Rems-Murr-Kreis

Exporteure aus dem Rems-Murr-Kreis schlagen sich nach dem Brexit mit viel Bürokratie herum

Cosco America, Bauart Postpanmax, Baujahr 2008, Länge 349,6 m, Breite 45,6 m, 10.046 Twenty-foot Equivalent Units (Container) im
Der Brexit hat die Handelsströme durcheinandergebracht. © Gabriel Habermann

Deutlich mehr als 100 Unternehmen im Rems-Murr-Kreis betreiben Handel mit Großbritannien. Der Brexit zum Jahreswechsel 2020/21 hat den meisten geschadet. Aber nicht allen. Ungeachtet des Austritts des Vereinigten Königreiches aus der EU verkauft die Waiblinger Firma Stihl mehr Gartengeräte denn je auf der Insel. Großbritannien zählt für Stihl zu den zehn wichtigsten Absatzmärkten für die Motorsägen und -geräte. Gleiches gilt für den Winnender Reinigungsspezialisten Kärcher. „Seit dem Brexit entwickeln sich die Geschäfte zufriedenstellend“, teilt Kärcher mit.

Stihl wie Kärcher hatten sich auf den Brexit vorbereitet, rechtzeitig ihre Lager aufgefüllt und sich an die absehbaren Schwierigkeiten beim Zoll angepasst. Unter dem Brexit leiden jedoch weniger die deutschen Exporteure denn die britische Wirtschaft selbst, stellte dieser Tage Uwe Burkert, Chefvolkswirt der Landesbank Baden-Württemberg, fest. Gegenüber einem „No Deal“-Szenario, das im Verhandlungspoker noch bis zum 24. Dezember 2020 als „Worst Case“ im Raum stand, sei das Freihandelsabkommen für deutsche Exporteure grundsätzlich positiv zu bewerten. „Der Warenhandel wird aber komplizierter“, heißt es in einer Untersuchung der LBBW-Research-Abteilung.

Logistikprobleme, rechtliche Unsicherheit, Zollhemmnisse

Insgesamt wirkt sich der Austritt des Vereinigten Königreichs aus dem EU-Binnenmarkt negativ auf den deutsch-britischen Handelsaustausch aus, zitiert Markus Beier, Geschäftsführer der IHK-Bezirkskammer Rems-Murr, eine aktuelle DIHK-Studie. Demnach beurteilten 60 Prozent der Unternehmen in Deutschland ihre aktuelle Geschäftssituation mit dem Vereinigten Königreich als schlecht. „Vor allem Logistikprobleme, rechtliche Unsicherheiten und Zollhemmnisse trüben die Stimmung“, so der Deutsche Industrie- und Handelskammertag. Auch die Rems-Murr-Firmen beklagen vor allem eine „sprunghaft gestiegene Bürokratie“, so Beier. Seit Jahresanfang gebe es Probleme bei Ausfuhr- und Einfuhranmeldungen und bei der Ausstellung von sogenannten Ursprungserklärungen.

Obwohl sich Kärcher mit dem Aufbau von Pufferbeständen in Großbritannien und der rechtzeitigen Anpassung von Prozessen gut auf den Brexit vorbereitet hat, holperte im Januar der Export. Kärcher hatte aufgrund von anfangs unklaren Zollformalitäten und Corona-Beschränkungen beim Transport mit dem Mangel an verfügbaren Lastwagen zu kämpfen. Bei den Ausfuhrprozessen aus dem Vereinigten Königreich in die EU zeige sich nach wie vor eine große Unerfahrenheit auf Seiten der britischen Industrie.

Stihl hat wegen der Zölle teilweise die Preise erhöht

Die Unternehmen konnten sich lange auf den Brexit vorbereiten. Zwischen dem Brexit-Referendum 2016 und dem Austritt am 1. Januar 2021 vergingen immerhin viereinhalb Jahre. Stihl hat beizeiten auch damit begonnen, Anforderungen in Bezug auf Importe und Zertifizierung umzusetzen. „So haben wir damit gestartet, unsere Produkte für den britischen Markt mit den erforderlichen Zusatzinformationen, zum Beispiel der Importeursadresse, auszustatten, sowie das von Großbritannien geforderte Zertifizierungslabel UK-CA, das von dem CE-Label der EU abweicht, umzusetzen.“ Weil mit dem Brexit in Großbritannien Zollgebühren auf Produkte aus dem Nicht-EU-Ausland erhoben werden, „kam es auch bei uns teilweise zu Preiserhöhungen“.

Doch Stihl schreibt den britischen Markt keineswegs ab. Schließlich zählt der zu den Top-10-Märkten im weltweiten Umsatz-Ranking. „Auch mittel- und langfristig sehen wir darin weiteres Potenzial, so dass wir weiterhin unsere Vertriebsaktivitäten forcieren und mehrere Millionen Euro in den Ausbau unserer Vertriebsgesellschaft in Großbritannien investieren.“

Die zusätzliche Bürokratie macht nicht nur Stihl und Kärcher, sondern allen Exporteuren zu schaffen. „Insbesondere kleine Unternehmen, die bisher lediglich Handelsbeziehungen innerhalb der EU hatten, tun sich schwer, die notwendigen Zollpapiere richtig auszustellen“, stellt IHK-Geschäftsführer Markus Beier fest. Ebenfalls Probleme haben viele Unternehmen mit der Erstellung von (Waren-)Ursprungserklärungen für ihre Kunden auf der Insel, die für die zollfreie Einfuhr von EU-Ware nach Großbritannien notwendig sind. „Generell gibt es einen großen Beratungsbedarf zu der Vielzahl an Regelungen, die im Handels- und Kooperationsabkommen zwischen der EU und Großbritannien enthalten sind.“ Auf beiden Seiten müssten sich die Mechanismen der Zollabwicklung erst einspielen. Solange dies nicht der Fall sei, komme es mitunter zu langen Wartezeiten vor allem für den Lkw-Verkehr an den Zollstellen beiderseits des Ärmelkanals.

