Rems-Murr-Kreis

Energie-Abhängigkeit von Russland: Bald viel mehr Solarparks im Rems-Murr-Kreis?

Freiflächenanlagen Photovoltaik
PV-Anlagen zwischen Hertmannsweiler und Nellmersbach. © Alexandra Palmizi

Die Aussicht auf satte Gewinne weckt ungeahnte Kräfte. An Solarparks und Windrädern verdienen Bürger/-innen andernorts kräftig mit. Geld zieht mehr als Appelle, und dezentrale Energieversorgung rückt jetzt, da der Gaslieferant Russland Krieg führt, neu in den Fokus.

Um Windräder kann man herrlich streiten. Gegen drei Anlagen, welche die EnBW zwischen Plüderhausen und Welzheim gern aufstellen würde, formiert sich längst schon Widerstand. Der Energieversorger rechnet sich dennoch gute Chancen aus, das Vorhaben realisieren zu können, sonst hätte er die Pläne schon längst in der Schublade verschwinden lassen. Das Genehmigungsverfahren läuft zurzeit, nun können alle ihre Einwände offiziell vorbringen. Geht die Genehmigung durch, könnte der Bau 2024 beginnen und der Windpark 2025 in Betrieb gehen.

Gefährlich: Abhängigkeit von Russland

Diese Dinge brauchen Zeit, obwohl man keine hat. Die Energiewende muss sowieso wegen der Erderwärmung und nun auch noch wegen der hochgefährlichen Abhängigkeit von Russland schneller vonstattengehen – was leicht gesagt und schwer getan ist. Man kann nicht einfach so Bagger anrollen lassen und Windräder aufstellen. Zuvor sind langwierige Verfahren zu durchlaufen, die durchaus ihre Berechtigung haben, wie Thomas Kiwitt, Leitender Technischer Direktor beim Verband Region Stuttgart, betont: Der Verband sieht sich als Träger der Regionalplanung einem „beteiligungsorientierten Vorgehen“ verpflichtet, sprich, man will und kann nicht einfach über die Köpfe der Menschen hinweg Dinge durchdrücken, und Entscheidungen müssen einer gerichtlichen Prüfung standhalten.

Emotionale und laut geführte Debatten um Windkraft stehlen Solarparks die Aufmerksamkeit, die ihnen eigentlich gebührt. Das könnte sich bald ändern, auch im Rems-Murr-Kreis – zumal sich entlang der Bundesstraßen, und nicht nur dort, die eine oder andere Fläche für Fotovoltaik-Anlagen (PV) anbieten könnte.

Photovoltaik an Bundes- und Landesstraßen

Zurzeit läuft landesweit eine Marktanalyse, welche „das Interesse von Energieversorgern für PV an Bundes- (und Landes-)straßen erhebt“, so ein Sprecher des baden-württembergischen Umweltministeriums auf Anfrage. Klingt einleuchtend: Flächen entlang der Straßen sind sowieso zu nichts nutze, das ließe sich doch ändern. Selbst Böschungen und Lärmschutzbauwerke geraten sozusagen als Unterbau für Energieanlagen ins Visier. Sofern die öffentliche Hand den Daumen hebt, könnten Energieversorger starten. Deren Entscheidung fußt auf Kalkül: Lohnt sich das für uns – oder lohnt sich das nicht?

Daran ist schon die eine oder andere Windkraftanlage gescheitert, berichtet Thomas Kiwitt: Interessiert sich kein(e) Investor/-in für eine grundsätzlich nutzbare Fläche – wird auch nicht gebaut. So einfach ist das.

Chance im Zuge der Rekultivierung der Deponie Eichholz

Mit Freiflächen-Fotovoltaik-Anlagen hat man im Rems-Murr-Kreis erste Erfahrungen gesammelt: Die Abfallwirtschaft Rems-Murr verfügt bereits über große Fotovoltaik-Anlagen auf den Deponien. Geplant ist eine Erweiterung der Freiflächen-Anlagen in Kaisersbach. 32 000 Quadratmeter sollen im Zuge der Rekultivierung der Deponie Eichholz bei Winnenden für die Erzeugung von solarer Energie genutzt werden, so ist es vorgesehen. Um die PV-Strategie des Landkreises geht es in der nächsten Sitzung des Umwelt- und Verkehrsausschusses am 21. März.

Zuvor lohnt ein Blick in Regionen, die in diesen Dingen schon mit großen Taten glänzen: Im Landkreis Lörrach trifft man auf diverse Solarparks. Der Eindrucksvollste ziert einen Hügel in Herten. Auf einer ehemaligen Deponie errichteten die Elektrizitätswerke Schönau ein solares Kraftwerk, das 1300 Haushalte mit Sonnenstrom versorgt. Die Besitzer: Mehrere Bürgergenossenschaften.

Lörrach gilt als Leuchtturm im Fotovoltaik-Netzwerk Baden-Württemberg. Von „stabilen Gewinnen“, erzielbar über Jahrzehnte hinweg, spricht der Lörracher Klimaschutzmanager Philip Lotte in einem Video: Für Verpächter könne es „durchaus lukrativ“ sein, Flächen für PV-Anlagen bereitzustellen.

Nur ab einer bestimmten Größe macht ein Solarpark Sinn

Doch man kann nicht einfach mal so Fotovoltaik-Module irgendwo hinstellen, wo es einem gerade gefällt. In einem derart dicht besiedelten Gebiet wie der Region Stuttgart sowieso nicht, zumal ein Solarpark nur von einer gewissen Größe an Sinn macht – also viel Fläche beansprucht.

