Rems-Murr-Kreis

Fellbach: 567 Missbrauchstaten angeklagt - Prozess gegen Jugendtrainer beginnt

Im Umkleideraum
Die Missbrauchstaten spielten sich im Mannschaftssport-Milieu ab. Symbolfoto. © Adobestock/Joachim B. Albers

Es ist ein Fall von außergewöhnlicher, erschütternder, von schwer begreiflicher Dimension: Ein Prozess um vielhundertfachen sexuellen Missbrauch beginnt am Mittwoch, 27. April, am Stuttgarter Landgericht. Angeklagt: ein ehemaliger Handball-Jugendtrainer des SV Fellbach. Was ist bisher bekannt, mit welchem Strafmaß wäre bei einer Verurteilung zu rechnen, wie ist die Beweislage? Der Überblick mit Antworten auf die wichtigsten Fragen.

Um was geht es?

567 Einzeltaten umfasst die Anklageschrift, vom schweren sexuellen Missbrauch, begangen an einem Kind, bis zum Besitz kinder- und jugendpornografischer Materialien. Der Angeklagte soll die Taten über einen Zeitraum von 15 Jahren, zwischen 2006 und 2021, verübt haben an mehreren, mindestens acht ausschließlich männlichen Kindern und Jugendlichen, die seinerzeit zwischen 13 und 18 Jahre alt waren. (Wir berichteten erstmals hier.)

Wie kamen die Ermittlungen ins Rollen?

Im Sommer 2021 wandte sich ein junger Mann an den Waiblinger Anwalt Jens Rabe und offenbarte, was er erlitten habe. Rabe schaltete umgehend die Polizei ein. Zunächst gingen die Ermittler von einem Einzelfall aus, doch schnell traten ungeahnte Dimensionen zutage. Entscheidend war eine Hausdurchsuchung beim Verdächtigen. Es folgten monatelange, äußerst gründliche Recherchen der Polizei.

Was brachte die Hausdurchsuchung?

Die Beamten fanden bei dem Mann eine Fülle von Video-Aufnahmen – er hatte offenbar, so sieht es momentan zumindest aus, seinen Umgang mit den Jungen gefilmt und die Ton-Bild-Dokumente archiviert.

Ist mit einer Verurteilung zu rechnen?

Grundsätzlich gilt immer die Unschuldsvermutung – bis zum gerichtsfest in ein Urteil gegossenen Beweis des Gegenteils. Bei Missbrauchsprozessen stellt sich obendrein oft ein typisches Problem: Aussage steht gegen Aussage, die Taten liegen lange zurück, für die Betroffenen kann es zu einer Tortur werden, alles vor Gericht erzählen, quasi noch einmal durchleben und sich dazu intensiv befragen lassen zu müssen.

In diesem Fall aber sieht es anders aus. Zwar wäre es angesichts der vielen mutmaßlichen Opfer möglich, die Anklage allein auf Zeugenaussagen zu gründen – aber es gibt eben Videomaterial in enormem Umfang; es handelt sich wohl um Speicherumfänge im Terabyte-Bereich. Falls die Authentizität dieser Filme sich vor Gericht bestätigt, wäre die Beweislage erdrückend.

Was ist über den Angeklagten bekannt?

Er ist 53 Jahre alt, ausgebildeter Sozialpädagoge, arbeitete in einem Jugendamt in der Region Stuttgart als EDV-Administrator und war beim SV Fellbach in der Handball-Jugendarbeit ehrenamtlich tätig.

Wie soll der Mann vorgegangen sein?

Der Angeklagte wird als jemand beschrieben, der im Verein und bei den Jungen als hoch engagiert und als Vertrauensperson galt, möglicherweise für manche fast eine Art Vaterfigur war.

Die Anklage geht offenbar davon aus, dass der Mann keine körperliche Gewalt im juristischen Sinne einsetzte. Vielmehr soll er seine Vertrauensposition systematisch ausgenutzt, sich mit den mutmaßlichen Opfern außerhalb der Sportstätten an unterschiedlichen Orten getroffen und wortreich und redegewandt auf sie eingewirkt haben.

