Rems-Murr-Kreis

Fellbacher Millionendeals: Warum Harald Panzer (Wohninvest) Schlösser kauft

Schloss Gracht
Schloss Gracht bei Köln. Es gehört Harald Panzer und Dr. Matthias Bühler und wurde zu einer psychosomatischen Klinik umgebaut. © Libermenta

Es gibt Geschichten, da kommst du dir vor wie Klatschreporter Baby Schimmerlos aus der Serie „Kir Royal“ – die folgende Geschichte zum Beispiel handelt von der Fellbacher Firma Wohninvest, Harald Panzer, einem halben Dutzend Schlössern, einem Spross der einst steinreichen Quelle-Dynastie, 200 Millionen Euro, psychischen Erkrankungen, den Beatles, einem Handball-Weltmeister; und noch mehr ...

Wasserschloss, Barockschloss, Beatlesschloss

Dass dies kein ganz gewöhnliches Unternehmen ist, dämmert dir schon auf dem Flur: Die Fellbacher Räume von „Bühler Health Care“ sind weder mit ödem Zweckmäßigkeitsmobiliar vollgestellt noch mit windschnittigen, teuren Designerstücken, sondern mit erlesenen Antiquitäten - Bilder in Goldrahmen, fünfarmige Leuchter, Stühle mit Lederlehnen und Zierbeschlägen. Und der Tisch im Besprechungsraum ist kein Tisch, sondern eine runde Tafel; wenn jetzt König Artus reinkäme und fragen würde, ob jemand seine Lady Guinevere gesehen hat, wärst du nur mäßig überrascht. Die Möbel stammen aus Schlössern. Dazu gleich mehr.

Dr. Matthias Bühler, 46, ein promovierter Betriebswirt, betreibt von Fellbach aus die „Libermenta“-Kliniken. Der Lateiner denkt da an liber, frei und mens, der Geist. Und in der Tat: Die Kliniken sind „spezialisiert auf die Gesundung von mental erkrankten Menschen“. Psychiatrische Erkrankungen, sagt Bühler, seien „leider immer noch sehr stigmatisiert“. Er wolle das ändern. Und so bringt er seine Kliniken in Schlössern unter.

Im Wasserschloss Gracht bei Köln herrscht bereits Betrieb, das Barockschloss Freudental bei Bietigheim startet im März, Schloss Tremsbüttel bei Hamburg, ehemals ein Luxushotel, in dem die Beatles, Klaus Kinski und Udo Lindenberg genächtigt haben, folgt im Juli; danach soll es weitergehen: Bei Berlin, Frankfurt und München sucht die Bühler Health Care bereits weitere Prachtbauten für die Seele.

"Geomantische Orte" und „heilende Architektur"

Diese Schlösser seien „geomantische Orte“, sagt Matthias Bühler; spirituelle Kraftplätze. Wenn man sie betrete, „macht das was mit einem“: die hohen Räume, lichtdurchflutet, das viele Grün – die segensreiche Wirkung solch einer Umgebung lasse sich bei Patienten im „Brainscan“ nachweisen.

„Medizinisch hochwertig“ sollen hier Erkrankungen behandelt werden von Depression bis Burn-out, Trauma bis Sucht, Zwangs- bis Schlafstörung, ADHS bis Schizophrenie. Gute Ärzte zu gewinnen, sei gar nicht so schwer: Denn „wir bieten ihnen den Raum zu heilen“. In „Plankrankenhäusern“ mit „Linoleumboden“ seien die Möglichkeiten für ambitionierte Mediziner begrenzt, da werde „über jeden Cent diskutiert“, selbst Koryphäen säßen oft „in kleinen Zimmern und schauen auf die Backsteinwand“ – solch karge Architektur werde „den Menschen doch nicht gerecht“. Für die Libermenta-Kliniken arbeite Dr. Karsten Wolf, im Focus als Topkraft gewürdigt; Prof. Dr. Isa Sammet; Prof. Dr. Anne Karow, vormals am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf.

Es gebe auch Musiktherapie: Darum kümmere sich eine Opernsängerin. Und das Sport- und Ernährungskonzept verantworte  ... schau, da kommt er grade ums Flureck: Markus Baur. Genau, sagt Bühler, „der Handball-Baur“, als Spieler Weltmeister 2007, als Trainer mal beim TVB Stuttgart.

„Sport“, sagt Baur, „ist bei uns ein Ju-Es-Pi“: Unique Selling Point, Alleinstellungsmerkmal, „einzigartig im Klinikvergleich“.

Dazu, erzählt Bühler, gebe es auch Lichttherapie: appgesteuerte Lampensysteme, deren Leuchtkraft erblüht und verdämmert in aufs jeweilige Krankheitsbild abgestimmten Farben, Rhythmen und Zyklen.

