Rems-Murr-Kreis

Flucht ins Rems-Murr-Frauenhaus: Wie Corona-Krise und Lockdown die Situation von Frauen verschärfen, die von häuslicher Gewalt betroffen sind

Häusliche Gewalt
Die Verletzungen sind geschminkt, es handelt sich um ein Symbolbild. © Alexandra Palmizi

Im Frauenhaus ist ein Notzimmer eingerichtet. Nur für den Fall, jemand braucht Knall auf Fall nachts um drei für sich und die Kinder eine Bleibe.

Eigentlich ist das ganze Frauenhaus ein Nothaus. Nur mit den Kleidern am Leib und den Kindern an der Hand gehen Frauen manchmal von zu Hause weg. Sie flüchten aus einem schicken Einfamilienhaus mit Sportwagen davor, aus einer engen Zwei-Zimmer-Wohnung oder aus einem Gefängnis, das der Lockdown aus ihrem Zuhause gemacht hat. Im Frauenhaus können sie durchatmen, sich sammeln, Kraft schöpfen für einen Neustart – aber frei sind sie nicht. Kein Besuch. Schweigepflicht. Kommt raus, wo das Frauenhaus sich befindet, erfüllt es seinen Zweck nicht mehr.

"Es bestehen große Abhängigkeiten"

Eine Psychologin, 45 Jahre, und eine Sozialpädagogin, 36 Jahre, sitzen in einem saukalten Besprechungszimmer. Fenster ist offen – Corona. Die beiden Frauen stört’s nicht. Sie sind tough, entschlossen, in Zeitnot. Warmherzige Profis. Ihre Namen tun nichts zur Sache, und warum das so ist, erklärt sich eigentlich von selbst.

Für Außenstehende erklärt sich kein bisschen von selbst, weshalb Frauen x-mal zu einem gewalttätigen Partner zurückkehren, weshalb sie ein jahrelanges Martyrium ertragen, Schläge, Tritte, Demütigungen erdulden, wieder und wieder und wieder. „Es bestehen große Abhängigkeiten“, erklärt die Sozialpädagogin: „Finanzielle und emotionale.“ Sie hat schon Fälle erlebt, da selbst erfahrende Fachleute von Behörden es nicht fassen konnten: Was? Häusliche Gewalt? In dieser Familie? Gibt’s doch nicht.

"... dann nehmen sie dir die Kinder weg"

Doch, doch, das gibt’s. „Du musst durchhalten“, denken die Frauen, weil man ihnen eingebleut hat, man trennt sich nicht, man bleibt zusammen, um der Kinder willen. „Wenn du was sagst, dann nehmen sie dir die Kinder weg.“ Solch ein Satz zieht, vor allem dann, wenn eine Frau kein eigenes Einkommen hat, nichts auf der Seite, keine Aussichten auf einen Job.

Um diese formalen Dinge kümmern sich die Beraterinnen, aber nicht nur darum. Jobcenter, Formulare, Anmeldung an einer neuen Schule, ein Kindergartenplatz, vielleicht klappt’s ja, kann aber ziemlich lange dauern. Ein neues Leben baut man nicht von heute auf morgen auf.

Während des ersten Lockdowns wagten viele nicht, Hilfe zu suchen

Die durchschnittliche Verweildauer im Frauenhaus „ist deutlich länger geworden“, berichtet die Sozialpädagogin. Finde erst mal eine Wohnung auf dem freien Markt mit Kind und ohne Job.

In der ersten Zeit im Frauenhaus geht’s nicht vorrangig darum. „Man muss schauen, dass die Frauen gut betreut sind, sie erst emotional auffangen. Dann können sie sich viel eher auf die Situation einlassen“, sagt die Psychologin. Klingt schlüssig, ist aber nicht ganz so leicht umzusetzen. Wegen Corona ist weniger Personal gleichzeitig im Einsatz – und wegen Corona ist der Bedarf gestiegen. Im ersten Lockdown im Frühjahr hat man’s noch nicht so deutlich gemerkt, aber danach wuchs die Nachfrage nach Beratungsterminen rasant. Während des Lockdowns trauten sich viele nicht; sie konnten zu Hause keinen Schritt unbewacht tun.

Vergangenen Monat „waren wir überbelegt“, erzählen die beiden Betreuerinnen; „aber die Belegung ändert sich dauernd“. Neun Frauen und deren Kinder können im Frauenhaus leben. Das Rote Kreuz als Träger hat lange Zeit nach einer neuen Immobilie gesucht, weil die fünf Plätze im alten Frauenhaus vorne und hinten nicht reichten. Dieses Jahr zog man um, und jetzt haben es die Frauen schöner, mehr Platz, freundliche Atmosphäre, alles da auch für die Kinder. Bad und Küche teilt man sich, die Frauen kochen selbst, und manche von ihnen gehen nach wie vor zur Arbeit. Verschiedene Kulturen treffen im Haus aufeinander – und diverse Vorstellungen davon, wie alltägliche Dinge laufen sollten.

