Rems-Murr-Kreis

Gebäude klimafit machen: Was der Rems-Murr-Kreis dem Land voraus hat

schulfassade
Das Foto stammt aus dem Jahr 2018: Fotovoltaikanlage am Berufsschulzentrum Waiblingen. © Benjamin Büttner

Gebäudesanierern stehen glänzende Zeiten bevor. Es gibt immens viel zu tun. Ein riesiger Markt tut sich auf, und wer das Know-how hat, die Kapazitäten und das Personal, wird in großem Stil teilhaben können. Energetische Gebäudesanierung gilt als eins der Kernthemen beim Klimaschutz: Der Sektor kann und muss Emissionen ganz erheblich verringern. Das Klimaschutzgesetz gibt klare Vorgaben.

Die Kreisverwaltung Rems-Murr will ihre Liegenschaften bis 2030 klimaneutral betreiben – und sie meint’s ernst: Entsprechende Pläne existieren nicht erst seit gestern, und sie sind sehr konkret formuliert.

Von einem Wettlauf mit der Zeit ist andauernd die Rede, wenn’s um Klimaschutz geht. Förderlich wäre, einen Wettlauf anzustoßen, der die Schnellsten und Erfolgreichsten unter den Emissionsreduzierern auf den Sockel hebt. Ein Wettlauf dieser Art ist in Ansätzen bereits zu beobachten: Die Rems-Murr-Kreisverwaltung zeigt sich mit ihren bereits 2018 formulierten Zielen „deutlich ehrgeiziger als das Land Baden-Württemberg“, das eine klimaneutrale Landesverwaltung erst im jüngsten Koalitionsvertrag bis 2030 in den Blick nehme, so Landrat Dr. Richard Sigel.

Keine einzige Solaranlage auf landeseigenem Gebäude im Rems-Murr-Kreis

Den Anlass für eine Nachfrage dieser Zeitung lieferte der Backnanger SPD-Landtagsabgeordnete und Klimaschutzpolitiker Gernot Gruber: Er hatte bei der Landesverwaltung erfragt, wie’s eigentlich um die Sanierung landeseigener Gebäude im Rems-Murr-Kreis bestellt ist.

„Schlecht“ – so würde ein eher auf Defizite fokussierter Mensch die Dinge zusammenfassen. Die optimistische Variante: Das Ausbaupotenzial ist riesig. Denn: Auf keinem der landeseigenen Dächer im Rems-Murr-Kreis wurde eine Solaranlage angebracht, „nicht eine einzige“, so Gruber. Das Land nutzt den Recherchen des Abgeordneten zufolge „mit insgesamt 170 Solaranlagen auf 8000 Gebäuden nur rund zwei Prozent seiner Dächer zur Produktion von Solarstrom“.

85 der 8000 Gebäude, die dem Land Baden-Württemberg gehören, befinden sich im Rems-Murr-Kreis. Davon nutzt das Land 36 direkt, sechs sind in touristischer und 43 in kirchlicher Nutzung, wie es in der Antwort auf Gernot Grubers Anfrage heißt. Die meisten dieser Gebäude sind sanierungsbedürftig, räumt das Finanzministerium offen ein. Als Beispiel nennt es das Finanzamt Schorndorf, „bestehend aus einem ehemaligen Jagdschloss und einem in den 1970er Jahren errichteten Erweiterungsgebäude“.

Fotovoltaikanlage auf dem Parkhaus-Dach

Zurück zu den Plänen der Rems-Murr-Verwaltung, die ihre eigenen Liegenschaften bis 2030 klimaneutral betreiben will. Fotovoltaikanlagen spielen eine entscheidende Rolle. Die Lage der Dinge in diesem Feld:

  • Beim Neubau des Parkhauses am Rems-Murr-Klinikum Winnenden wurde eine Fotovoltaikanlage für das Dach mitgeplant. Sie soll im Mai mit dem Parkhaus in Betrieb gehen. Die Anlage soll Informationen des Landratsamtes zufolge bis zu zehn Prozent des Strombedarfs am Standort Winnenden decken.
  • Deponie „Eichholz“ bei Winnenden: Im Zuge der Planung der Rekultivierung ist eine Fläche von 32 000 Quadratmetern für die Erzeugung von solarer Energie vorgesehen. Wie das genau vonstattengeht, ist noch offen. „Eine Möglichkeit ist“, so das Landratsamt auf Anfrage, via Solarstrom Wasserstoff zu erzeugen. Wärme, die dabei entsteht, könnte dann ins System eingespeist werden.
  • Die Abfallwirtschaft Rems-Murr verfügt bereits über große Fotovoltaikanlagen auf den Deponien. Geplant ist eine Erweiterung der Freiflächen-Anlagen in Kaisersbach.
  • Die beruflichen Schulzentren in Waiblingen, Backnang und Schorndorf sind bereits mit Fotovoltaikanlagen ausgestattet, weitere kreiseigene Schulen ebenfalls.

