Rems-Murr-Kreis

EM-Stammtisch in Schorndorf: Der Optimismus wächst – trotz Löw

EM Stammtisch der dritte
Am ZVW-EM-Stammtisch von links): Angelika Roleder, die ihren rechts von ihr sitzenden Mann begleitet hat, Kommunikationsberater Jürgen Knappenberger und sein Freund und Journalistenkollege Alexander Bonengel, die den Thesen von Herbert Kiess und Dietmar Heinle lauschen. © Benjamin Büttner

So sachlich und nüchtern, wie der heute 67-jährige Helmut Roleder zwischen 1972 und 1987 in insgesamt 347 Spielen das Tor des VfB Stuttgart gehütet und es einmal sogar zu einem Kurzeinsatz in der Nationalmannschaft gebracht hat, so sachlich und nüchtern fallen auch seine Analysen am EM-Stammtisch des Zeitungsverlags Waiblingen im Schorndorfer Stadtbiergarten aus. Allerdings verfügt Roleder, der 1984 mit dem VfB Deutscher Meister geworden ist und der 2011 vergeblich eine Kandidatur als Vereinspräsident angestrebt hat, auch über eine gehörige Portion leisen und schlauen Humors. Etwa wenn er, angesprochen auf den fulminanten Auftritt von Robin Gosens im Spiel gegen Portugal und auf die Einschätzung von Kevin Kuranyi am ersten EM-Stammtisch, dass Gosens noch ein ganzes Stück zur internationalen Spitze fehle, den Schornbacher Kommunikationsberater Jürgen Knappenberger fragt, ob Kuranyi denn keinen Kommunikationsberater habe – wohl wissend, dass Kevin Kuranyi zu Knappenbergers Klientel zählt. Oder wenn er, ebenfalls bezogen auf Gosens und dessen unkonventionelle Interpretation eines Außenbahnspielers, unter Berufung auf den ehemaligen Bundestrainer Berti Vogts feststellt, dass es der Vorteil von Gosens sei, dass er nie eines dieser vielgerühmten Nachwuchsleistungszentren durchlaufen habe, in denen junge Spieler frühzeitig auf ihre spätere Verwendung und die einer bestimmten Position klassischerweise zugeschriebenen Eigenschaften und Kompetenzen hin getrimmt würden. „Mir haben sie auch frühzeitig das Stürmerdasein ausgetrieben“, sagt Helmut Roleder, der gerade dabei ist, gemeinsam mit Freunden selber eine Kinder-Fußballschule aufzubauen, mit einem knitzen Lächeln.

Roleder sieht im Spiel gegen Ungarn eine echte „Standortbestimmung“

Er kann aber, wie gesagt, auch sachlich und nüchtern. Das bevorstehende dritte Gruppenspiel gegen Ungarn bezeichnet er insofern als echte Standortbestimmung, als die deutsche Mannschaft die Aufgabe gegen den Außenseiter mit der gleichen Konzentration und dem gleichen Elan angehen müsse wie die gegen Portugal. Mit dem Unterschied am besten noch, dass solche Fehler wie beim 0:1, als er genauso wie Sepp Rettstatt („Ein Innenverteidiger sollte schon hinten sein“) die Absicherung bei einem Eckball der deutschen Mannschaft vermisst hat, vermieden werden. Und der Einschätzung des Moderators, dass beim zweiten Gegentor auch Torwart Manuel Neuer nicht die glücklichste Figur gemacht hat, will Helmut Roleder zumindest nicht vehement widersprechen. „Vielleicht gibt’s während des Turniers eine sensationelle Weiterentwicklung der Mannschaft“, hofft der 67-Jährige und geht optimistisch davon aus, dass die Löw-Truppe bei der dieser Europameisterschaft „weit kommen“ kann.

Löw-Diskussion geht weiter – aber „wer 4:2 gewinnt, hat recht“

Losgelöst von den Stimmungsschwankungen am EM-Stammtisch – von zu Tode betrübt bis himmelhoch jauchzend – ist auch der aus Mainz angereiste Sky Sport News-Reporter Alex(ander) Bonengel einer, der die Situation der deutschen Mannschaft sachlich und nüchtern analysiert. Vorher aber ein paar Meinungen aus der Stammtisch-Stammmannschaft. Er wisse immer noch noch nicht, wie er den Bundestrainer „vom Mut her“ einschätzen solle, sagt Herbert Kiess, der zunächst einmal seine Kritik an der Nominierung von Thomas Müller relativiert wissen will („Natürlich kann er eine Mannschaft führen“) und dann genauso wie Dietmar Heinle und Axel Schmieg die nicht positionsgetreuen Auswechslungen von Joachim Löw kritisiert. „Er hat durch diese dubbeligen Auswechslungen die Mannschaft ohne Not noch einmal in Bedrängnis gebracht“, sagt Schmieg, der sich über das aus seiner Sicht unnötige zweite Tor auch deshalb ärgert, weil ihm dadurch sein mutiger 4:1-Tipp verhagelt wurde. Ganz davon abgesehen, dass um ein Haar das 4:3 gefallen wäre und es für die deutsche Mannschaft noch einmal richtig eng hätte werden können. Dietmar Heinle spricht von einem guten Spiel, das aber nicht Löws Verdienst sei, und geht so weit, zu behaupten: „Wir haben trotz Löw gewonnen.“ „Wer gegen Portugal 4:2 gewinnt, hat recht“, gesteht Jürgen Knappenberger dem Bundestrainer zu – ungeachtet dessen, dass er ihn angesichts der gegenüber dem Frankreich-Spiel unveränderten Aufstellung zunächst verflucht hat („Was für ein sturer Bock“) und dass ihn das Spiel „ratlos gemacht“ hat. Weshalb er, wie zuvor schon Helmut Roleder, dem Spiel gegen Ungarn eine besondere, weil endgültig richtungsweisende Bedeutung beimisst.

