Rems-Murr-Kreis

EM-Stammtisch des ZVW: Was Andreas Hinkel und Kevin Kuranyi zum deutschen Team sagen

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1. EM Stammtisch 2021
Kevin Kuranyi beim ZVW-Stammtisch zur EM. Ebenfalls mit dabei war ... © Gabriel Habermann
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1. EM Stammtisch 2021
... VfB-Legende Andreas Hinkel. © Gabriel Habermann

Es hat zu Beginn einer Fußball-Europa- oder -Weltmeisterschaft am ZVW-Stammtisch, dessen Kernmannschaft aus ehemaligen Fußballspielern aus dem Raum Schorndorf besteht, schon immer Stimmungskiller gegeben. Doch so schlecht wie jetzt im Schorndorfer Biergarten war die Stimmung zu Beginn eines großen Turniers noch nie. Mit dabei in der ZVW-Expertenrunde, um Deutschlands Chancen zu analysieren: Die VfB-Legenden Andreas Hinkel und Kevin Kuranyi. Einhellige Meinung: Was fehlt, sind gute Außenverteidiger und ein echter Stoßstürmer. 

Kein Einziger in der Runde hebt die Hand, als Moderator Hans Pöschko, der ehemalige Redaktionsleiter der Schorndorfer Nachrichten, die Frage stellt, wer denn überhaupt schon in EM-Stimmung sei. Und traut jemand Deutschland den EM-Titel zu? Nur Biergarten-Mitbetreiber Harald Lutz streckt zaghaft. Seinen Optimismus begründet er damit, dass Deutschland doch über eine kompakte Mannschaft, in der, erst recht mit den beiden reaktivierten Antreibern Müller und Hummels, viel Potenzial stecke. „Wir können weit kommen und mit den Franzosen ohne weiteres mitspielen“, meint Lutz und fordert damit den erstaunten Widerspruch von Werner Böck heraus, der die Franzosen, Auftaktgegner der deutschen Mannschaft am kommenden Dienstag, auf deutlich höherem Level sieht.

Nicht mal ein Mitglied des Fanclubs kann sich noch richtig aufregen

Was besonders Anlass zur Sorge geben muss, ist der Umstand, dass selbst ein Dietmar Heinle zwar immer noch Mitglied des Fanclubs der deutschen Nationalmannschaft ist, derzeit aber so überhaupt keine Lust auf diese Mannschaft hat beziehungsweise – noch schlimmer – sich bei Länderspielen nicht einmal mehr richtig aufregen kann. Gründe: Das Erscheinungsbild des DFB insgesamt, aber auch die Tatsache, dass Joachim Löw nach der Pleite bei der WM in Russland, dem desaströsen 0:6 gegen Spanien und der Niederlage gegen Nordmazedonien noch immer im Amt ist und schalten und walten kann, ohne dass ihm jemand die Grenzen aufzeigt.

Herbert Kiess kann da nur zustimmen. Er kritisiert seit Jahren, dass Löw in den entscheidenden Momenten die falschen Entscheidungen trifft, und er befürchtet, dass das auch diesmal wieder so sein wird. Mit seiner Meinung allerdings, dass es ein Fehler war, Thomas Müller zurückzuholen, „weil der in diese Mannschaft nicht reinpasst“, steht Herbert Kiess ziemlich allein.

„Er ist unberechenbar und kann Tore machen“, hält beispielsweise Klaus Bihlmaier dem Gute-Laune-Bayern zugute. Und Müller ist, gibt der Schornbacher Kommunikationsberater Jürgen Knappenberger zu bedenken, genau wie Mats Hummels einer der wenigen Typen mit Charisma in dieser ansonsten abgesehen von einem Joshua Kimmich eher blassen Mannschaft.

Vorhang auf für die Stargäste Hinkel und Kuranyi

Womit wir endlich bei den beiden Stargästen dieses EM-Auftaktstammtischs wären. Wann gab’s das schon einmal – noch nie! –, dass sich mit Andreas Hinkel und Kevin Kuranyi zwei ehemalige Nationalspieler mit mehrjähriger VfB-Vergangenheit am Stammtisch die Ehre gegeben haben! Wobei Kuranyi auf ganz spezielle Erfahrungen mit Löw verweisen kann ...

Zur Erinnerung: Als Kuranyi am 11. Oktober 2008 beim Länderspiel gegen Russland in Dortmund auf die Tribüne verbannt wurde, reiste er noch vor der Halbzeitpause eigenmächtig ab, was das abrupte Ende seiner Karriere als Nationalspieler nach 52 Länderspielen bedeutete. Heute arbeitet der 39-Jährige als Spielerberater und -vermittler und hat zuletzt die Transfers der Khedira-Brüder nach Berlin – den einen zu Hertha BSC, den anderen zu Union – über die Bühne gebracht.

Kuranyi verbindet mit dem Winnender Andreas Hinkel, der zuletzt eindreiviertel Jahre als Co-Trainer von Domenico Tedesco bei Spartak Moskau gearbeitet und dort eine spannende und erfolgreiche, wegen Corona – zumal für einen fünffachen Familienvater – aber auch sehr herausfordernde Zeit erlebt hat, nicht nur die gemeinsame Zeit beim VfB Anfang der 2000er Jahre. Vielmehr waren beide auch im Kader der Nationalmannschaft, die 2004 in Portugal schon in der Gruppenphase scheiterte.