„Gemütlich hier“, schwärmt Libermenta-Geschäftsführerin Silke Reichmann, 55, eine Waiblingerin in Team Bühler. „Da will man gar nicht mehr heim.“

"Einzigartig, exzellent, extravagant"

Die Image-Broschüre der Libermenta-Kliniken ist schon allein haptisch ein Kracher: auf dem Umschlag goldener Prägedruck, das Papier innen handschmeichlerisch feinrau. Und die Fotos erst: leuchtende Lüster, glitzernder Glasschliff, pastellfarbener Putz, Brunnengischt, Park-Alleen, Marmorböden, Stuckbordüren, Drechselkunst, Obst-Etageren, Treppenfluchten.

Auch mit Alliterationen („einzigartig, exzellent und extravagant“) und Sinnsprüchen geizt die Broschüre nicht: „Free your mind!“ – „Feel Good!“ – „Healing Architecture“ – „Look & Feel“ – „Soul Solutions“ – „Enjoy!“ – „Royal Comfort“ – „Brighten up your life!“ - „Be present, here and now!“

Die Krönung aber: In schwungvoller Schreibschrift, über zwei volle Seiten hingegossen, prangt am Heft-Ende, als habe die Werbe-Agentur sich ob der Fülle ihrer glanzvollen Einfälle partout nicht für einen entscheiden können, die heilende Dreifaltigkeit der Glücksversprechen: „Erleben leben – Leben erleben – Leben leben“.

Nein, um „Chichi-Kliniken“ nur für Reiche handle es sich nicht, beteuert Matthias Bühler: Hier gebe es Hilfe für „akut psychiatrisch Erkrankte“, auch „schwerst Erkrankte“. Und er werde – manche Kassen hätten bereits ihre Bereitschaft signalisiert – „versuchen, diese Therapie auch gesetzlich Versicherten anzubieten“.

Madeleine und das Quelle-Erbe: Jetzt wird's "Bunte"

Neulich erschien in der Illustrierten „Bunte“ ein Artikel über den „Sohn von Quelle-Erbin Madeleine Schickedanz“, den „Investor und Visionär“. Überschrift: „In meinen Schlössern sollen kranke Seelen heilen“.

Und damit nimmt die Geschichte nun dermaßen Fahrt auf, dass selbst der abgebrühte Baby Schimmerlos gestaunt hätte, obwohl der ja in „Kir Royal“ nun wirklich allerhand gewohnt war zwischen Korruptionsdrohungen von Fabrikant Heinrich Haffenloher („Isch scheiß disch so was von zu mit meinem Geld“) und Anfällen von Klatschreporter-Weltschmerz („Ein Journalist ist einer, der seinen Beruf verfehlt hat“).

Dr. Matthias Bühler nämlich, der Health-Care-Bühler, Libermenta-Bühler, Fellbach-Bühler, ist ein Spross der Quelle-Dynastie; ein Sohn aus Madeleines zweiter Ehe.

Quelle war mal das größte Versandunternehmen Europas. Madeleine, einzige Tochter des Gründerpaares Grete und Gustav Schickedanz, erbte das Imperium, überführte es in eine Gemeinschaft mit Karstadt, war zeitweise größte Aktionärin des Konzerns, der mittlerweile Arcandor hieß, und gehörte zu den Superreichen der Republik.

2009 aber ging Arcandor pleite. In einem jahrelangen Prozess schlug sich Madeleine Schickedanz mit Bankern und Beratern herum, von denen sie sich ausgenommen und ausgenutzt glaubte, es ging um verlorene Villen in Spanien, St. Moritz, am Tegernsee, um Bürokomplexe in Hamburg, Frankfurt, München, um Schadensersatzforderungen in Milliardenhöhe. Irgendwann kam es zur außergerichtlichen Einigung.

Wie viel ist übrig vom Erbe? Madeleine Schickedanz klagte zwischendurch mal öffentlich, sie lebe von „500 bis 600 Euro im Monat“ und kaufe „beim Discounter“.

Ganz so schrecklich scheint es letztlich zwar wohl nicht gekommen zu sein, aber die Schätz-Streubreite allein beim „Spiegel“ ist beträchtlich: Etwa 40 Millionen Euro seien der Quelle-Erbin geblieben, schrieb das Magazin 2016, hängte 2017 dann aber doch noch eine Null dran; so etwa 100 Immobilien müsse man schon auch mit einrechnen.

