Rems-Murr-Kreis

Finger weg von Wildschweinleber

essen/schweinepest
Hartmut Unger, Jäger und Liebhaber von Spezialitäten mit Innereien, betrachtet Wildschweinleber inzwischen sehr skeptisch. Wildschweinfleisch und auch Damwildfleisch, das sogenannte Wildbret, ist dagegen mit PFAS kaum belastet. © ALEXANDRA PALMIZI

Hartmut Unger, höchst aktiv in der Kreisjägervereinigung und außerdem erklärter „Schwob“, isst so gerne „saure Nierla“ und „Leberspätzla“. Doch inzwischen kommt Unger bei solchen Leckereien in Bedrängnis: Er sei beim Verzehr gar nicht mehr entspannt. Der Grund dafür hat einen fast unaussprechlichen Namen: per- und polyfluorierte Alkylverbindungen, kurz „PFAS“.

Lukullische Genüsse mit Innereien, frisch und sogar selbst zubereitet, waren für Hartmut Unger bislang nichts Unerreichbares. Die Jäger sind auch im Rems-Murr-Kreis schon lang dazu aufgefordert, häufig auf die Pirsch zu gehen. Die Wildschweine sollen wegen Überbevölkerung und drohender Schweinepest bejagt werden. Doch jetzt heißt es verzichten, denn die per- und polyfluorierten Alkylverbindungen wurden vom Chemischen und Veterinärinstitut Freiburg in allen Wildschweinleber-Proben nachgewiesen, die in den Jahren 2014 und 2018 gezogen worden waren. Die Proben stammten aus ganz Baden-Württemberg.

Das „gravierendste globale Chemikalienproblem“

PFAS seien, sagte im Frühjahr Martin Scheringer, Professor für Umweltchemie und auch an der Eidgenössischen technischen Hochschule Zürich tätig, „das gravierendste globale Chemikalienproblem, das es zurzeit gibt“.

PFAS sind industriell hergestellte Kunststoffe. Sie finden sich fast überall. Sie sorgen für Schutz gegen Anbrennen bei beschichteten Pfannen, sie stecken in Regenjacken, Teppichen, Sofas, Schuhsprays, Kosmetika, in Farben, Feuerlöschschäumen, Dichtungen, Backpapier oder Popcorntüten. PFAS werden in der Natur nicht abgebaut – Sonnenlicht, Wasser, Hitze, Mikroben oder die Zeit können ihnen nichts anhaben. Sie werden inzwischen überall gefunden, ganz gleich ob in Erde, Wasser oder Luft. Und in den Innereien von Wildschweinen.

Denn alles, was die Allesfresser futtern, kann längst mit PFAS kontaminiert sein. „Ein direkter Eintrag in die Luft oder in Gewässer kann bei der Herstellung und Verarbeitung dieser Stoffe erfolgen“, schrieben Fachleute des Chemischen und Veterinäruntersuchungsamts Freiburg in einem Artikel für die Zeitschrift des Landesjagdverbands. Doch nicht nur die Industrie hat ihren Anteil an der Umweltkatastrophe. Jeder, der beschichtete Pfannen nutzt, Outdoor-Kleidung trägt und wäscht, Putzmittel benutzt und dann wegspült, verteilt PFAS. Es sei „für den Normalbürger schwierig, PFAS zu vermeiden oder zu reduzieren. Am wirksamsten sind zweifellos Verwendungsverbote für Gebrauchsgegenständen und Textilien, die PFAS enthalten“, heißt es aus dem Chemischen und Veterinäruntersuchungsamt Freiburg.

Ein regelmäßiger Verzehr von nur drei Gramm pro Woche kann gefährlich werden

Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit EFSA schätzte das Gesundheitsrisiko für den Menschen in Bezug auf die PFAS-Werte in den untersuchten Wildschweinlebern ab. Das Ergebnis: Bei einem dauerhaften Verzehr von nur drei Gramm pro Woche könne ein gesundheitliches Risiko nicht ausgeschlossen werden. Bei einem Verzehr von rund 150 Gramm pro Mahlzeit dürfte Wildschweinleber somit höchstens alle 50 Wochen auf dem Speiseplan stehen – einmal im Jahr. PFAS stehen im Verdacht, krebserregend zu sein. Außerdem wird vermutet, dass sie die Schilddrüsenhormone beeinflussen und dadurch zu neurologischen Entwicklungsstörungen beitragen.

Das restliche Fleisch der Wildschweine war übrigens nicht oder nur marginal kontaminiert und wurde von der EFSA als „toxikologisch unbedenklich“ eingeordnet. Es ist die Leber, das Entgiftungsorgan des Körpers, in dem sich das Umweltgift offenbar stark anreichert.

Das Landratsamt erhebt zurzeit die Daten für den Rems-Murr-Kreis

Aber ist's denn wirklich so schlimm? Vor allem hier bei uns, wo die Pfannen- oder Löschschaumindustrie doch eher rar gesät ist? Das Veterinäramt rät Metzgern, die auch Wild verarbeiten, davon ab, die Leber zu verwenden, heißt es aus dem Landratsamt. Wie hoch die Belastung in den Gewässern des Kreises, in den Kläranlagen, den Ackerböden ist, kann das Landratsamt noch nicht mitteilen. Die Daten werden zurzeit erhoben.

Hartmut Unger, höchst aktiv in der Kreisjägervereinigung und außerdem erklärter „Schwob“, isst so gerne „saure Nierla“ und „Leberspätzla“. Doch inzwischen kommt Unger bei solchen Leckereien in Bedrängnis: Er sei beim Verzehr gar nicht mehr entspannt. Der Grund dafür hat einen fast unaussprechlichen Namen: per- und polyfluorierte Alkylverbindungen, kurz „PFAS“.

Lukullische Genüsse mit Innereien, frisch und sogar selbst zubereitet, waren für Hartmut Unger bislang nichts Unerreichbares.

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