Rems-Murr-Kreis

Gauner mit Schauspieltalent: Landgericht-Prozess um Urbacher Millionenbetrug

Landgericht
Blick ins Landgericht Stuttgart. © ALEXANDRA PALMIZI

Der mutmaßliche Millionenbetrug des Urbachers, den Brasilien an Deutschland ausgeliefert hat (wir berichteten), entfaltet immer verblüffendere Dimensionen. Beim jüngsten Verhandlungstag vor der Wirtschaftsstrafkammer des Stuttgarter Landgerichts offenbarte sich: Sogar eine Art Doppelgänger kam zum Einsatz ...

Der Vorsitzende Richter Günter Necker stellte fest, dass beim Ergaunern von Bankkrediten in Höhe von rund zehn Millionen Euro ein „gewisses Schauspieltalent“ an den Tag gelegt wurde und nicht nur Unterlagen falsch beglaubigt wurden.

Das offenbarte sich jetzt, als das Gericht einen 79-Jährigen aus Stuttgart, einen ehemaligen Geschäftspartner des Urbachers, als Zeuge anhörte. Der Mann war früher selbst Unternehmer und ist mittlerweile Rentner. Er war der Hauptgeldgeber des Angeklagten für dessen Urbacher GmbH, die mit Sanitäranlagen zweiter Wahl aus Italien hiesige Anbieter unterbieten und große Gewinne einfahren sollte.

Millionen-Investor wird zum Fälschungsopfer

Zum Dank für die Millionen, die er in die Firma des 59-jährigen Angeklagten investierte, wurde für den großangelegten Kreditbetrug bei mehreren Banken seine Unterschrift auf teilweise falsch beglaubigten Unterlagen wie einem Einkommensteuerbescheid, einer Vermögensaufstellung und einer Bürgschaft gefälscht.

Bei einer der Banken trat ein Mann im Namen des 79-jährigen Hauptgeldgebers auf, welcher 33 Prozent Anteile an der GmbH des Angeschuldigten hielt; dieser Mann, von dem es in der Gerichtsakte heißt, es sei ein Begleiter des Angeklagten gewesen, schauspielerte vor, er sei der sehr vermögende 79-Jährige, und legte dessen Visitenkarte vor.

Ein Stuttgarter Steuerberatungsbüro habe ihm geraten, in die GmbH des Angeklagten zu investieren, sagte der 79-jährige Zeuge aus. Nach einer Einlage von einer Million Euro seien ihm gewisse Businesspläne gezeigt worden, und es sei geplant gewesen, an die Börse zu gehen, wo man ein Vielfaches seines Einsatzes wiederbekomme.

Mit der Geschäftsführung durch den Angeklagten sei er später nicht mehr so einverstanden gewesen und habe dafür gesorgt, dass ein Kontrolleur eingestellt wird, berichtete der Zeuge. Dieser Controller habe jedoch außer geschäftlichen Hubschrauberflügen und Werbekosten für einen Autorennstall nichts zu beanstanden gehabt.

Die Frage von Richter Necker, ob er mehrere Millionen in die GmbH des Angeklagten gesteckt habe, bejahte der Rentner. Dass das Siegel von gefälschten Beglaubigungen einmal einem Steuerberater und Wirtschaftsprüfer gehört hat, weiß er mittlerweile auch. Der 79-Jährige war es nämlich, der wegen der gefälschten Unterschriften selbst vor Gericht musste und dank eines grafologischen Gutachtens mit einem Freispruch wieder aus der Sache herauskam. Vor dem Landgericht bekam er die gefälschten Unterlagen nun noch einmal zu sehen und wiederholte, dass das niemals seine Unterschrift sei.

Auch ein Zahnarzt und ein Immobilienmakler investierten

Außer dem 79-Jährigen wurden noch weitere Zeugen vernommen, die zu der „Investoren-Gesellschaft“ gehörten, wie Richter Necker den Männerreigen von Kapitalanlegern nannte. Darunter ein Zahnarzt aus Backnang und ein Immobilienmakler aus Tübingen. Letzterer gab ebenfalls an, den Angeklagten über ein Steuerbüro kennengelernt zu haben und von diesem Provision für Kapitalvermittlungsgeschäfte bekommen zu haben.

Der Angeklagte selbst hat die Tatvorwürfe des schweren gewerbsmäßigen Kreditbetruges in Tateinheit mit Urkundenfälschung aus dem Tatzeitraum November 2001 bis Oktober 2002 größtenteils gestanden. Allerdings mit Einschränkungen, was die Taterträge betrifft. Von den rund zehn Millionen aus den betrügerisch erlangten Bankkrediten, ließ er über zwei Verteidiger erklären, sei der Großteil in seine GmbH geflossen. Nach Brasilien, wo er in anderer Sache längere Zeit in Gefängnissen war und dann – weil per internationalen Haftbefehl gesucht – nach Deutschland ausgeliefert wurde, habe er lediglich 900.000 Euro mitgenommen; und dieses Geld sei heute nicht mehr da.

Der mutmaßliche Millionenbetrug des Urbachers, den Brasilien an Deutschland ausgeliefert hat (wir berichteten), entfaltet immer verblüffendere Dimensionen. Beim jüngsten Verhandlungstag vor der Wirtschaftsstrafkammer des Stuttgarter Landgerichts offenbarte sich: Sogar eine Art Doppelgänger kam zum Einsatz ...

Der Vorsitzende Richter Günter Necker stellte fest, dass beim Ergaunern von Bankkrediten in Höhe von rund zehn Millionen Euro ein „gewisses Schauspieltalent“ an den Tag gelegt

Alle Abos jederzeit kündbar:
ZVW+ MONATLICH
Erster Monat gratis, danach 5,99 €/mtl.
ZVW+ JÄHRLICH
Statt 71,88 € (Zwei Monate gratis)
ZVW+ JÄHRLICH mit ePaper
mit täglichem Zugriff zum ePaper