Rems-Murr-Kreis

Erfolgsgeschichte in Skandalzeiten: Die katholische Familienpflege Rems-Murr

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Eine Familienpflegerin - hier Katrin Wichmann - im Einsatz. Foto: Katholische Familienpflege Rems-Murr

Missbrauchsfälle und schleppende Aufklärung, Machtkampf in der Bischofskonferenz, verkrustete patriarchalische Strukturen, Reform-Unfähigkeit, Ehrenamtliche kurz vorm Burnout, Massenaustritte: Wenn die Katholische Kirche derzeit Schlagzeilen macht, dann oft üble – ein Glück, dass es auch segensreiche Erfolgsgeschichten gibt; zum Beispiel die von der katholischen Familienpflege Rems-Murr, die nun ihr zehnjähriges Bestehen feiert. Sie hat schon Hunderten von Familien in Not geholfen.

Anfangs, blendet Geschäftsführerin Anita Glass zurück, bestand das Familienpflege-Team aus sieben Beschäftigten – mittlerweile sind 20 Leute hier angestellt. Jährlich stehen sie etwa 80 bis 100 Familien bei, darunter rund 300 Kindern. Wann immer das System Familie ins Wanken gerät – Arbeitslosigkeit, ein Todesfall, eine schwere Krankheit, eine alle Alltagsroutinen durcheinanderwirbelnde Mehrlingsgeburt –, hilft die Familienpflege: im Haushalt, bei der Kinderbetreuung, beim Einkaufen, bei den Hausaufgaben.

Ein Dienst nur für Fromme, für Christenmenschen, für Gemeindemitglieder? Nicht im Allermindesten. Als vor zehn Jahren Ulrich Häufele, der damalige Geschäftsführer des Dekanats Rems-Murr, und der seinerzeitige Dekan Manfred Unsin das Projekt mit 105.000 Euro Starthilfe von der Kreissparkassenstiftung ins Leben riefen, war eines sonnenklar: Das einzige Maß ist die Not. Christen, Muslime oder Atheisten: Alle sollen Hilfe bekommen. Und selbstverständlich gilt das nicht nur für Familien, die dem traditionellen Modell Vater, Mutter, Kinder entsprechen, sondern genauso für Alleinerziehende. „Da wird auch nicht versucht, religiös zu bekehren“, betont die FDP-Landtagsabgeordnete Julia Goll, Mitglied im Förderkreis der Familienpflege.

„Wir unterscheiden nicht, wer gut altkatholisch ist und wer nicht“, lacht Geschäftsführerin Glass. „Wir gehen auch sehr auf den kulturellen Hintergrund der Familien ein“ – unlängst war laut Arbeitsplan ein männlicher Kollege dran, um in einer muslimischen Familie einzuspringen. Glass klärte zunächst: „Ist das möglich? Nimmt das die Familie an?“ Ja, kam das Signal zurück – also los.

„Wie eine Ersatzmutter“: Eine sinnvolle Arbeit

Zeitweise, erzählt die Familienpflegerin Sybille Lux, sei sie fast eine Ersatzmutter. Da war diese Fünfjährige, ihre Mama war an Krebs gestorben – eines Tages sagte das Mädchen: „Kannst du nicht meinen Papa heiraten? Du kennst dich hier schon aus.“ Es schnürt einem den Hals zusammen. Dies, sagt Sybille Lux, ist eine gute, eine sinnvolle Arbeit, bei der „sehr viel Dankbarkeit und Wertschätzung rüberkommen“.

Wobei – nun ja. In der Coronakrise war die Familienpflege zwar phasenweise heftig gefordert, „wenn Kindergärten schließen,“ Spielplätze gesperrt sind, Home-Schooling und Home-Office „am Esszimmertisch“ parallel stattfinden und dazwischen was gekocht und serviert sein will – aber im kirchlichen Tarifgefüge wird die Familienpflege nicht den Pflegediensten zugerechnet. Folge: Coronaprämie gab es nicht.

Die katholische Familienpflege nimmt eine wichtige Rolle im kreisweiten Sozialsystem wahr: Etwa die Hälfte der Einsätze erfolgt im Auftrag des Jugendamts, anderes kommt über die Krankenkassen. Es gehe bei dieser Arbeit aber, sagt Anita Glass, auch darum, „das Licht der Kirche in die Familien zu tragen“. Glass weist sehr bewusst darauf hin. Sie weiß ja, dass diese ihre Kirche sonst oft auf bedrückend andere Art im Gespräch ist.

Ein Akzent der Hilfsbereitschaft gegen die Austrittswelle

Der Riese wankt: Unlängst, eines Freitags im Februar, schaltete das Kölner Amtsgericht online zusätzliche Termine für die behördliche Bearbeitung von Kirchenaustrittsbegehren frei – der Server brach zusammen. So konkret wirkt sich der Skandal um Kardinal Rainer Maria Woelki aus, der ein Gutachten zum sexuellen Missbrauch im Erzbistum Köln zurückhielt.

Der Riese wankt: 1990 hatte die Katholische Kirche in Deutschland 28,3 Millionen Mitglieder, 2019 waren es noch 22,6. Das liegt zum einen daran, dass mehr Alte sterben, als Neue hinzustoßen. Zum anderen aber beschleunigt sich der Schrumpfungsprozess, weil immer mehr Menschen austreten. In den zehn Jahren von 2000 bis 2009 wandten sich 1,1 Millionen Menschen in Deutschland von ihrer Kirche ab – in den folgenden zehn Jahren von 2010 bis 2019 waren es bereits 1,8 Millionen. 2019 kam es zu einem düsteren Rekord: rund 273.000 Austritte, weit mehr als in jedem anderen Jahr seit 1990. Für 2020 liegen noch keine offiziellen Zahlen vor – mit einer neuen Abschiedshöchstmarke ist zu rechnen.

Insofern sind Einrichtungen wie die Familienpflege Rems-Murr von fundamentaler Bedeutung. Die Menschen, die hier arbeiten, sind Werte-Botschafter, sie geben der Kirche „ein Gesicht“, wie Anita Glass es ausdrückt. Die Katholische Kirche in Deutschland, so ausgezehrt und skandalgeschüttelt sie momentan auch sein mag, belegt mit solchen Erfolgsgeschichten der Hilfsbereitschaft: Wir können auch anders!

Missbrauchsfälle und schleppende Aufklärung, Machtkampf in der Bischofskonferenz, verkrustete patriarchalische Strukturen, Reform-Unfähigkeit, Ehrenamtliche kurz vorm Burnout, Massenaustritte: Wenn die Katholische Kirche derzeit Schlagzeilen macht, dann oft üble – ein Glück, dass es auch segensreiche Erfolgsgeschichten gibt; zum Beispiel die von der katholischen Familienpflege Rems-Murr, die nun ihr zehnjähriges Bestehen feiert. Sie hat schon Hunderten von Familien in Not

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