Rems-Murr-Kreis

Gefahr im Wald: Der Borkenkäfer lauert

Borkenkäfer 2021
Philipp Georg Dölker (links) und Jürgen Baumann aus dem Kreisforstamt bei der Kontrolle eines Fichtenstammes, der - schon gefällt - jetzt noch frisch vom Borkenkäfer befallen wurde. © Pia Eckstein

Es gibt in diesem Jahr, nach diesem vielen Regen eine gute Nachricht: Die Fichten und Tannen, die die letzten drei zu trockenen und zu heißen Jahre unbeschadet überstanden haben, können sich bislang gegen die Borkenkäfer zur Wehr setzen. Sie ertränken jene, die jetzt versuchen, sich in die Rinde zu bohren, im Harz. Aber – und dieses „Aber“ ist riesengroß: Es ist mitnichten alles gut. Wenn’s jetzt warm wird, droht eine Plage. Und keiner sieht’s.

Eine riesige Borkenkäfer-Population wartet unter der Rinde

Die Geißel der Nadelbäume sitzt unter der Rinde der kranken Bäume und macht sich bereit: Riesige Populationen von Borkenkäfern – Buchdrucker und Kupferstecher – haben im Innern ihrer unfreiwilligen Wirte überwintert. Die Anzahl muss gigantisch sein, sagen die, die seit langem einen Dauerkampf gegen die nur etwa zwei Millimeter großen, kugeligen Tierchen führen. So sehr sie sich mühen, sagen die Förster des Kreisforstamts, sie könnten immer nur reagieren. Immer nur wieder und wieder den Befall aufspüren und beseitigen. Denn in den letzten Jahren hatten die Bäume, geschwächt durch Durst und Hitze, keine Chance gegen die Angriffe, die gleich durch drei Käfergenerationen pro Jahr auf sie geflogen wurden. Und jede Generation wurde noch zahlreicher. Die Viecher sind vermehrungsfreudig. Der Fachmann weiß: Nur lächerliche 200 Käferchen bringen am Ende einen riesengroßen, 100 Jahre alten Baum um.

Die letzte Borkenkäfer-Generation aus dem vergangenen Jahr ist jetzt kurz vor dem Ausfliegen: Manche der Käfer haben schon ihre Erwachsenenfarbe angenommen, manche sind noch braun und damit jugendlich. Und manche – der Fachmann sieht’s, wenn er mit dem entsprechenden Werkzeug, Schäleisen heißt es, die Rinde abmacht – sind noch weiße Würmchen und brauchen noch ein Weilchen, bis es losgeht. Die Fraßgänge sind voll ausgeprägt und wunderschön zum Anschauen. Doch ist ein Baum unter der Rinde so zerfressen, wird er sterben, da führt auch noch so viel Regen nicht dran vorbei. Denn die Fraßgänge unterbrechen die Leitungen, durch die der Baum das Wasser nach oben pumpt. Und war die Krone des Baums auch kürzlich noch grün, plötzlich wird sie braun, die Rinde am Stamm blättert irgendwann ab, Ende.

Diese Bäume müssen raus aus dem Wald. Und zwar möglichst vor dem großen Schwirren, das spätestens dann einsetzt, wenn die Sonne mehrere Tage scheint. Am besten jetzt. Das heißt: Waldbesitzer müssen ihren Wald ablaufen und die Bäume auf Befall prüfen. Doch nicht jeder hat’s so gut wie jener Förster, der für das Gelände über der Welzheimer Laufenmühle zuständig ist. Er könne, so heißt es, den Borkenkäferbaum erschnuppern.

Bohrmehl an Rindenschuppen, auf Ästen oder am Boden?

Die Normalnase muss sich allerdings auf andere Sinne verlassen: Üblicherweise guckt der Förster nach dem Bohrmehl, das den Stamm runterrieselt, wenn sich die ausgeflogenen Käfer in den nächsten Baum hineinbohren, um dort die nächste Generation zu zeugen. Die Bröselchen sammeln sich auf dem Boden, an Rindenschuppen und Astansätzen. Dann gilt es zu handeln, bevor die Jungkäfer für den nächsten Flug bereit sind. So ungefähr sechs Wochen sind das.

Dieses Jahr aber gibt’s diesbezüglich ein Riesenproblem: Der gesegnete, ersehnte Regen, der den Bäumen beim Überleben hilft, spült das Bohrmehl weg. So dass keiner mehr sehen kann, welcher Baum frisch befallen ist und zur Gefahr für andere wird. Was für ein Dilemma.

Da muss der Fachmann nach anderem suchen. Und das immer wieder. Wird die Krone braun? Bröckelt die Rinde? Fließt das Harz wie weißes Kerzenwachs? Der Baum muss raus. Je rascher er geschlagen wird, desto besser für die anderen Bäume und desto größer die Chance, noch gutes Geld fürs Holz einzustreichen. Denn anders als in den Vorjahren hat die Holzindustrie zurzeit ein großes Verlangen nach Material.

Leuchtet erst der „Spechtspiegel“ durch die dunklen Stämme, ist schon Alarmstufe rot. An diesen Stellen hat ein Specht die Rinde großflächig weggehackt, weil darunter ein Festmahl auf ihn gewartet hat. Das weiße Holz kommt zum Vorschein und zeigt dem Waldbesitzer, dass allerspätestens jetzt die Zeit zu Handeln gekommen ist.

Waldbesitzer müssen jetzt kontrollieren und agieren

Die Förster vom Kreisforstamt bitten drum, dass ein jeder nach all diesen Alarmzeichen gucken möge. Und nicht nur das. Sie bitten, dass dann auch jeder handeln möge. Damit der Riesengewinn, den dieser nasse und kalte Frühsommer dem Wald eingebracht hat – es starten zwar Unmengen an Käfern in ihre Brutsaison, doch sie werden es in diesem Jahr nur zu zwei Generationen bringen – im nächsten Jahr zu echter Entspannung in Sachen Borkenkäfer führen kann.

Es gibt in diesem Jahr, nach diesem vielen Regen eine gute Nachricht: Die Fichten und Tannen, die die letzten drei zu trockenen und zu heißen Jahre unbeschadet überstanden haben, können sich bislang gegen die Borkenkäfer zur Wehr setzen. Sie ertränken jene, die jetzt versuchen, sich in die Rinde zu bohren, im Harz. Aber – und dieses „Aber“ ist riesengroß: Es ist mitnichten alles gut. Wenn’s jetzt warm wird, droht eine Plage. Und keiner sieht’s.

Eine riesige Borkenkäfer-Population

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