Rems-Murr-Kreis

Fotostudios fürchten um ihre Existenz

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Passbilder sichern vielen Fotostudios die Grundauslastung, so auch dem Winnender Fotohaus Heincke (für unser Bild ließ sich Fotografin Julia Kübler von der Kollegin Birgit Sziele ablichten). © ZVW/Alexandra Palmizi

Rems-Murr-Kreis.
Harald Sauters und Peter Küblers berufliche Existenz und jene Tausender anderer Berufsfotografen steht auf Messers Schneide. Ein Passus im Entwurf eines „Gesetzes zur Stärkung der Sicherheit im Pass- und Ausweiswesen“ würde, wenn er in Kraft träte, ihnen wohl geschäftlich den Garaus machen: „Um einer Manipulation bei der Pass- oder Personalausweis-Beantragung durch das sogenannte ‘Morphing’ – das Verschmelzen von mehreren Gesichtsbildern zu einem einzigen Gesamtbild – vorzubeugen, soll das Lichtbild künftig vor Ort unter Aufsicht der Pass- beziehungsweise Ausweisbehörde aufgenommen werden.“

Peter Kübler schickte einen schriftlichen „Hilferuf“ an Behörden und Politik. „Die Fertigung von biometrischen Passbildern sichert in hohem Maße meine Grundauslastung. Eine Weiterführung des Geschäftes mit Angestellten und am Standort in der Winnender Stadtmitte ist ohne das Passbildgeschäft schlicht nicht möglich.“

Fotografen-Verband befürchtet Einbußen von 100 Millionen Euro

Harald Sauter schrieb direkt ans Bundesinnenministerium (BMI): „Die Handelslandschaft hat sich durch das Internet sowie technische Entwicklungen (Smartphone-Fotografie, Druckerstationen in den Drogeriemärkten etc.) so stark verändert, dass wir inzwischen nahezu unseren gesamten Rohertrag durch das Anfertigen von Passbildern erzielen. Der Passbildumsatz beträgt bei uns inzwischen über 60 Prozent des Gesamtumsatzes und erwirtschaftet über 80 Prozent des gesamten Betriebsergebnisses.“

Die Firma „Fotohaus + Atelier Kienzle“ wurde im Jahr 1910 von seinem Großvater mütterlicherseits gegründet und werde bis heute von ihm nun in der dritten Generation erfolgreich geführt, erläutert Sauter. „Ob der Übergang auf die vierte Generation gelingt, hängt im Wesentlichen davon ab, welche Entscheidungen bezüglich der Anfertigung von biometrischen Passbildern durch Behörden getroffen werden.“

Der Centralverband Deutscher Berufsfotografen, der deutschlandweit 45 000 Fotostudios vertritt, malt Umsatzverluste von 100 Millionen Euro bei circa zehn Millionen Passbildern pro Jahr an die Wand.

Dann am vergangenen Wochenende ein Silberstreif am Horizont, und auch im Fotohaus Kienzle in Waiblingen und bei Ringfoto Heincke in Winnenden – die Fotostudios, deren Inhaber Sauter und Kübler sind – hieß es erst einmal aufatmen. Mehrere Zeitungen hatten berichtet, der Gesetzgeber rudere nach den massiven Protesten der Fotografen und ihrer Berufsverbände zurück und überarbeite die Novelle.

Das BMI werde nun doch nicht vorschreiben, dass Passfotos nur in den Ämtern aufgenommen werden dürfen. Und die Bundesregierung wolle insbesondere die Möglichkeiten einer Zulassung vertrauenswürdiger, womöglich besonders zertifizierter Fotografen bei der Erstellung von Ausweisbildern prüfen. Möglichkeiten der sicheren digitalen Direktübertragung der Passbilder von den Fotografen an die Behörden würden erwogen, hieß es.

