Rems-Murr-Kreis

Ernste Corona-Folgen: Das raten Ärzte, wenn Herzmuskel und Geruchssinn leiden

Herzinfarkt
Habe ich doch eine Herzmuskelentzündung durch Covid bekommen? © Pixabay

Die Corona-Sommerwelle flutet durchs Land, die allermeisten Corona-Positiven haben jedoch mildere Krankheitsverläufe, was auch an der Impfquote liegt. Doch was, wenn’s doch schlimmer würde? Was, wenn einem der Geruchs- und Geschmackssinn verlustig geht? Wie erkennt und behandelt man eine Herzmuskelentzündung? Wann sollte man besser ins Krankenhaus?

Zunächst einmal: Unbedingt den Hausarzt konsultieren sollte man bei „Fieber über 40 Grad, Gefühl der Luftnot insbesondere in Ruhe, massiv reduziertem Allgemeinzustand, Herzrhythmusstörungen, unüblich stark ausgeprägten Allgemeinsymptomen“, sagt Dr. Jens A. Steinat, Kreis-Pandemie-Beauftragter und niedergelassener Arzt in Oppenweiler. „Dies kann auf einen schweren Verlauf beziehungsweise Komplikationen wie eine Herzmuskelentzündung, bakterielle Superinfektion oder Thrombose hinweisen.“

Wann überweisen Hausärzte Covid-Patienten warum ins Krankenhaus?

„Das hat sich nicht verändert im Vergleich zu vorherigen Wellen, nur dass im Zuge der laufenden Sommerwelle viel weniger ins Krankenhaus eingewiesen werden, weil die Verläufe im Großen und Ganzen milde sind“, sagt der Hausarzt in Rudersberg-Steinenberg, Dr. Philipp Höschele. „Krankenhauseinweisungen hatten wir deshalb in unserer Praxis während dieser Sommerwelle meines Wissens noch gar keine.“

Die Covid-Diagnostik verlaufe nach dem althergebrachten Prinzip, so Höschele: Wie ist der Allgemeinzustand des Patienten? Hat er Vorerkrankungen, die ihn prädestinieren, einen risikoreicheren Verlauf zu haben? Wie ist der Blutdruck, die Herzfrequenz? Wie stark die Atemnot? Wie ist die Sauerstoffsättigung im Blut?

„Da gibt es einen bestimmten Kriterienkatalog mit Scores, die man abarbeitet beziehungsweise aufstellt“, sagt Höschele. „Zum Beispiel ist eine Atemfrequenz von 30 pro Minute ein Grenzwert, der anzeigt, dass der Verlauf lebensbedrohlich werden könnte. Ebenso eine Sauerstoffsättigung im Blut von unter 90 Prozent.“ Dann sei die Einweisung ins Krankenhaus angezeigt. Auch der Bewusstseinszustand sei wichtig. Ist der Patient verwirrt? Besonders aufmerksam sei man als Arzt natürlich bei Patienten über 65, die wegen ihres Alters schon Corona-Risikopatienten sind, so Höschele.

Dr. Torsten Ade, Chefarzt der Notaufnahme am Rems-Murr-Klinikum Winnenden, bestätigt: Bei der Mehrzahl der Patienten, die in die Notaufnahme kommen, stehe die Verschlechterung einer Vorerkrankung im Vordergrund. „Auch ältere Patienten, die aufgrund eines Infektes geschwächt sind, stürzen und sich eine Fraktur zuziehen, stellen sich bei uns vor.“ Die meisten Covid-Patienten, die in die Notaufnahme kämen, klagten über Fieber, Husten und Atemnot. „Auch Patienten, bei denen Kopfschmerzen oder auch Durchfälle im Vordergrund stehen, stellen sich vor.“

Wie kann ein Patient selbst leichte und schwere Symptome unterscheiden?

Im Zweifel werde der Patient natürlich immer von seinem subjektiven Empfinden ausgehen und sollte zum Hausarzt und seinen Zustand abklären lassen, sagt Dr. Philipp Höschele. „Starke Atemnot ist auf jeden Fall ein Zeichen, bei dem die Alarmglocken läuten sollten und ein Arztbesuch unbedingt angezeigt ist.“ Die Sauerstoffsättigung im Blut („diese sollte unbedingt über 90 Prozent liegen“) könne man zu Hause auch selbst messen. Da gebe es kleine Geräte, sogenannte Pulsoxymeter, zu kaufen.

Nach sieben bis zehn Tagen sollte das Gröbste einer Covid-Erkrankung überstanden sein, sagt Höschele. „Aber pauschal ist das schwer zu sagen. In der Regel verspüren Patienten die stärksten Symptome in den ersten paar Tagen, dann nimmt es schnell wieder ab.“

Wie erkenne ich als Covid-Patient, ob ich eine Herzmuskelentzündung (Myokarditis) habe?

„Herzmuskelentzündungen sind häufig schwierig greifbar und die Symptome sind unterschiedlich“, sagt Höschele. „Manche merken es gar nicht, die Entzündung verläuft asymptomatisch und heilt auch schnell wieder aus.