HJP und Dr. B.: Ein ungewöhnliches Investorenteam

Und jetzt, sagen Matthias Bühler und Silke Reichmann, schauen wir noch kurz im Gebäude nebenan vorbei, was „unser HJP“ so macht. Harald Josef Panzer. Bühler ist nämlich neuerdings Mitgesellschafter des von Harald Panzer gegründeten Fellbacher Immobilien-Unternehmens Wohninvest.

Schickedanz-Sohn tut sich mit Rems-Murr-Immo-Zampano zusammen: Baby Schimmerlos, was willst du mehr? Denn eine graue Maus ist Panzer, 58, nun ja auch nicht direkt. Dass das Bremer Weserstadion zehn Jahre lang Wohninvest-Weserstadion heißt, lässt er sich 30 Millionen Euro kosten; dass er sich womöglich im Laufe des Frühjahrs am Landgericht Stuttgart einer Verhandlung stellen muss wegen Deals, an denen die Staatsanwaltschaft dies und das auszusetzen hat, sei auch nicht verschwiegen; und alle spektakulären Bauprojekte, in die Panzer sonst noch so involviert ist, erschöpfend aufzuzählen, würde nun wirklich zu weit führen. Begnügen wir uns mit zweien: Die Neue Ortsmitte Schwaikheim gehört ihm. Und das Waiblinger Hotel Koch mit 52 Zimmern abzureißen und dafür einen Komplex mit 136 Zimmern hochzuziehen, ist ein weiterer Panzer-Coup.

Als Partner sei Bühler ein „Wunschkandidat“ gewesen, sagt der sogenannte HJP. Wie fanden sie einander? Wie sich das halt so ergibt: Bühler wollte die Schickedanz-Villa in Dambach bei Fürth verkaufen, Panzer wollte sie kaufen, man kam ins Geschäft.

Bühler gehört zum alten deutschen Geldadel – war das kein Kulturschock, als er Panzer kennenlernte, den man ja als hemdsärmelig beschreiben könnte, wenn er denn ein Hemd trüge und keinen Schlabberpulli?

Nicht doch, sagt Bühler, er fühle sich „sehr geehrt“, dass er Panzer einen „Freund“ nennen dürfe.

„Wir kaufen Schlösser und betreiben sie“, erklärt Panzer das Prinzip. Pro Stück investieren sie vom Kauf bis zum Umbau 30 bis 35 Millionen Euro. Macht bei geplanten sechs etwa 200 Millionen. Das Ganze sei nicht auf schnellen „Gewinn angelegt“, sondern als „mittel- und langfristige“ Anlage gedacht, „wir könnten jetzt schon Gesellschaftsanteile für viel, viel Geld verkaufen, das ist aber nicht unser Interesse“. Denn das sei der Plan: Wohninvest kauft die Schlösser und vermietet sie an die Klinik-Gesellschaft; die Klinik-Gesellschaft verdient genug, um neben dem Personal auch die Miete an Wohninvest zahlen zu können; und wenn all das mal läuft, kommt im Lauf der Jahrzehnte ordentlich Rendite rein.

Bühler drückt das alles etwas „Bunte“-kompatibler aus: Sie seien wie eine „Familie“, dies sei ein „Lebensinhalt“, hier stehe „der Mensch im Mittelpunkt“.

Baby Schimmerlos! Oder: Schlussgedanken

So. Und jetzt stehst du da, du Journalist: flunderplatt von der Überfülle aus Informationen, Visionen und Millionen, Kronleuchtern und Pastelltönen, Sinnsprüchen und Schlössern. Psychiatrische Kliniken, aus denen man gar nicht mehr heim will! Königlicher Komfort! Bald womöglich auch für Kassenpatienten! Ist das nun sagenhaft gut, die Revolutionierung der Seelenheilkunde? Oder sagenhaft over the top, die Inflationierung des Marketing-Superlativs? Genial oder größenwahnsinnig? Menschenfreundlich oder monetentüchtig? Oder beides? Oder keins von beidem? Und wie soll das jemand, der noch nie in die Verlegenheit kam, mal eben ein paar Millionen gewinnbringend beziehungsweise sinnstiftend anlegen zu müssen, überhaupt beurteilen?

Fürs Erste steht bloß so viel fest: Baby Schimmerlos wäre neidisch.

Es gibt Geschichten, da kommst du dir vor wie Klatschreporter Baby Schimmerlos aus der Serie „Kir Royal“ – die folgende Geschichte zum Beispiel handelt von der Fellbacher Firma Wohninvest, Harald Panzer, einem halben Dutzend Schlössern, einem Spross der einst steinreichen Quelle-Dynastie, 200 Millionen Euro, psychischen Erkrankungen, den Beatles, einem Handball-Weltmeister; und noch mehr ...

Wasserschloss, Barockschloss, Beatlesschloss

Dass dies kein ganz gewöhnliches

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