Man zofft sich - und freundet sich an

Sie zoffen sich auch. Ist doch logisch - in einer Wohngemeinschaft gibt’s immer mal Stress, zumal dann, wenn sie so bunt zusammengewürfelt ist wie diese. Es erblühen auch Freundschaften unter den Frauen, und ihre Kinder spielen zusammen, ohne dass ein Erwachsener anfängt zu brüllen und zu schlagen.

Sie alle müssen ihren Alltag managen und sich um die Kinder kümmern. Wer Drogenprobleme hat oder trinkt, erhält keinen Platz im Frauenhaus. Sollte etwa eine psychische Erkrankung so heftige Einschränkungen mit sich bringen, dass die alltäglichen Dinge nicht funktionieren, dann ist das Frauenhaus nicht der richtige Ort. Es gibt auch Fälle, da Frauen lange Zeit erst mal nur zur Beratung kommen und dann erst den Schritt ins Frauenhaus wagen. Oder man findet andere Wege.

Unterbringung weit entfernt vom bisherigen Wohnort

Im Besprechungszimmer ist es unterdessen noch saukälter geworden. Vermutlich erfriert hier selbst das Virus. Die Sozialpädagogin und die Psychologin bringt solcher Kleinkram nicht aus der Ruhe. Sie müssen eigentlich auch weiter, es ist immens viel zu tun. Eine Abstimmung mit einem anderen Frauenhaus in einem anderen Bundesland steht vielleicht an. Für manche Frauen ist es zu gefährlich, zu nah am Wohnort einen Unterschlupf zu suchen. Man kooperiert bundesweit. Das gilt auch umgekehrt; das Rems-Murr-Haus nimmt Frauen und Kinder auf, die von weit her anreisen.

Man stelle sich das mal vor. Mit kleinen Kindern, mit Sack und Pack Hunderte Kilometer weit weg in einem Haus mit lauter Fremden ein neues Leben beginnen. Abgeschnitten vom sonstigen sozialen Umfeld, schwer belastet von allem, was war, und immer in Angst, alles fliegt auf. Man ist vernetzt heutzutage, das macht es sehr viel schwieriger, an einem geheimen Ort unerkannt zu bleiben.

Noch schwieriger wird’s, wenn es ums Umgangsrecht geht

Durch Corona und alle damit verbundenen Einschränkungen „hat sich der Druck noch potenziert“, sagt die Sozialpädagogin. Sie denkt an die ganz praktischen, ganz wichtigen Dinge, wenn ein Auszug ansteht, nein, eigentlich eine Flucht: Pässe mitnehmen, auch die der Kinder natürlich. An die Geburts- und Heiratsurkunde denken. Die Krankenversicherungskarte nicht vergessen. Man braucht diese Dinge später für all die Anträge, und es stehen eine Menge Anträge an am Beginn eines neuen Lebens.

Sehr kompliziert wird’s, sofern die Umgangsfrage zu klären ist. Ein Vater hat grundsätzlich das Recht, seine Kinder zu sehen. Auch dann, wenn sie im Frauenhaus leben aus Gründen, die er zu verantworten hat.

„Überstürzte Entscheidungen laufen meistens schief“, weiß die Sozialpädagogin aus Erfahrung. „Die Frauen brauchen Zeit, um sich neu zu sortieren.“ Kinder können sich erholen im sicheren Umfeld, „sie werden stabiler bei uns“.

Behutsam Selbstvertrauen aufbauen

Wann der richtige Zeitpunkt ist, das Frauenhaus wieder zu verlassen, das kann man so pauschal nicht sagen. Selbstvertrauen und innere Stärke wachsen nicht per Fingerschnipp. Die Beraterinnen bieten Nachsorge an und legen sich mächtig ins Zeug, damit schon während des Aufenthalts im Frauenhaus so viel wie möglich in die Wege geleitet wird. „Viele Frauen haben jahrelang keine Entscheidungen treffen dürfen“, sagt die Sozialpädagogin, und deshalb versucht man behutsam, Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten nach und nach aufzubauen.

Nicht sehr oft, aber hin und wieder geht eine Frau nach ihrem Aufenthalt im Frauenhaus zurück zum Partner. Trotz allem: „Wir verurteilen das nicht.“

Im Frauenhaus ist ein Notzimmer eingerichtet. Nur für den Fall, jemand braucht Knall auf Fall nachts um drei für sich und die Kinder eine Bleibe.

Eigentlich ist das ganze Frauenhaus ein Nothaus. Nur mit den Kleidern am Leib und den Kindern an der Hand gehen Frauen manchmal von zu Hause weg. Sie flüchten aus einem schicken Einfamilienhaus mit Sportwagen davor, aus einer engen Zwei-Zimmer-Wohnung oder aus einem Gefängnis, das der Lockdown aus ihrem Zuhause gemacht hat. Im Frauenhaus

Alle Abos jederzeit kündbar:
ZVW+ MONATLICH
Erster Monat gratis, danach 6,99 €/mtl.
ZVW+ JÄHRLICH
Statt 83,88 € (Zwei Monate gratis)
ZVW+ JÄHRLICH mit ePaper
mit täglichem Zugriff zum ePaper