Das soll diesmal möglichst nicht passieren, nachdem selbst vier Gruppendritte weiterkommen. Und dann, sind sich selbst die größten Pessimisten am Stammtisch einig, ist für die deutsche Mannschaft doch noch einiges möglich bei dieser EM.

Dass überhaupt solche Hilfskonstruktionen bemüht werden müssen – „Wir werden auf jeden Fall Gruppenzweiter, weil wir gegen Portugal und Ungarn gewinnen“, ist der Winterbacher Besen-Wirt Axel Schmieg überzeugt –, hat nach Ansicht von Hinkel vor allem damit zu tun, dass die deutsche Nationalmannschaft seit Jahren ein Problem auf bestimmten Positionen hat. Da wären zunächst einmal die Außenverteidiger, deren Qualität Klaus Bihlmaier so charakterisiert: „Einen Klostermann oder Halstenberg kannst du vielleicht in Österreich spielen lassen“. Und Kevin Kuranyi findet, dass selbst ein Robin Gosens, der mit Bergamo immerhin Champions-League spielt und dabei durchaus ein Leistungsträger ist, noch ein ganzes Stück zur europäischen Spitzenklasse fehlt. Also muss allem Anschein nach der eigentlich im Mittelfeld gesetzte Joshua Kimmich auf der Außenverteidiger-Position ran, was nach Meinung von Kevin Kuranyi dem Bundestrainer vielleicht auch deshalb nicht ganz ungelegen kommt, weil er damit das Gedränge um einen Stammplatz im Mittelfeld etwas lichten kann. Dort, so Andreas Hinkel, sei die Mannschaft grundsätzlich sehr gut, spielstark und kompakt aufgestellt, und doch fehle, zumal ohne Kimmich, ein klarer Aufräumer – oder, wie Klaus Bihlmaier sagt, „ein Stinkstiefel“.

Kein Stoßstürmer mit Killerinstinkt

Das zweite Problem: das Fehlen eines Stoßstürmers, wie früher vor allem Miroslav Klose, aber auch Kevin Kuranyi einer war. „Wir haben keine Stoßstürmer, weil wir auch keine Außen haben, die flanken können“, meint Sepp Rettstatt. „Die dürfen das doch gar nicht“, hält Dietmar Heinle dagegen, dem das stark auf Ballkontrolle und damit auf Toni Kroos ausgerichtete Spiel der Deutschen schon lange auf die Nerven geht. Statt eines torgefährlichen Stoßstürmers muss auf Spieler wie Sané, Werner oder Gnabry gesetzt werden, denen nach Einschätzung von Kevin Kuranyi der Killerinstinkt fehlt. Und einen für Tore und Strafraumgefahr durchaus infrage kommenden Kevin Volland, der in Monaco eine super Saison gespielt hat, hat Löw in den beiden Vorbereitungsspielen überhaupt nicht eingesetzt, kritisiert Dietmar Heinle.

Womit wir wieder beim Bundestrainer wären. „Hat eigentlich schon mal jemand einen Trainer während eines laufenden Turniers ausgetauscht?“, wirft Biergarten-Mitbetreiber Volker Ziesel provozierend in die Runde. Gemach, gemach, reagiert Werner Böck: „Nachher stehen wir im Finale, und alle feiern Joachim Löw.“

„Es gibt deutsche Tugenden, mit denen wir weit kommen können“, ist auch Andreas Hinkel überzeugt. Eine dieser Tugenden müsste sein, dass die Mannschaft diesmal im Gegensatz zur WM in Russland tatsächlich als Einheit auftritt. Wohin so etwas führen kann, sind sich alle mit Dietmar Heinle einig, hat gerade erst die U21 unter Trainer Stefan Kuntz gezeigt, die Europameister geworden ist. „Offensichtlich lebt Kuntz das denen auch vor“, sagt Herbert Kiess, der nicht der Einzige in der Runde ist, der Kuntz für den geeigneteren Löw-Nachfolger gehalten hätte als den für den DFB bequemer erscheinenden Hansi Flick, der, so die Befürchtung, eher für ein „Weiter so“ stehen könnte.

Oder, um es mit den Worten des Moderators zu sagen: „Das ist, wie wenn Laschet die Nachfolge von Angela Merkel antritt.“ Was beileibe kein Plädoyer für Annalena Baerbock sein soll.

Es hat zu Beginn einer Fußball-Europa- oder -Weltmeisterschaft am ZVW-Stammtisch, dessen Kernmannschaft aus ehemaligen Fußballspielern aus dem Raum Schorndorf besteht, schon immer Stimmungskiller gegeben. Doch so schlecht wie jetzt im Schorndorfer Biergarten war die Stimmung zu Beginn eines großen Turniers noch nie. Mit dabei in der ZVW-Expertenrunde, um Deutschlands Chancen zu analysieren: Die VfB-Legenden Andreas Hinkel und Kevin Kuranyi. Einhellige Meinung: Was fehlt, sind gute

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