Herzrhythmusstörungen und Extrasystolen (zusätzliche unrhythmische Herzschläge) seien ein möglicher Hinweis. Häufig komme es wegen Herzmuskelentzündungen auch zu ausgeprägten Leistungsschwankungen, Luftnot und Erschöpfung. Patienten fühlten Druck auf der Brust. „Schwierig zu diagnostizieren, weil diese Symptome ja auch wegen Covid oder einem anderen viralen oder bakteriellen Infekt entstehen können“, sagt Höschele.

Bei der Diagnose helfen EKG, da sieht man eventuell Veränderungen (zum Beispiel Herzrasen und Rhythmusstörungen) und die Messung bestimmter Blutwerte, etwa des Enzyms Troponin-T, das dann wie auch weitere Eiweiß-Biomarker erhöht sein und auf eine Myokarditis hinweisen kann, sagt Höschele.

Kardiologen können zudem Ultraschalluntersuchungen des Herzens (Echokardiografien) vornehmen, um die Pumpleistung zu beurteilen. Dabei kann auch sichtbar werden, ob die Herzkammern erweitert sind. Ein Kardio-MRT schafft letzte Gewissheit.

Was sollte man bei einer Herzmuskelentzündung tun oder tunlichst lassen?

„Man sollte auf den eigenen Körper hören“, sagt Dr. Philipp Höschele. Wie geht es mir? Was kann ich mir zumuten? Gegen einen Spaziergang spreche nie etwas, wenn währenddessen keine Signale vom Körper kommen, dass auch dies zu viel ist. „Nur keinen Sport machen, bei dem der Herzrhythmus nach oben getrieben wird. Die Empfehlung bei einer Myokarditis lautet nach wie vor, sich sechs Monate lang zu schonen.“

Prof. Dr. Andreas Jeron, Chefarzt der Kardiologie im Rems-Murr-Klinikum Winnenden, bestätigt: „Entsprechend der (nicht mehr ganz aktuellen Leitlinie der Europäischen Kardiologischen Gesellschaft ESC von 2013) wird eine Schonzeit von sechs Monaten empfohlen. Der Grund für diese lange Schonzeit liegt in der Gefahr, dass ein entzündeter Herzmuskel zu Herzrhythmusstörungen neigt. Darüber hinaus fürchtet man, dass bei einer Persistenz der meist viralen Erreger im Myokard sich eine chronische Entzündung ausbilden kann, welche dann in eine schwere Herzinsuffizienz führen kann.“

Wenn nach sechs Monaten die Labor- beziehungsweise Entzündungswerte wie auch die Echokardiografie einen Normalbefund anzeigen, könne sich der Patient wieder sportlich betätigen, sagt Prof. Jeron. „Bei einer schweren Myokarditis kontrollieren wir den Befund nach spätestens sechs Monaten auch erneut im Kardio-MRT“, so Jeron.

Wie groß sind die Heilungschancen bei einer Herzmuskelentzündung?

„Bei richtiger Behandlung und Schonung sind die Chancen auf vollständige Heilung einer Herzmuskelentzündung sehr gut und liegen bei 70 bis 80 Prozent“, sagt Dr. Höschele. „Aber es gibt in manchen Fällen leider auch zähe Verläufe und Verschlechterungen des Gesundheitszustandes. Vorsicht ist also geboten.“

Chefarzt Dr. Torsten Ade sagt: „Eine Aussage über ,reversibel oder nicht‘ kann man nicht allgemein festlegen, da die Mechanismen nicht sicher bekannt sind. Es ist auch durchaus möglich, dass mehrere Ursachen parallel in unterschiedlichem Ausmaß für die Symptome ursächlich sind. Sowohl Herz als auch Lunge unterliegen einem Trainingseffekt, der Schäden auf verschiedenen Ebenen wieder ausgleichen kann.“

Geschmacks- und Geruchssinnverlust: Warum kommt es überhaupt dazu? Wie lange dauert dieser an?

„Geschmacks- und Geruchssinnverlust ist nicht zwangsläufig besorgniserregend. Er kann bei vielen Atemwegserkrankungen vorkommen und entsteht durch Schwellungen der Schleimhäute“, sagt Dr. Philipp Höschele. „Eine weitere Ursache dafür im Falle von Covid ist eine Schädigung von Nervenzellen in der Nase.“

Medizinische Studien haben gezeigt, dass in selten schlimmeren Fällen auch Gewebeschäden in der Nähe des Geruchszentrums im Gehirn ursächlich sein können. Seit Omikron kommen Geschmackssinn- und Geruchssinnverluste aber viel seltener vor. Und: „In 90 Prozent der Fälle können die Leute nach vier bis sechs Wochen wieder normal riechen und schmecken“, sagt Höschele.

Die Corona-Sommerwelle flutet durchs Land, die allermeisten Corona-Positiven haben jedoch mildere Krankheitsverläufe, was auch an der Impfquote liegt. Doch was, wenn’s doch schlimmer würde? Was, wenn einem der Geruchs- und Geschmackssinn verlustig geht? Wie erkennt und behandelt man eine Herzmuskelentzündung? Wann sollte man besser ins Krankenhaus?

Zunächst einmal: Unbedingt den Hausarzt konsultieren sollte man bei „Fieber über 40 Grad, Gefühl der Luftnot insbesondere in Ruhe, massiv

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