Der Anwalt Jens Rabe beschreibt die Falle, die sich da aufgetan haben könnte, so: „Es braucht nur einen hoch manipulativen Trainer, der mit vorgespielter Fürsorglichkeit ins Leben der Betroffenen eindringt, rein sportliches Engagement vortäuscht und dabei gezielt Situationen schafft, in denen Missbrauch möglich ist – unbemerkt von den Eltern, von Mitspielern, von Vereinskollegen.“ (In jüngerer Vergangenheit gab es einen weiteren, wenngleich bei weitem nicht so großen Fall im Rems-Murr-Kreis.)

Was fällt auf?

Bis Anfang 2019 war der Mann als Trainer beim SV Fellbach tätig, dann trennte sich der Verein von ihm „aufgrund sportlicher Differenzen“, wie es offiziell heißt. Angeklagt aber sind Taten bis 2021. Was es damit auf sich hat, wird die Verhandlung klären.

Um welches Strafmaß geht es?

Für den schweren sexuellen Missbrauch eines Kindes sieht das Strafgesetzbuch Haft „nicht unter zwei Jahren“ vor; auf sexuellen Missbrauch von Schutzbefohlenen – Menschen unter 18, die jemandem „im Rahmen eines Ausbildungs-, Dienst- oder Arbeitsverhältnisses untergeordnet“ sind – stehen bis zu fünf Jahre; und bis zu fünf Jahre können auch beim Besitz kinderpornografischer Inhalte fällig werden. Natürlich lässt sich das nicht nach dem Motto „567 mal x“ in Haftjahre umrechnen. Aber falls sich bestätigt, dass der Mann über lange Zeit systematisch vorgegangen sein und mehrere junge Menschen wieder und wieder missbraucht haben sollte, dürfte der juristische Laie einer Haft von mehr – womöglich deutlich mehr – als fünf Jahren zuneigen.

Wie ging der Verein damit um?

Der SV Fellbach hat offen, lernbereit und auch durchaus selbstkritisch reagiert.

Zunächst versandte die Vereinsführung ein Rundschreiben an die Eltern, dann ließ sie ein öffentliches Statement folgen. „Wir möchten allen Betroffenen unser großes Mitgefühl ausdrücken, aber ihnen“ – es folgt eine wichtige Formulierung – „auch dafür danken, dass sie den Mut aufgebracht haben, die Taten aufzudecken.“

Aus Vereinskreisen hieß es daneben: Angesichts der „Dimension des Falles“ stelle sich die Frage, „ob wir in der Vergangenheit nicht aufmerksamer hätten sein müssen“. Man wolle nun „noch intensiver“ einen „bereits vor drei Jahren eingeschlagenen Weg zur Gewaltprävention und Enttabuisierung sexualisierter Gewalt verfolgen“. Im Januar gab es eine Info-Veranstaltung „Kindeswohlgefährdung, sexualisierte Gewalt und Missbrauch im Sport“: Alle Spieler und ihre Eltern waren eingeladen; für die Trainer war die Teilnahme Pflicht. (Auch andere Vereine arbeiten an Konzepten. Und auch die sportlichen Dachverbände haben die Tragweite des Problems erkannt.)

Wie könnte die Verhandlung verlaufen?

Das Ausmaß dieses Missbrauchskomplexes sei wirklich „außergewöhnlich“, betont Anwalt Rabe, der in dem Verfahren sechs mutmaßlich Betroffene vertritt. Deshalb ist der Prozess zunächst auf sieben volle Verhandlungstage terminiert und könnte sich laut Gerichtsplan bis zum 9. Juni hinziehen.

Falls der Angeklagte gestehen sollte, ginge es wohl schneller. Mit der einen oder anderen Zeugenaussage wäre dennoch weiterhin zu rechnen. Zum Beispiel befragen die Gerichte, um dem Fall einen Faktenrahmen zu geben, üblicherweise leitende Ermittler. Auch der eine oder andere von den heute bereits älteren Betroffenen würde wohl reden. Und natürlich gehört zu so einem Prozess unbedingt das Gutachten eines psychiatrischen Sachverständigen.

Es ist ein Fall von außergewöhnlicher, erschütternder, von schwer begreiflicher Dimension: Ein Prozess um vielhundertfachen sexuellen Missbrauch beginnt am Mittwoch, 27. April, am Stuttgarter Landgericht. Angeklagt: ein ehemaliger Handball-Jugendtrainer des SV Fellbach. Was ist bisher bekannt, mit welchem Strafmaß wäre bei einer Verurteilung zu rechnen, wie ist die Beweislage? Der Überblick mit Antworten auf die wichtigsten Fragen.

Um was geht es?

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