Bonengel lobt Körpersprache: „Die waren gierig und gallig“

Alex Bonengel sieht das alles viel entspannter. Er sieht’s so, dass Joachim Löw einer ist, der seiner Stammelf vertraut und beispielsweise einen Kai Havertz nicht gleich fallen lässt, nur weil der mal gegen Frankreich ein schwaches Spiel macht. „Der kann im Laufe des Turniers noch den Unterschied machen“, glaubt der Sky Sport News Reporter (mit den Schwerpunkten auf den Südvereinen Frankfurt, Mainz, Hoffenheim, Stuttgart und Freiburg), der sich deshalb auch nicht vorstellen kann, dass es gegen Ungarn größere personelle Wechsel gibt. Es sei denn verletzungsbedingt, wobei die erste Option etwa als Ersatz für Thomas Müller nach allgemeiner Einschätzung Müllers Vereinskollege Leon Goretzka sein müsste. Ansonsten wäre für Bonengel nach den seitherigen Eindrücken Ilkay Gündogan am ehesten ein Kandidat für die Bank, weil er gerade auch im Vergleich zu einem Toni Kroos („Der reibt sich auf“) am wenigsten zum Um- und Aufschwung im Portugal-Spiel beigetragen hat. Dem Bundestrainer, meint Bonengel, müsse man zugutehalten, dass die Körpersprache der deutschen Mannschaft insgesamt eine ganz andere gewesen sei als in vielen Länderspielen zuvor. „Die waren gierig und gallig“, sagt er und war besonders beeindruckt, dass die Portugiesen gar nicht zum Mitspielen gekommen sind, obwohl sie das sicher gewollt hätten. Ganz im Gegensatz zu den Ungarn, gegen die wieder ein Spiel zu erwarten sei, bei dem die deutsche Mannschaft viel Ballbesitz und es entsprechend schwer haben werde, Räume zu finden. Weshalb der Reporter auch nicht der Meinung von Werner Böck ist, dass gegen die Ungarn auch eine deutsche B-Elf gewinnen würde. Wer an dieser Stelle die warnenden oder gar provozierenden Einwände eines Klaus Bihlmaier vermisst, dem sei gesagt, dass der Dauernörgler in dieser Stammtischrunde aus privaten Gründen gefehlt hat, telefonisch aber immerhin angedeutet hat, dass er nach einem erneut überzeugenden Auftritt der deutschen Mannschaft bereit sein könnte, ins deutsche Fan-Lager überzulaufen.

Frotzeleien gegen den Moderator: Immer diese steilen Thesen

Bleibt die vom Moderator aus sehr durchsichtigen Gründen aufgeworfene Frage, welche Mannschaften im Verlauf der Vorrunde die ihnen zugedachte Favoritenstellung bestätigt haben und welche nicht. Durchsichtig deshalb, weil der Moderator auf die Belgier und die Italiener gesetzt hat, die sich zumindest vorläufig in den Favoritenkreis gespielt haben. Im Gegensatz zu den am Stammtisch ebenfalls genanten Spaniern und Kroaten, die diesen Vorschusslorbeeren zunächst nicht gerecht werden konnten. Wobei Werner Böck die Moderatoren-Tipps ungeachtet der bisherigen Auftritte der Belgier und Italiener insofern relativiert, als die langjährige Erfahrung zeige, dass Hans Pöschko, egal ob es nun um EM- oder WM-Favoriten (Stichwort: Belgien) oder um seinen Herzensverein 1860 München gehe, immer zu steilen Thesen neige, die sich dann genauso zuverlässig ins Gegenteil verkehrten und in einen jähen Absturz mündeten. Seriös gilt, was Ales Bonengel sagt: Es könne durchaus ein Vorteil sein, wenn beispielsweise ein Top-Favorit wie Frankreich während der Vorrunde einen Dämpfer bekomme – genauso wie es sich als Nachteil erweisen könne, wenn Mannschaften wie Belgien, Italien und Holland durch die Vorrunde spazierten und sich vor dem Achtelfinale allzu sicher fühlten. Bleibt die Frage, ob Deutschland lieber Gruppenerster werden und es mit einem Gruppendritten zu tun bekommen sollte oder als Gruppenzweiter gleich auf England treffen sollte. Was ganz im Sinne von Dietmar Heinle wäre: „England hat zwei Dortmunder (Bellingham und Sancho) im Kader, damit kannst Du nichts gewinnen“, spottet der erklärte Bayern-Fan. Und Deutschland als Weltmeister? Helmut Roleder kann sich das nach dem Auftritt gegen Portugal gut vorstellen. Was beweist: Der Optimismus wächst – trotz Löw.

So sachlich und nüchtern, wie der heute 67-jährige Helmut Roleder zwischen 1972 und 1987 in insgesamt 347 Spielen das Tor des VfB Stuttgart gehütet und es einmal sogar zu einem Kurzeinsatz in der Nationalmannschaft gebracht hat, so sachlich und nüchtern fallen auch seine Analysen am EM-Stammtisch des Zeitungsverlags Waiblingen im Schorndorfer Stadtbiergarten aus. Allerdings verfügt Roleder, der 1984 mit dem VfB Deutscher Meister geworden ist und der 2011 vergeblich eine Kandidatur als

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