Rems-Murr-Kreis

Eine Lehre aus der Coronakrise: Die Schule ist mehr als Unterricht

Sozialer Markt Berufsschule
Auch das ist Schule: Am beruflichen Schulzentrum Schorndorf konnten sich im vergangenen Jahr die Schüler bei einem "sozialen Markt" über Aids-Prävention, Rechtsextremismus, Drogenhilfe oder  sexualisierte Gewalt informieren. Foto: © Palmazi

Corona hat auch seine guten Seiten: Viele Schüler haben wieder große Lust auf Schule. Denn Schule, so haben sich nach wochen- und monatelangem Home-Schooling und Pauken vor dem Laptop bemerkt, ist mehr als Unterricht. Schule ist ein Ort der Begegnung. Der jährliche Schulbericht im Verwaltungs-, Schul- und Kulturausschuss des Kreistages fiel anders aus als in Vorjahren. Er stand ganz im Zeichen von Corona. Schüler, Lehrer und Schulleitungen haben harte Zeiten hinter sich – und sehr große Herausforderungen vor sich. Darin war sich Stefan Weißert, Geschäftsführender Schulleiter der Berufsschulen im Rems-Murr-Kreis, mit Günther Rathgeb, Schulleiter der Christian-Morgenstern-Schule Waiblingen, einig.

Ob die rund 660 Kinder und Jugendlichen an den Sonderpädagogischen Bildungs- und Beratungszentren im Rems-Murr-Kreis oder die fast 10 800 Jugendlichen und jungen Erwachsenen an den beruflichen Schulen: Corona war ein tiefer Einschnitt für Schüler wie für die Lehrer und Schulleitungen. Stefan Weißert leitet die Grafenbergschule in Schorndorf und kann ein Lied von den Schwierigkeiten singen, nachdem im März die Schulen dichtgemacht wurden. Kaum hatten er und seine Kollegen/-innen Pläne geschmiedet, wie der Unterricht umgestellt werden kann, kam schon wieder eine neue Verordnung – und alles war wieder über den Haufen geworfen. Letztlich, so Weißert, mussten die Schulen selbst entscheiden.

Sicher ist nur der Personalmangel

Das größte Problem beim Home-Schooling ist, dass die Lehrer gar nicht alle Schüler erreichen konnten. „Die Schulen müssen für den digitalen Unterricht besser aufgestellt werden“, ist für Weißert eine der wichtigsten Lehre aus Corona. Inzwischen sind die Schulen wieder geöffnet – aber nur vier von fünf Lehrern sind mit an Bord. 20 Prozent zählen zu den Risikogruppen. Bis Ende Juli müssen noch rund 700 Schüler an seiner Schule die Prüfungen nachholen. Unter strengen Hygiene- und Infektionsschutz-Auflagen, versteht sich. Wie aber der Unterricht im nächsten Schuljahr weitergeht, darauf hat der Schulleiter heute keine Antwort. Nur eins ist sicher: der Personalmangel, weil jeder fünfte Lehrer fehlen wird.

Sorgen macht sich Weißert über die Folgen des monatelangen Lockdowns. Sozial benachteiligte Schüler wurden noch weiter zurückgeworfen. Mehr denn je gilt für ihn: „Digitaler Unterricht kann Schule als sozialen Raum nicht ersetzen.“ Diese Erfahrung hat auch Günther Rathgeb an den Sonder- und Förderschulen gemacht. „Wir haben Schüler, die jetzt gerne in die Schule gehen!“ Ja, die plötzlich Lust an Schule zeigen. Auch die Lehrer an dieser Schulart waren nicht auf Corona und Home-Schooling vorbereitet. Viele Eltern waren digital nicht erreichbar. Viele fühlten sich mit der Zeit überfordert von ihren Kindern. Eine der Folgen: Die Entwicklungsunterschiede bei den Schülern vergrößern sich – zum Nachteil der schwächeren Kinder, befürchtet Rathgeb.

Seine Schule, die Christian-Morgenstern-Schule, besaß nur einen einzigen Laptop mit Kamera. Was blieb den Lehrern übrig, als auf ihre eigenen Geräte zurückzugreifen. Aber Rathgeb räumt auch ein, dass auch nicht alle Lehrer auf Höhe der Zeit sind. „Die Medienkompetenz der Lehrer ist ...“, sagte Rathgeb und zögerte, „entwicklungsfähig.“ Mit Blick auf das restliche Schuljahr ist klar, dass kein voller Unterricht möglich ist, deshalb eine Nachmittagsbetreuung notwendig. Dafür werde jedoch pädagogisch qualifiziertes Personal benötigt. Die Lehrer könnten dies nicht leisten.

Sollte im Schuljahr 2020/21 wieder der volle Unterricht laufen, befürchtet Rathgeb Probleme in den Schulbussen. Schüler aus unterschiedlichen Klassen müssten dann wieder gemeinsam in einem Bus fahren. Das sei mit den Abstandsregelungen jedoch nicht vereinbar.

Mehr Schüler an Sonderschulen

Zum Abschluss gibt's doch noch ein paar Zahlen. An den beruflichen Schulen sinken seit 2016 die Schülerzahlen. Aktuell haben die acht Schulen an den drei Berufsschulzentren in Waiblingen, Schorndorf und Backnang rund 10 800 Schüler. Der Rückgang ist dem demografischen Wandel geschuldet.

An den Sonderpädagogischen Bildungs- und Beratungszentren steigen die Schülerzahlen indes weiter und erreichten mit 656 Schülern ein Allzeithoch. Gründe dafür seien die Zurückhaltung der Eltern bei der Inklusion, die immer höhere Lebenserwartung der schwer mehrfachbehinderten Kinder und Jugendlichen und die Zuwanderung. Die Schülerzahlen steigen weiter, weist eine Prognose aus. Das heißt, dass auch die Schulen vergrößert werden müssten. Und statt Inklusion stehen bei den Eltern behinderter Kiner Außenklassen hoch im Kurs. Dort kommen ihre Kinder und nicht behinderte Kinder miteinander in Kontakt.

Corona hat auch seine guten Seiten: Viele Schüler haben wieder große Lust auf Schule. Denn Schule, so haben sich nach wochen- und monatelangem Home-Schooling und Pauken vor dem Laptop bemerkt, ist mehr als Unterricht. Schule ist ein Ort der Begegnung. Der jährliche Schulbericht im Verwaltungs-, Schul- und Kulturausschuss des Kreistages fiel anders aus als in Vorjahren. Er stand ganz im Zeichen von Corona. Schüler, Lehrer und Schulleitungen haben harte Zeiten hinter sich – und sehr große

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