonso Fazio ist allenfalls die Schnelligkeit der Reaktion. Inhaltlich konnte eigentlich überhaupt keine andere Antwort aus der Parteizentrale kommen, darüber sind sich alle Beobachter der Politszene einig. Denn Fazios Kandidatur wird absehbar die Chancen von Swantje Sperling, das Direktmandat im Wahlkreis Waiblingen zu holen, drastisch senken und damit auch die Grünen insgesamt schwächen; sprich: die Partei schädigen. Die Konstellation nämlich ist folgende: Vor fünf Jahren gewann Willi Halder mit 27,8 Prozent der Stimmen hauchdünn das Direktmandat gegen Siegfried Lorek, CDU (26,2). Es war von Anfang an klar, dass es 2021 äußerst schwer werden würde, diesen Triumph zu wiederholen. Erreichbar wäre das, da waren sich die Grünen intern einig, nur mit äußerster Geschlossenheit und einem höchst intensiven Wahlkmapf. Wenn es nun aber zu einem grünen Familienkrieg kommt und  Fazio Sperling Wählerstimmen abspenstig macht, dürfte CDU-Lorek im März nach der Wahl als lachender Dritter dastehen.  

Der Grüne Alfonso Fazio, ein alter weißer Mann?

Hinter den Kulissen grummelt es jetzt heftig.

Hier und da gibt es zwar offenbar Verständnis für Alfonso Fazio. Denn Swantje Sperling ist eben eine Reingeschmeckte und hat nicht seit Ewigkeiten Basisarbeit für die Rems-Murr-Grünen geleistet. Manchen Altgedienten gefällt es nicht, dass neuerdings ambitionierte junge Grüne von auswärts aussichtsreiche Kandidaturposten übernehmen und ihren Weg in die Berufspolitik suchen.

Aber es gibt auch viele, vor allem Jüngere, die das komplett anders sehen und fassungslos sind ob Fazios Attacke: Sperling sei ja schließlich, wenngleich erst 36 Jahre alt, auch schon seit 18 Jahren Mitglied bei den Grünen und habe sich im sehr nahen Kreis Ludwigsburg und in Remseck viele Jahre kommunalpolitisch engagiert als Gemeinde- und Kreisrätin. Dass die Bereitschaft junger Frauen, nun höhere Ämter zu übernehmen, alten Platzhirschen wie dem wortgewaltigen Polterer Fazio nicht schmecke, sei ein Zeichen dafür, dass es leider auch bei den eigentlich doch als fortschrittlich geltenden Grünen „alte weiße Männer“ gebe, die es nicht ertragen könnten, wenn nicht alles laufe, wie es ihnen passt.

Der Konter kam umgehend und mit Schmackes – in einer schneidend kurzen Stellungnahme droht der Landesverband der Grünen dem Waiblinger Alfonso Fazio mit dem Rauswurf aus der Partei. Damit ist die nächste Eskalationsstufe erreicht in  einem bizarren, weithin einzigartigen Fall mit delikater Vorgeschichte. Im Raum steht nun die Frage, ob es auch bei den Grünen „alte weiße Männer“ gibt, die  nicht damit umgehen können, wenn die Zeiten sich ändern ...

Am Dienstag hat Alfonso Fazio – 64

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