Rems-Murr-Kreis

Einsamkeit kann krank machen: Klinikum Schloss Winnenden verzeichnet erhöhte Nachfrage nach Hilfen für ältere Menschen

ZfP Konferenz
Von links: Chefarzt Andreas Raether, Pflegerin Antje Schindler, Sozialarbeiterin Sabine Ehrenreich und der Psychologe Denis Beische. © Gabriel Habermann

Kleine Kinder brauchen Geborgenheit und Bindung so nötig wie Atemluft. Im Alter wächst das Bedürfnis des Menschen wieder, in Sicherheit und Geborgenheit zu leben, nicht allein zu sein. Corona grätscht jetzt überall dazwischen. Die unsichere Situation kann Ängste schüren bei Menschen, die ohnehin zu Ängsten neigen, und sie kann Menschen mit einem eh schon kleinen Bekanntenkreis in die soziale Isolation katapultieren.

Wertgeschätzt und als Mensch gesehen werden – das wünscht sich jeder. Zuwendung „lässt sich nicht durch einen Roboter oder einen Computer ersetzen“, sagt Andreas Raether, Chefarzt der Klinik für Alterspsychiatrie und Alterspsychotherapie am Zentrum für Psychiatrie in Winnenden. Das Klinikum hatte am Freitag zur Telefonkonferenz geladen unter der Überschrift: „Corona-Pandemie: Einsamkeit und psychische Auswirkungen auf ältere Menschen“.

Zu viel alleine

„Wir sind zutiefst soziale Wesen“, sagt Andreas Raether – und deshalb schmerzt es so schrecklich, wenn man ungewollt zu viel alleine ist. Ältere Menschen sind gefährdeter, zumal dann, wenn sie gebrechlich sind, schon viele Vertraute gestorben sind und der Radius immer kleiner und kleiner wird.

So seltsam es klingen mag: Jetzt, mitten in der Pandemie, ist gar kein schlechter Zeitpunkt, um neue Kontakte zu knüpfen oder frühere wieder aufleben zu lassen. In diesen außerordentlichen Zeiten traut man sich vielleicht eher, jemanden anzurufen, den man lange schon vernachlässigt hat. Und es fühlt sich vielleicht viel weniger seltsam an, mal an einer Nachbarstür zu klingeln, obwohl man den Menschen dahinter kaum kennt: Wollen wir mal zusammen spazieren gehen – mit Abstand?

Viele Angebote für Ältere sind weggebrochen

Ein soziales Netzwerk baut sich der Mensch am besten frühzeitig auf, sagt Sabine Ehrenreich, die am Klinikum Schloss Winnenden als Sozialarbeiterin unter anderem Menschen bei der Rückkehr in den Alltag außerhalb der Klinik unterstützt. „Es gibt viele Möglichkeiten für Ältere. Aber vieles bricht grade auch weg“, so Sabine Ehrenreich. Eine feste Tagesstruktur hilft, besser klarzukommen, und am allerbesten plant man großzügig ein, was gut tut und was Freude macht.

So banal es klingt, so wahr ist es auch: „Spaziergänge sind eine ganz wichtige Sache“, betont Andreas Raether. „Sich Zeit nehmen. Geduld haben. Ruhe reinbringen“, dazu rät der Chefarzt Angehörigen Älterer. Konkrete Termine für Telefonate wirken wie ein Anker in der Woche, und trotz Corona empfiehlt es sich, den Fokus nicht aufs Negative zu richten.

Warmherzig mit Angehörigen sprechen

„Über gute Erinnerungen sprechen, warmherzig reden, nach dem Befinden fragen und versuchen zu erspüren, wie es dem anderen geht“: Telefonate dieser Art werden nicht nur, aber ganz besonders an Weihnachten helfen, nicht zu sehr in Traurigkeit zu versinken, sofern man sich für Besuchsverzicht entschieden hat. Belasten Konflikte eine Familie, sollte man auf keinen Fall versuchen, sie am Telefon auszutragen. Das hat Zeit, bis man sich wieder persönlich begegnen kann.

Selbst wenn’s knirscht und manches brodelt: Trotzdem regelmäßig anrufen, rät Denis Beische, der an der Tagesklinik für Alterspsychiatrie in Winnenden als Psychologe arbeitet. Jetzt, da man auf Abstand lebt, bietet sich vielleicht die Chance zu überlegen: Was mag ich an ihm, an ihr? Es ist nicht verboten, dem anderen genau das zu sagen und vielleicht noch einen Extrasatz anzufügen: Ich mag dich sehr.

Sprüche wie „alles wird gut“ sind unterdessen nicht angebracht, sagt die Gesundheits- und Krankenpflegerin Antje Schindler. Angesichts solcher Pauschalaussagen dürfte das Gegenüber nicht das Gefühl haben, mit seinen Sorgen und Nöten ernst genommen zu sein.

Wie viel nimmt man in Kauf für den Schutz vor Covid-19?

„Einsamkeit ist einer der großen Risikofaktoren für eine depressive Erkrankung“, sagt Denis Beische. Zwar scheint die Mehrheit der älteren Menschen nach dem ersten Lockdown psychisch stabil geblieben zu sein. Danach verzeichnete das Klinikum aber „sehr viele Anfragen zur Aufnahme“, berichtet Antje Schindler. Momentan ist beides zu spüren: eine gewisse Zurückhaltung, weil sich sicher viele vor direkten Kontakten mit anderen in einer Klinik scheuen. Gleichzeitig berichtet Denis Beische von einer „enormen Nachfrage“ nach Hilfen für Ältere, die in depressive Zustände abgleiten oder sich gar mit suizidalen Gedanken quälen.

In Pflegeeinrichtungen bewegt man sich ständig in einem nervenaufreibenden Spannungsfeld. Hat sich jemand infiziert, müssen alle auf ihrem Zimmer bleiben. Beschäftigungsangebote fallen weg, und ein an Demenz erkrankter Mensch wird es vielleicht als Ablehnung empfinden, wenn Verwandte nicht mehr zu Besuch kommen und sich Pflegekräfte nur noch in einem Astronautenanzug nähern.

Die Abwägung fällt schwer, so Andreas Raether: Den Schutz vor Covid-19 gewährleisten und gleichzeitig „sehen, dass die psychische Belastung nicht zu groß ist. Das ist nicht einfach“.

Kleine Kinder brauchen Geborgenheit und Bindung so nötig wie Atemluft. Im Alter wächst das Bedürfnis des Menschen wieder, in Sicherheit und Geborgenheit zu leben, nicht allein zu sein. Corona grätscht jetzt überall dazwischen. Die unsichere Situation kann Ängste schüren bei Menschen, die ohnehin zu Ängsten neigen, und sie kann Menschen mit einem eh schon kleinen Bekanntenkreis in die soziale Isolation katapultieren.

Wertgeschätzt und als Mensch gesehen werden – das wünscht sich jeder.

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