Konkurrenz mit den Ämtern bleibt bestehen

Gleichwohl sollten sich die Fotostudios nicht zu früh freuen. Den Kurs des BMI erläutert ein Sprecher auf Nachfrage nämlich folgendermaßen: „Wir sind gerade in der Vorphase des Gesetzgebungsprozesses. Stellungnahmen und Bedenken werden gehört und führen gegebenenfalls zu Änderung an der Gesetzesvorlage. Wir haben verschiedene Interessen gegeneinander abzuwägen. Zum Beispiel die Service-Ansprüche der Bürger und die Geschäftsinteressen der Fotostudios.“

Bei der Sicherheit jeglicher Identitätsdokumente wolle Innenminister Seehofer jedoch keine Kompromisse machen. Ihm sei außerdem wichtig, dass sich Bürger in Zukunft „selbst entscheiden können, ob sie die Passfotos bei der Behörde oder in einem Fotogeschäft anfertigen lassen“, so der Sprecher des BMI. Will heißen: Eine Konkurrenz für die Fotostudios durch Ämter als Passfoto-Anfertiger ist keinesfalls vom Tisch. Fraglich bleibt nur, ob alle Ämter verpflichtet werden sollen, Passfotos als Serviceleistung anzubieten oder nicht. Wer die Geräte finanzieren soll, ist ebenfalls noch Gegenstand der Diskussion. Nach Schätzungen müssten bei einer Gesamtabdeckung rund 5500 Meldeämter und Bürgerbüros mit 11 000 Fotostationen ausgerüstet werden. Geschätzte Anschaffungskosten: 170 Millionen Euro.

Winnenden entschloss sich gegegn Automaten im Amt

Eine Lanze für die wenigen verbliebenen Fotostudios bricht der Waiblinger Oberbürgermeister Andreas Hesky. „Wir wollen, dass der Traditionseinzelhandel erhalten bleibt und unsere Innenstadt belebt.“ Schon vor ein, zwei Jahren hatte die Stadt überlegt, einen Foto-Automaten der Bundesdruckerei anzuschaffen. „Im Kontakt mit den örtlichen Fotografen hatten wir das Vorhaben dahingehend weiterentwickelt, dass kein Automat bei der Stadt aufgestellt wird, sondern ein Verfahren genutzt werden soll, um die Fotos direkt vom Fotografen zum Bürgerbüro ‘rechtssicher’ zu senden. Damit begibt man sich auch nicht in eine Konkurrenz zu örtlichen Fotostudios, die seit vielen Jahrzehnten gute und zuverlässige Pass- und Ausweisfotos erstellen.“

Leider habe man ein von Waiblingen entwickeltes und mit dem Fotohaus Kienzle verabredetes Verfahren mit verschlüsselter DE-Mail noch nicht zufriedenstellend umzusetzen vermocht. „Aufgrund der vom BMI angekündigten Vorgaben macht es allerdings wenig Sinn, eigene Verfahren weiterzuentwickeln, wenn es bundeseinheitliche Verfahren geben soll“, sagt Hesky.

Auch die Winnender Stadtverwaltung strebt nicht an, „den lokalen Foto-Fachgeschäften eine Säule ihrer Einnahmen zu nehmen“, sagt Pressesprecherin Emely Rehberger. „Die Einrichtung eines digitalen Fotoautomaten mit automatischem Transfer in das Ausweis-Verfahren haben wir vor drei Jahren bereits auf Praktikabilität und Wirtschaftlichkeit geprüft. Wir haben uns dann aus mehreren Gründen dagegen entschlossen.“ Weil die Stadtverwaltung die persönliche Bearbeitung als kundenfreundlicher empfindet. Und der Fotoautomat wäre „wirtschaftlich auch noch leicht defizitär“ gewesen.


Im Jahr 2019 wurden in Winnenden 1993 Reisepässe, 2828 Personalausweise und 172 vorläufige Personalausweise ausgestellt. 5585 Personalausweise, 2977 Reisepässe, 1070 Kinderreisepässe, 382 vorläufige Personalausweise und 50 vorläufige Reisepässe waren es im Jahr 2019 in Waiblingen.

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Harald Sauters und Peter Küblers berufliche Existenz und jene Tausender anderer Berufsfotografen steht auf Messers Schneide. Ein Passus im Entwurf eines „Gesetzes zur Stärkung der Sicherheit im Pass- und Ausweiswesen“ würde, wenn er in Kraft träte, ihnen wohl geschäftlich den Garaus machen: „Um einer Manipulation bei der Pass- oder Personalausweis-Beantragung durch das sogenannte ‘Morphing’ – das Verschmelzen von mehreren

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