Rems-Murr-Kreis

Einsatz auch im Rems-Murr-Kreis: Wie Hagelflieger dem Unwetter die Stirn bieten

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Hagelflieger Frank Kasparek
Erläutert am Hangar neben dem Flugfeld die Funktionsweise der Hagelflieger-Flugzeuge: Pilot Frank Kasparek (53). © Benjamin Büttner
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Hagelflieger
Frank Kasparek zusammen mit dem Piloten-Kollegen Markus Duwe sowie Michael Stuber (Amtsleiter Landwirtschaftsamt Rems-Murr), Dezernent Gerd Holzwarth und Landrat Richard Sigel. © Benjamin Büttner
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Hagelflieger
In die Füllvorrichtungen an jeder Seite der Hagelflieger-Flugzeuge passen je 20 Liter Silberjodid-Aceton-Gemisch. © Benjamin Büttner

Es wird wärmer und schwüler, und nicht nur die Wengerter werden immer schreckhafter. Die Gefahr, dass Hagel-Unwetter aufziehen und Weinberge, Obstgärten und Autokarosserien schädigen könnten, steigt. So hat denn auch die Hagelflieger-Saison begonnen. Am Montag (16.5.) waren die Piloten wieder mal in Bereitschaft, mussten jedoch nicht losfliegen. Schlimmere Unwetter blieben diesmal aus. Wie gefährlich ist es eigentlich für die Piloten, in stürmischen Höhen die Hagelbildung zu manipulieren?

Die beiden Propeller-Maschinen, mit denen Piloten wie Frank Kasparek und Markus Duwe seit Jahren auch über dem Rems-Murr-Kreis Gewitterwolken „impfen“, sind Fabrikate von Vulkan Air aus Mailand. „Ein bisschen halt wie ein italienisches Auto“, schmunzelt Kasparek, „aber sie fliegen.“

Jedes Mal, wenn er die Hagelflieger in der Luft sieht oder hört, denkt Landrat Dr. Richard Sigel: „Gut, dass ich da nicht drinsitzen muss, sondern dass das Experten machen.“ Er sei zwar auf der Schwäbischen Alb aufgewachsen und habe Kontakte in die Segelfliegerszene gehabt, ja, habe bei einem Bekannten sogar mal mit dringesessen. „Aber alles, was mehr als Geradeaus-Fliegen ist ..., lieber nicht.“

Frank Kasparek winkt ab. Man komme als Pilot zwar schon immer mal wieder in Turbulenzen. „Wir müssen aber nicht wie in Hollywood-Filmen Sturzflüge oder Kopfüber-Manöver machen. Richtig gefährlich ist das also alles nicht.“ Sein Piloten-Kollege Markus Duwe ergänzt: „Es ist noch nicht einmal nötig, dass wir im Cockpit Helme tragen.“ Sie steuern die Propeller-Maschinen nicht mitten ins Unwetter oder in die Gewitterwolke hinein, sondern „nur“ in den Aufwindbereich, „dort, wo die Wolke sich zusätzlich Luft holt“, sagt Kasparek. „Genau in den Bereich also, wo sich auch Segelflieger hinbegeben, um Auftrieb zu bekommen.“ Eigentlich flögen sie unter oder neben der Wolke.

Bei einem Pressetermin zum Beginn der jährlichen Hagelsaison neben dem Flugfeld des Aviation-Centers in Leinfelden-Echterdingen wurden Hintergründe der Hagelabwehr in der Region Stuttgart erläutert. Die Hagelflieger-Maschinen sind besonders ausgestattet. Mittels Rauchgasgeneratoren wird ein Silberjodid-Aceton-Gemisch verdampft und Silberjodid freigesetzt, sagt Markus Duwe. „Dadurch bringen wir zusätzliche Kondensationskeime in die Aufwinde der Wolkenbildung, um die Eisbildung zu beschleunigen beziehungsweise auf mehr und damit kleinere Körner zu splitten“, ergänzt Frank Kasparek. Kleinkörniger Hagel schmelze im Idealfall, bevor er am Boden ankommt. „Wir haben so für zwei bis drei Stunden Einsatz Material dabei, je nach Stärke der Aufwinde und Gewitterbildung“, so Duwe.

Insgesamt kommen die Hagelflieger-Pilotenteams der Firmen FK Aviation und Jumara Air Service auf rund 25 bis 35 Bereitschaftstage im Jahr, dies während einer jährlichen Hagelsaison von 25. April bis zum 15. Oktober. Die meisten Einsätze werden gewöhnlich zwischen Ende Mai und Ende August notwendig.

In Bereitschaft gesetzt werden die Piloten von den Meteorologen des in Karlsruhe beheimateten privaten Dienstes Südwest-Wetter. Droht tatsächlich Hagel im Schutzgebiet, wird den Piloten der Einsatzbefehl gegeben. Dann gibt es eine Intensivbetreuung durch Meteorologen. „Wir haben im Cockpit aber auch eine App und sehen selbst, was passiert“, so Kasparek. Übertragen werden Bilder von der Radar-Info des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT). "Sollte es notwendig werden, so sind wir innerhalb von zehn Minuten vom Flughafen aus in den Rems-Murr-Kreis geflogen.“

Zum Schutzgebiet gehören außerdem noch Teile der Landkreise Heilbronn und Ludwigsburg, aber auch Gebiete auf den Fildern und bei Reutlingen, ergänzt Claudia Salwey von der Geschäftsstelle Hagelabwehr. Das Gebiet reicht von Maulbronn bis Alfdorf und von Sindelfingen bis ins Unterland.

Landrat Richard Sigel zieht eine durchweg positive Bilanz zum langjährigen Einsatz von Hagelfliegern für den Wein- und Obstanbau im Rems-Murr-Kreis. „Wir sind überzeugt vom Nutzen der Hagelflieger. Auch die Kooperation mit der Württembergischen Gemeindeversicherung WGV in puncto Hagelflieger zeigt, dass wir auf dem richtigen Weg sind.“

Der Kreis beteiligt sich jährlich mit 50.000 Euro an den Kosten und hat für weitere fünf Jahre unterschrieben. Insgesamt belaufen sich die Aufwendungen für die Hagelabwehr im Schutzgebiet auf 330.000 Euro jährlich. Weitere Kostenträger sind Kommunen aus dem Remstal, die Städte Stuttgart und Esslingen, die Landkreise Ludwigsburg und Heilbronn sowie 13 Weingärtnergenossenschaften, 71 Weingüter, sieben Wein- und Obstbauverbände, sieben Firmen (Daimler, Hahn Automobile, Kärcher u. a.) sowie Versicherungen.

Es wird wärmer und schwüler, und nicht nur die Wengerter werden immer schreckhafter. Die Gefahr, dass Hagel-Unwetter aufziehen und Weinberge, Obstgärten und Autokarosserien schädigen könnten, steigt. So hat denn auch die Hagelflieger-Saison begonnen. Am Montag (16.5.) waren die Piloten wieder mal in Bereitschaft, mussten jedoch nicht losfliegen. Schlimmere Unwetter blieben diesmal aus. Wie gefährlich ist es eigentlich für die Piloten, in stürmischen Höhen die Hagelbildung zu

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