Rems-Murr-Kreis

Freispruch: Prozess um Backnanger Familiendrama endet mit Paukenschlag

Landgericht
Blick ins Landgericht Stuttgart. © ALEXANDRA PALMIZI

Im Fall des 25-jährigen Backnangers, der laut Anklage seine 57-jährige Mutter und seine jüngere Schwester verletzt haben soll, ist vor dem Stuttgarter Landgericht ein Urteil ergangen: Freispruch von allen Taten.  Für eine Zwangseinweisung des jungen Backnangers in die geschlossene Therapie für Straftäter sah die achte Strafkammer die Voraussetzungen nicht erfüllt. Die Verfahrenskosten trägt – wie bei Freisprüchen üblich – die Staatskasse.

Schulter gebrochen? Ins Gesicht getreten? Große Zweifel

Die Anschuldigungen gegen den Sohn der Backnanger Familie kamen alleine von dessen Mutter und Schwester, die Strafanzeigen bei der Polizei erstattet hatten. Vor dem Landgericht jedoch schwiegen sich die beiden aus - und der Vater der Familie konnte auch  nicht viel zu den Tatvorwürfen der Körperverletzung sagen, bei denen der Sohn seiner Mutter die Schulter gebrochen und seiner Schwester ins Gesicht getreten haben soll. Die eher geringfügigen Verletzungen der beiden Frauen passten nicht zu den schweren Vorwürfen gegen ihren Sohn und Bruder.

Da Mutter und Schwester von ihrem Zeugnisverweigerungsrecht als direkte Angehörige Gebrauch machten, musste ein Richter des Amtsgerichts Backnang in den Zeugenstand gerufen werden, der die ganze Sache ans Landgericht Stuttgart hochverwiesen hatte, weil Amtsgerichte keine Zwangseinweisungen in den Maßregelvollzug machen dürfen. Der Backnanger Amtsrichter schilderte, was bei ihm in der Verhandlung abgelaufen war. Auch das reichte dem Landgericht nicht, um den 25-jährigen Kranken in den Maßregelvollzug zu stecken. Dazu fehlte schon alleine die Gefährlichkeitsprognose.

Eine stationäre Therapie in Winnenden kann helfen

Mit dem Urteil holte der Vorsitzende Richter, Ulrich Tormählen, den Beschuldigten aus seiner vorläufigen Unterbringung in der Psychiatrie für Straftäter Weissenau bei Ravensburg wieder heraus. Angemeldet von der Weissenau ins ZfP Winnenden war der kranke Sohn zum Zeitpunkt der Urteilsverkündung bereits. Denn die Ärzte dort hatten erkannt, dass der junge Backnanger keine Gefahr für die Allgemeinheit bedeutet und dass es immer nur zu Strafanzeigen kam, wenn es um innerfamiliäre Konflikte ging.

In Winnenden kann der Sohn der Familie, bei dem nicht gleich erkannt wurde, dass seine frühere Drogenabhängigkeit zu einer in Schüben verlaufenden paranoiden Schizophrenie geführt hatte, jetzt eine stationäre Therapie machen. Er muss auch nicht mehr im Elternhaus wohnen, wenn es ihm zusammen mit einem Betreuer gelingt, in eine Wohngemeinschaft oder in eine eigene Wohnung zu kommen.

Die Auseinandersetzungen mit Mutter und Schwester verortete die Kammer in Zeiten akuter Schübe der Krankheit des zur Tatzeit April bis Juli dieses Jahres schuldunfähigen Backnangers. Dass dieser aber seiner Mutter bei einem Spaziergang mit den zwei Hunden der Familie die Schulter gebrochen habe, konnte das Gericht nicht feststellen. Und dass er die Mutter und die Schwester in der Familienwohnung geschlagen habe, auch nicht. Außer angeblichen Verletzungen innerhalb der Familie gab es bei der Beweisaufnahme keinen Hinweis darauf, dass der Freigesprochene fremden Menschen gefährlich werden könnte.

Ein professioneller Betreuer bewährt sich

Mit Verweis auf die bereits lange währenden Backnanger Familienstreitigkeiten, die immer wieder zu Aufenthalten des Sohnes im ZfP Winnenden geführt hatten, stellte das Landgericht abschließend fest: Es könne die für Betroffene sehr schwerwiegende Unterbringung im Maßregelvollzug in diesem Fall nicht anordnen. Die Backnanger Familie habe es schlicht versäumt, Hilfsangebote mit Hand und Fuß anzunehmen.

Der Sohn hat mittlerweile einen professionellen Betreuer, der sich um die Sache kümmert und mit dem er gut klarkommt. Nach sorgfältiger Überlegung der Kammer sollte diese Betreuung ausgeweitet werden, weil sie dem 25-Jährigen wirklich hilft.

Im Fall des 25-jährigen Backnangers, der laut Anklage seine 57-jährige Mutter und seine jüngere Schwester verletzt haben soll, ist vor dem Stuttgarter Landgericht ein Urteil ergangen: Freispruch von allen Taten.  Für eine Zwangseinweisung des jungen Backnangers in die geschlossene Therapie für Straftäter sah die achte Strafkammer die Voraussetzungen nicht erfüllt. Die Verfahrenskosten trägt – wie bei Freisprüchen üblich – die Staatskasse.

Schulter gebrochen? Ins Gesicht getreten?

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