Rems-Murr-Kreis

Einsame Zeit: Wie die Corona-Pandemie soziale Beziehungen verändert

Depression und Angststörung
Immer mehr junge Menschen fühlen sich einsam. © pixabay

Home-Office, Kontaktbeschränkungen, Ausgangssperren und AHA-Regeln bestimmen seit fast zwei Jahren unseren Alltag. Sie sind unverzichtbar, um die Verbreitung des Coronavirus einzudämmen. Gerade jetzt, während die Omikron-Welle die Infektionszahlen im Rekordtempo in die Höhe treibt. Die Maßnahmen wirken, das hat sich in allen Wellen der Pandemie gezeigt. Sie wirken, weil sie Nähe verhindern. Darin liegt zugleich ihre größte Stärke und größte Schwäche.

Denn der Mensch braucht Nähe. Dazu zählt nicht nur die Art von körperlicher Nähe, die zumindest in Familien auch während der Pandemie in der Zärtlichkeit der Partnerschaft oder beim Kuscheln mit den Kindern gestillt werden kann. Nähe schafft auch die Umarmung unter Freunden zu Begrüßung und Abschied oder ein fester Händedruck zur Begrüßung eines Geschäfts- oder Interviewpartners. Emotionale Nähe braucht nicht einmal unbedingt Körperkontakt, sie entsteht auch in der Vertraulichkeit eines Gesprächs, bei dem man die Köpfe zusammensteckt und sich etwas ins Ohr flüstert.

Gesellschaft auf Distanz

Doch nichts davon ist mehr selbstverständlich. Distanz zu wahren ist nicht nur in der Öffentlichkeit (fast) normal geworden. Auch im Freundeskreis werden Absprachen getroffen, ob und für wen eine Umarmung oder ein Kuss auf die Wange in Ordnung sind. Gelegentlich werden diese Absprachen überprüft und mitunter an das Infektionsgeschehen angepasst. Verspürt man gar ein leichtes Kratzen im Hals, würde niemand mehr auf die Idee kommen, sich zu verabreden, selbst wenn der Corona-Schnelltest negativ ist.

Überhaupt ist der Kreis derer, die man regelmäßig trifft, kleiner geworden. Das liegt einerseits an diffusen Ängsten: Menschen, die man nicht so gut kennt, möchte man vielleicht nicht zu nahe treten, indem man sie nach einem Treffen fragt. Trotz Impfung schwingt bei jedem Treffen auch bei einem selbst die Befürchtung mit, sich doch irgendwo anzustecken und das Virus womöglich den betagten Eltern oder Großeltern ins Haus zu tragen. Da hält man den Kreis also lieber klein.

Es liegt aber andererseits auch an einem veränderten Alltag. Der beginnt morgens an der Kindertageseinrichtung, wenn man den Zwerg am Gartentor an einen Erzieher übergibt. Zwanglose Gespräche ergeben sich nicht, die Kommunikation mit Kita-Mitarbeitern und anderen Eltern beschränkt sich auf das Nötigste. Wer überhaupt noch ins Büro geht, trifft dort nie mehr sein ganzes Team, sondern maximal einzelne Kollegen, ein spontaner Tratsch in der Kaffeeküche ergibt sich kaum mehr. Neue Bekanntschaften sind noch rarer, wenn die Anlässe, sie zu schließen (Geburtstagsfeiern, Straßenfeste, Fortbildungen oder Veranstaltungen) ausfallen oder online stattfinden.

Alleinsein fördert Einsamkeit

Es sind aber auch diese kleinen, zufälligen Begegnungen mit Kollegen oder Nachbarn, die der Mensch als soziales Wesen braucht. Der Soziologe Mark Granovetter spricht von „schwachen sozialen Bindungen“, die dennoch große Bedeutung haben. Doch in den vergangenen zwei Jahren sind viele Menschen zunehmend allein, zu viel allein. Und das ist in einer Pandemie kein selbst gewählter und damit wohltuender Zustand. Im Gegenteil. Das Alleinsein fördert Einsamkeit und Vereinzelung: Während der Corona-Krise fühlen sich laut einer im Sommer 2021 veröffentlichten Studie des wissenschaftlichen Dienstes der EU-Kommission die Bürger doppelt so häufig einsam wie zuvor. Hatten 2016 rund zwölf Prozent der EU-Bürger angegeben, sich mehr als die Hälfte der Zeit einsam zu fühlen, stieg deren Anteil in den ersten Monaten der Pandemie auf 25 Prozent, in Deutschland gar von 8,8 auf 24,5 Prozent. Vor allem junge Menschen und Singles leiden zunehmend unter Einsamkeit.

„Einsamkeit ist eine Begleiterscheinung des Lebens allein“, schreibt Daniel Schreiber in seinem taschenbuchdicken Essay „Allein“. Gleichwohl müsse ein Leben allein nicht zwangsläufig einsam sein. Er sei immer gern allein gewesen, schreibt der Autor. Doch die Pandemie habe sein Leben völlig aus dem Gleichgewicht gebracht. „Je weiter sie voranschritt, desto mehr begann ich, mich auf eine Art einsam zu fühlen, wie ich es selbst während der schlimmsten depressiven Phasen nicht erlebt habe. Ich hatte den Eindruck, noch nie so einsam gewesen zu sein.“

Hoffnung auf die Endemie

Nostalgisch auf „die gute, alte Zeit“ zurückzublicken, ist Schreibers Sache nicht. Das würde auch nichts bringen. Wie vor der Pandemie wird unser Leben vielleicht nie wieder werden. Das muss auch nicht sein, zumindest nicht in allen Bereichen. Unsere Freundschaften und sozialen Kontakte werden aber hoffentlich wieder so unbeschwert und nah, wie sie es einmal waren. Der Mensch braucht diese Beziehungen.

Während das Coronavirus sich schneller denn je verbreitet, hält dieses normale Leben gewissermaßen inne. Doch es wird weitergehen. Wir müssen jetzt noch durchhalten, anders geht es nicht. Die Prognosen aber machen Mut, die Endemie scheint in Sicht, auch wenn laut Experten noch nicht klar ist, ob sie schon nach der Omikron-Welle beginnt.

Home-Office, Kontaktbeschränkungen, Ausgangssperren und AHA-Regeln bestimmen seit fast zwei Jahren unseren Alltag. Sie sind unverzichtbar, um die Verbreitung des Coronavirus einzudämmen. Gerade jetzt, während die Omikron-Welle die Infektionszahlen im Rekordtempo in die Höhe treibt. Die Maßnahmen wirken, das hat sich in allen Wellen der Pandemie gezeigt. Sie wirken, weil sie Nähe verhindern. Darin liegt zugleich ihre größte Stärke und größte Schwäche.

Denn der Mensch braucht Nähe. Dazu

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