Rems-Murr-Kreis

Fehlen bald noch mehr Wohnungen im Rems-Murr-Kreis? Warum Bauen zum Risiko wird

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Gibt es bald weniger Baustellen? Die Zahl der Baugenehmigungen jedenfalls sinkt. © Benjamin Büttner

Dirk Braune hat Verständnis für seine Kollegen in der Bauwirtschaft. Immer mehr Bauvorhaben werden auf Eis gelegt, verschoben oder gar gecancelt. Rapide steigende Preise fürs Material und die Frage, ob es überhaupt geliefert wird, seien „keine verlässliche Investitionsgrundlage“, sagt der Geschäftsführer der Kreisbau-Gruppe. Dirk Braune beziffert die Preiserhöhungen mit 17 bis 19 Prozent – sofern sich der Lieferant überhaupt noch auf einen Festpreis einlässt. Bei Vergaben soll jetzt oft der Tagespreis gelten, wenn das Material auf der Baustelle angeliefert wird. Auf dieser Basis könne jedoch nicht seriös kalkuliert werden, sagt Braune. Die Zahl der Baugenehmigungen sinkt – und das hat Folgen: Es werden noch weniger der so dringend benötigten Wohnungen gebaut werden.

Kürzlich hat der Bauverband im Südwesten vor einer deutlichen Delle im Wohnungsbau gewarnt. In Baden-Württemberg wurden von Januar bis Mai fast zehn Prozent weniger Baugenehmigungen erteilt als ein Jahr zuvor. Der Verband wertete dies als ein Warnsignal für die weitere Entwicklung des Wohnungsbaus. „Die stark rückläufigen Genehmigungszahlen zeigen klar, dass jetzt die Auswirkungen durch den Ukraine-Krieg mit anhaltend gestörten Lieferketten, exorbitant teurem Baumaterial sowie steigenden Bauzinsen voll auch im Bewusstsein der Verbraucher angekommen sind“, so Thomas Möller, Hauptgeschäftsführer der Bauwirtschaft Baden-Württemberg, in einer Pressemitteilung. Besonders kräftig zurückgegangen seien die Genehmigungszahlen für Mehrfamilienhäuser mit -17,6 Prozent.

Verband Bauwirtschaft: Immer mehr Aufträge werden storniert

Mehrfamilienhäuser sind einer der Schwerpunkte der Kreisbau. Bis 2027 will die kreiseigene Baugesellschaft die Zahl der Mietwohnungen im eigenen Bestand von aktuell rund 900 auf 1500 erhöhen. Ein Mammutprogramm. Es müsste also fleißig gebaut werden. Dirk Braune wertet es als einen Glücksfall, dass derzeit bei seiner Kreisbau keine Vergaben anstehen. Er hat also einen kleinen Zeitpuffer, bis die nächsten großen Bauprojekte vergeben werden müssten. Dazu zählen der Pflegecampus in Urbach, der Anfang 2023 zur Vergabe ansteht, sowie 2024 die großen Projekte Hangweide in Kernen („urbanes Dorf“) und das Klinikareal in Waiblingen, wo insgesamt 290 Kreisbau-Wohnungen entstehen sollen. „Wir hoffen, dass bis dahin Vernunft einkehrt“, sagte Braune - auch mit Blick auf den Krieg in der Ukraine, der einer der Auslöser für die schwierige Lage in der Bauwirtschaft ist.

Der Verband Bauwirtschaft zeigt sich wenig optimistisch. Immer mehr Aufträge würden storniert. „Wir befürchten einen großen Einschnitt in den kommenden Monaten“, so Thomas Möller. „Deshalb muss die Politik jetzt massiv gegensteuern und alles dafür tun, damit das Vertrauen der Bauwilligen und Investoren wieder zurückkehrt und der Konjunkturmotor Bau nicht ins Stocken gerät.“

Aber nicht nur beim Neubau hakt es. Vom drohenden Gasmangel aufgerüttelte Häuslebesitzer, die ihre Gebäude dämmen, die Heizungsanlage erneuern oder mit einer Solaranlage ausrüsten wollen, stoßen auf ein schier unüberwindbares Hindernis: Sie finden keine Handwerker. Deren Auftragsbücher sind voll. Was fehlt, ist nicht nur das Material, sondern es sind vor allem die Fachkräfte, die die Aufträge ausführen können.

Konjunktur könnte auch im Handwerk einbrechen

Auch im neuen Ausbildungsjahr werden wieder viele Lehrstellen nicht besetzt werden, schrieb die Handwerkskammer Region Stuttgart kürzlich: „Trotz intensiver Werbung um qualifizierten Nachwuchs suchen unsere Handwerksbetriebe noch händeringend nach motivierten jungen Leuten.“

Aber das Handwerk ist ebenfalls nicht vor den Krisen gefeit. „Wir bewegen uns auf einen Kipppunkt in der Konjunktur im Handwerk zu“, erklärte Hauptgeschäftsführer Peter Friedrich zur vierteljährlichen Konjunkturumfrage der Kammer.

Zwar hätten trotz aller Irritationen auf den Märkten und im politischen Umfeld die Handwerksbetriebe in der Region Stuttgart für das erste Quartal 2022 eine positive Geschäftsentwicklung gemeldet. Aber massive Preissteigerungen, Lieferprobleme und der Krieg zwischen Russland und der Ukraine bremsten zunehmend die Konjunktur aus. Ein aussagekräftiger Indikator sei die Zahl der Bauanträge. „Die gehen aufgrund stark gestiegener Baupreise und steigender Zinsen zurück“, so Peter Friedrich. „Damit droht dem Herzstück der stabilen Handwerkskonjunktur der letzten Jahre – nämlich dem Bau- und Ausbausektor – ein Einbruch.“

Dirk Braune hat Verständnis für seine Kollegen in der Bauwirtschaft. Immer mehr Bauvorhaben werden auf Eis gelegt, verschoben oder gar gecancelt. Rapide steigende Preise fürs Material und die Frage, ob es überhaupt geliefert wird, seien „keine verlässliche Investitionsgrundlage“, sagt der Geschäftsführer der Kreisbau-Gruppe. Dirk Braune beziffert die Preiserhöhungen mit 17 bis 19 Prozent – sofern sich der Lieferant überhaupt noch auf einen Festpreis einlässt. Bei Vergaben soll jetzt oft der

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