Das Erneuerbare-Energien-Gesetz sieht vor, dass Solarparks beispielsweise in einem 200 Meter breiten Korridor entlang von Autobahnen und Schienenwegen errichtet werden dürfen. In „benachteiligten Gebieten“ erlaubt Baden-Württemberg seit 2017 auch große Solarparks auf Acker- und Grünlandflächen. Was „benachteiligte Gebiete“ sind, ist haarklein geregelt – und große Teile des Rems-Murr-Kreises erfüllen die Kriterien. Auf einer Karte der Landesanstalt für Umwelt leuchten beispielsweise Berglen und Rudersberg, Teile von Weinstadt, Welzheim und viele weitere Kommunen grün, was bedeutet: Bei bundesweiten Solarausschreibungen könnten dort Flächen den Zuschlag erhalten. Letztlich obliegt die Entscheidung, ob und auf welchen Flächen ein Solarpark entstehen kann, den Kommunen.

Naturschützer/-innen und Bauern/Bäuerinnen dürfte – zunächst – das Herz bluten, wenn sie so etwas hören: Wertvolle landwirtschaftliche Flächen soll man jetzt mit Fotovoltaik-Anlagen zukleistern – seid ihr alle noch ganz bei Trost?

Oben Solarzellen auf Stelzen, unten landwirtschaftliche Fläche

An dieser Stelle kommt das Stichwort „Agri-Fotovoltaik“ ins Spiel: Man kann diese Anlagen auf Stelzen platzieren, so dass sich Böden darunter durchaus weiter nutzen lassen. Das Fraunhofer-Institut für solare Energiesysteme hat vor wenigen Monaten einen Leitfaden veröffentlicht mit dem Titel „Chance für Landwirtschaft und Energiewende.“ Landwirte/Landwirtinnen können dank intelligenter Doppelnutzung neue Einkommensquellen erschließen, heißt es darin vielversprechend – weil unter den Modulen hitze- und hagelgeschützt immer noch was wächst.

Ob nun auf Ackerflächen platziert oder woanders – Baden-Württemberg akzeptiert auch Freiflächen-PV-Anlagen, und zwar gleichrangig wie Windkraft, um die Vorgabe zu erfüllen, zwei Prozent der Landesfläche für die Produktion erneuerbarer Energien bereitzustellen. Jetzt sind die Regionalverbände am Zug: Sie müssen noch in der laufenden Legislaturperiode, also bis spätestens 2026, die Regionalpläne fortschreiben. Je Region sind, so erklärt es der Sprecher des Umweltministeriums, zwei Prozent der Fläche für Windenergie oder Freiflächen-Fotovoltaik zu bestimmen. Die Art und Weise der Verteilung auf die beiden Energiegewinnungsarten bleibe den Regionalverbänden überlassen.

Flächensuche: Regionalverband als Ansprechpartner

„Die Energiewende muss nicht warten, bis der Regionalplan fertig ist“, verspricht unterdessen Thomas Kiwitt vom Verband Region Stuttgart. Jederzeit können sich, versichert Kiwitt, Investoren/Investorinnen an den Verband wenden, die Flächen suchen für Windkraft - oder eben Freiflächen-PV. „Einzelfallprüfungen können wir jederzeit machen“, verspricht Kiwitt.

Potenzielle Rems-Murr-Windradbauer rennen ihm jedenfalls nicht die Bude ein. Im Windatlas 2019, dem aktuellsten verfügbaren, sind im Rems-Murr-Kreis nun weniger Gebiete ausgewiesen, in welchen der Wind häufig und kräftig genug weht als noch im vorigen Atlas aus dem Jahr 2011. In der Winddaten-Messung hat sich eine Menge getan im Lauf der Jahre, weshalb die Datenlage „viel, viel besser“ geworden sei, so erklärt Kiwitt die Unterschiede. Hinzu kommt ganz speziell bei Windkraftanlagen: „Alle wollen das – nur nicht unbedingt vor der Haustür.“

Mehr Akzeptanz für Solarparks als für Windräder?

Freiflächen-Photovoltaikanlagen dürften weniger Widerstände auslösen, weil sie nicht weithin sichtbar sind und keinen Lärm erzeugen. Dass Solarparks als ein Eckpfeiler der Energiewende unverzichtbar sind, darüber herrscht weitgehend Einigkeit. Der Weltklimarat wird diesen Montag, 28. Februar, seinen neuesten Bericht vorlegen – und man ahnt schon, es droht Düsteres. Um 15 Uhr soll der Bericht in der Bundespressekonferenz vorgestellt werden – also mehr als nur fünf Minuten nach zwölf.

Die Aussicht auf satte Gewinne weckt ungeahnte Kräfte. An Solarparks und Windrädern verdienen Bürger/-innen andernorts kräftig mit. Geld zieht mehr als Appelle, und dezentrale Energieversorgung rückt jetzt, da der Gaslieferant Russland Krieg führt, neu in den Fokus.

Um Windräder kann man herrlich streiten. Gegen drei Anlagen, welche die EnBW zwischen Plüderhausen und Welzheim gern aufstellen würde, formiert sich längst schon Widerstand. Der Energieversorger rechnet sich dennoch gute

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