Rems-Murr-Kreis

Essen gestohlen, um nicht zu verhungern: Wegen elffachen Diebstahls vor Gericht

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Diebstahl aus Hunger: Ein Mann muss sich vor Gericht verantworten. © Andrey Popov

Ein Mann aus dem Rems-Murr-Kreis wird aus dem Gefängnis entlassen und kommt mit den Gegebenheiten in Freiheit nicht mehr klar. Er hat nichts zu essen, kein Geld, keine Beziehungen zu anderen Menschen. Versuche, sich Hilfe zu holen, scheitern. Der 63-Jährige fängt an zu klauen und landet schließlich wegen elffachen Diebstahls vor dem Waiblinger Amtsgericht.

Er sei nicht der „klassische Täter, der klaut, weil er nicht bezahlen will“, betont Richterin Basoglu-Waselzada in der mündlichen Begründung ihres Urteils. Es handle sich um einen traurigen Sonderfall, dem Angeklagten sei nichts anderes übrig geblieben, als zu stehlen, um nicht zu verhungern, nachdem er sich im Oktober nach der Entlassung aus der Haft allein, ohne Mittel und ohne Beziehungen zu anderen Menschen wiedergefunden habe, alle seine Versuche nicht geklappt hätten, mit Einrichtungen Kontakt aufzunehmen, die für Hilfe zuständig seien oder die zu spät reagiert hätten. Dennoch handle es sich bei den von ihm begangenen Diebstählen um Straftaten, so die Richterin.

Der Mann hat vor zehn Jahren zum letzten Mal gearbeitet, „seitdem lebt er von nichts“, so sein Rechtsanwalt zur Lebenssituation seines Mandanten. Er habe keinen Kontakt zu seinen Verwandten. Nach Ansicht des Sozialdienstes, so der Anwalt, „steht eine Demenz im Raum“.

Polizeibeamtin beschreibt den Mann als freundlich und liebenswürdig

Es handle sich bei dem Angeklagten um einen ausgesprochen freundlichen, liebenswürdigen Menschen, der aber sehr viele Probleme habe, berichtete eine Polizeibeamtin als Zeugin. Er könne sich selbst nicht helfen, sei nicht in der Lage, die alltäglichen Dinge des Lebens zu erledigen. „Er schafft es einfach nicht!“ Hätte er nach der letzten Entlassung aus der Haft Betreuung gehabt, wäre es wohl nicht zu den Diebstählen gekommen, bei denen es nie nur um Alkohol ging, sondern um auch Lebensmittel, darum etwas zu essen zu haben, so die Beamtin weiter. Am Ende hätten sie und ihre Kollegen ihn mit Brot versorgt, weil es menschenunwürdig und nicht mit anzusehen sei, wenn jemand Zigarettenkippen vom Boden aufsammelt, um sie zu rauchen.

Die Beamtin sieht allerdings auch einen Zusammenhang mit der Einkaufssituation vor Ort, seitdem es dort nur noch einen Supermarkt gibt, der nicht dem Niedrigpreissegment zuzuordnen sei. Habe man den Mann ertappt, habe er sein Diebesgut sofort wieder ausgehändigt, in seiner freundlichen, hilflosen Art. Es sei offensichtlich gewesen, dass er sich nicht habe bereichern wollen, sondern schlicht und einfach Hunger gehabt habe.

Der Warenwert der Beute bewegt sich zwischen 2,50 und 16,26 Euro

Diesen Eindruck vermittelt auch die Liste der Taten und der Beute, die der Vertreter der Staatsanwaltschaft in der Anklageschrift vorliest: 12. Oktober 2021 Lebensmittel für 5,57 Euro, 13. Oktober für 14,23 Euro, 15. Oktober für 9,73 Euro, 16. Oktober für 9,12 Euro und für 16,26 Euro, 19. Oktober für 2,50 Euro, 21. Oktober für 6,12 Euro und so weiter ...

Wenn man den Haftbefehl gegen seinen Mandanten aufhebe und ihn nach der Verhandlung freilasse, versicherte der Anwalt, dann werde dessen Rückkehr in seinen Wohnort besser organisiert sein. In der Obdachlosenunterkunft stehe ein Zimmer für ihn zur Verfügung, er habe mittlerweile einen Betreuer, der zugesagt habe, noch am selben Tag Kontakt zu seinem Klienten aufzunehmen und dafür zu sorgen, dass er die ihm zustehende Unterstützung bekomme. Alle notwendigen Anträge seien vorbereitet.

Es wäre schön, wenn er das notwendige Geld hätte, um sich sein Essen zu kaufen, ein Brot beim Bäcker, eine Wurst beim Metzer, so der Angeklagte in seinem Schlusswort vor der Urteilsverkündung. Womöglich könne er dann ja auch mit einem Roller zu einem Discounter in der nächsten Stadt fahren, der Laden in seinem Ort wäre ja nun „tabu“.

Der Staatsanwalt gibt in seinem Schlussplädoyer zu bedenken, dies sei eigentlich kein Fall für die Strafjustiz, sondern für die Sozialhilfe. Die Richterin folgt mit ihrem Urteil seinem Antrag: sechs Monate Freiheitsentzug, auf drei Jahre zur Bewährung ausgesetzt. Den Haftbefehl gegen den Angeklagten hebt sie auf. Sie habe den Eindruck und die Hoffnung, dass mittlerweile alles Notwendige im Gang sei, damit der Angeklagte sein Leben in den Griff bekomme und in Zukunft nichts mehr passiere, so die Richterin. Dies rechtfertige es, die Strafe zur Bewährung auszusetzen.

Nachdem sowohl der Vertreter der Staatsanwaltschaft, wie auch der Angeklagte und sein Anwalt das Urteil annehmen, wird es sofort rechtskräftig.

Ein Mann aus dem Rems-Murr-Kreis wird aus dem Gefängnis entlassen und kommt mit den Gegebenheiten in Freiheit nicht mehr klar. Er hat nichts zu essen, kein Geld, keine Beziehungen zu anderen Menschen. Versuche, sich Hilfe zu holen, scheitern. Der 63-Jährige fängt an zu klauen und landet schließlich wegen elffachen Diebstahls vor dem Waiblinger Amtsgericht.

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Er sei nicht der „klassische Täter, der klaut, weil er nicht bezahlen will“, betont Richterin Basoglu-Waselzada in der

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