Fotovoltaikanlagen sind nur ein Baustein unter vielen. Die Hälfte der Fassaden an Kreisschulgebäuden ist laut Landratsamt bereits saniert. In Kombi mit Dämmung und Heizungspumpen sei im Segment Schulgebäude im Vergleich zum Jahr 2008 bisher rund 60 Prozent CO2 eingespart worden.

Beim Wohnungsbestand der Kreisbaugruppe ist man noch nicht so weit: Ist-Analyse und eine Strategie, anhand derer man CO2-Reduktion erreichen will, liegen vor – jetzt steht die Umsetzung an. In diesem Segment peilt die Kreisverwaltung das Jahr 2045 an: Bis dahin soll der gesamte Gebäudebestand der Kreisbaugesellschaft klimaneutral betrieben werden. „Jeder Neubau erhält eine weitere PV-Anlage, auch die Altbauten sollen vollumfänglich damit ausgestattet werden“, heißt es in der Antwort des Landratsamts auf die Anfrage dieser Zeitung.

Klimaneutral nach dem Pariser Abkommen

Bei Neubauten wird von Anfang an auf klimaneutralen Betrieb geachtet, alles andere wäre unsinnig. Ende 2022 soll das neue Verwaltungsgebäude in der Rötestraße in Waiblingen fertig werden: „Wie der Erweiterungsbau am Alten Postplatz wird das Gebäude im Betrieb klimaneutral nach dem Pariser Abkommen sein.“

Im Abfallwirtschaftskonzept sind außer dem Einsatz von Solarenergie weitere Klimaschutzmaßnahmen verankert und umgesetzt: In der Biovergärungsanlage in Backnang-Neuschöntal kann die Abfallwirtschaft Rems-Murr Biogas speichern und dann zu Strom wandeln, „wenn Wind und Sonne schwächeln“. Auf der Deponie in Winnenden-Schelmenholz wandelt eine Anlage Gase in Wärme um, die ins Fernwärmenetz der Stadtwerke Winnenden eingespeist wird.

Noch in diesem Quartal befasst sich der Verwaltungs-, Schul- und Kulturausschuss des Kreistags damit, wie es nun weitergeht, damit die CO2- und Energiebilanz auf Kurs bleibt – denn bis 2030 ist es gar nicht mehr so lang.

Mehr Taten statt nur hehre Worte

Gernot Grubers Kritik richtet sich unterdessen ans Land: „Es wird höchste Zeit, dass den hehren Worten mehr Taten in der Praxis folgen“, fordert der SPD-Politiker in einem öffentlichen Aufruf: „Wenn wir von Gewerbetreibenden und Privatleuten erwarten, dass diese Solaranlagen auf ihren Dächern bei Neubauten oder bei Generalsanierungen installieren, dann sollte das Land hier mit deutlich besserem Beispiel vorangehen – sowohl auf den Landesgebäuden wie auf den landeseigenen Parkplätzen“, schreibt Gruber. Sein Fazit: „Anstatt 21 Millionen Euro für die großspurige Werbekampagne „The LÄND“ zu verschwenden, sollte die Landesregierung mehr Geld für ihre eigenen Landesgebäude in die Hand nehmen.“

Gebäudesanierern stehen glänzende Zeiten bevor. Es gibt immens viel zu tun. Ein riesiger Markt tut sich auf, und wer das Know-how hat, die Kapazitäten und das Personal, wird in großem Stil teilhaben können. Energetische Gebäudesanierung gilt als eins der Kernthemen beim Klimaschutz: Der Sektor kann und muss Emissionen ganz erheblich verringern. Das Klimaschutzgesetz gibt klare Vorgaben.

Die Kreisverwaltung Rems-Murr will ihre Liegenschaften bis 2030 klimaneutral betreiben – und sie

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