Mit diesem Ärger müssen sich vor allem die Spediteure herumschlagen, weiß Michael Schaaf, Geschäftsführer der Waiblinger Spedition Bay Logistik. Allerdings ist Bay selbst nicht sehr in den Handel mit Großbritannien involviert. Der Brexit mache aber das globale Logistikgeschäft nicht einfacher, sagt Schaaf. Wie die Blockade des Suezkanals einmal mehr gezeigt hatte, steht und fällt die extrem arbeitsteilige Weltwirtschaft mit der Funktionsfähigkeit der internationalen Logistik. Wenn es irgendwo hakt, wie jetzt am Suezkanal, hat dies große Auswirkungen auf alle Häfen, die die Schiffe ansteuern, bis hin zu den Fabriken und Läden, für die die Produkte bestimmt sind.

Weltweit ist die Liefer- und Produktionssituation angespannt

In Sachen Logistik sieht sich Stihl derzeit weniger vom Brexit herausgefordert, sondern vielmehr von der derzeit allgemeinen, weltweit angespannten Liefer- und Produktionssituation. So sind weltweit die Container, in denen die Produkte transportiert werden, knapp - und vor allem teuer geworden. Als im Frühjahr 2020 die Corona-Pandemie Europa und Amerika erreichte, waren die dortigen Fabriken lange eingeschränkt. In vielen asiatischen Ländern hingegen liefen die Bänder schon wieder. Leere Container stapeln sich in Europa und in den USA, so dass sie leer nach Asien zurückgebracht werden mussten. Die Preise für Fracht von China nach Europa haben sich laut Financial Times verdreifacht.

Nachdem sich US-Präsident Donald Trump „America first“ auf das Stars-and-Stripes-Banner schrieb, hat sich der Welthandel verkompliziert. Statt Freihandel um jeden Preis standen die USA plötzlich für Protektionismus und Strafzölle. Während die Volksrepublik China Trumps Zölle mit Gegensanktionen konterte, tat sich die EU damit schwer, so Beier. Für die exportorientierte deutsche Wirtschaft seien beide Märkte, die USA wie China, von großer Bedeutung, ebenso ein insgesamt funktionierender Welthandel. Mit der Wahl von Joe Biden scheine zwar wieder mehr Dialogbereitschaft in die amerikanische Politik zurückgekehrt zu sein. „Aber auch in der Handelspolitik Bidens sind deutlich protektionistische Züge zu erkennen“, weist der IHK-Geschäftsführer auf dessen Haltung zum Thema Nordstream 2 hin oder das Exportverbot von Corona-Impfstoff aus den USA. Eine Einschätzung, die die Stihl-Gruppe mit der IHK teilt. Stihl erzielt etwa 90 Prozent seines weltweiten Umsatzes von mehr als vier Milliarden Euro im Ausland. „Da wir seit Jahrzehnten einen weltweiten Fertigungs- und Vertriebsverbund haben, sind wir sehr erfahren im Umgang mit unterschiedlichen Vorschriften, Regulierungen, Verzollung und Transport in Märkte ohne Freihandelsabkommen.“ Dennoch seien für die Geschäftstätigkeiten offene Grenzen und die Freiheiten des Binnenmarkts essenziell, so Stihl.

Vom Austritt aus der EU haben sich die Brexit-Befürworter Vorteile für die britische Wirtschaft versprochen. Derzeit sieht sich diese eher mit den Nachteilen konfrontiert, so LBBW-Chefvolkswirt Uwe Burkert. Für die meisten Exporteure aus der EU auf die Insel dürfte der Mehraufwand verkraftbar sein, zumal deren Exporte in den vergangenen vier Jahren eher abnahmen. „Aufgrund der Außenhandelsstruktur ist das Vereinigte Königreich von den wirtschaftlichen Folgen des Brexits stärker betroffen als die EU.“ denn die EU ist zwar wichtigster Handelspartner für Großbritannien - aber nicht umgekehrt. Durch den Brexit verlieren die Europäer 0,5 Prozent des Bruttoinlandprodukts - die Briten jedoch fast das Fünffache (2,25 Prozent).

Deutlich mehr als 100 Unternehmen im Rems-Murr-Kreis betreiben Handel mit Großbritannien. Der Brexit zum Jahreswechsel 2020/21 hat den meisten geschadet. Aber nicht allen. Ungeachtet des Austritts des Vereinigten Königreiches aus der EU verkauft die Waiblinger Firma Stihl mehr Gartengeräte denn je auf der Insel. Großbritannien zählt für Stihl zu den zehn wichtigsten Absatzmärkten für die Motorsägen und -geräte. Gleiches gilt für den Winnender Reinigungsspezialisten Kärcher. „Seit dem Brexit

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