Rems-Murr-Kreis

Gefangen im Bus? Warum und wie das Verkehrsministerium Werbekleber verbieten will

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Julia Goll, Jochen Haußmann und Horst Windeisen (von links nach rechts) vor dem fenestra delicti, dem mit Werbung beklebten Seitenfenster eines Busses von Omnibus-Verkehr Ruoff. Ein Abteilungsleiter des Verkehrsministeriums findet, man fühle sich hinter solchen Aufklebern wie im „Gefangenentransport“. © Gaby Schneider

Großer Aufruhr um einen Fakt, der bislang und im normalen Rems-Murr-Alltag keine – in Zahlen: 0,000 – Beschwerden hervorgerufen hat. Seine Fahrgäste, sagt Horst Windeisen von Omnibus-Verkehr Ruoff, beschwerten sich über vieles. Aber zu dem Thema sei noch nie was bei ihm angekommen. Ein Abteilungsleiter aus dem Verkehrsministerium allerdings bekam offenbar Beklemmungen, was er in einer Mail kundtat und sofort auch mit herben Konsequenzen winkte. Es geht, wirklich und wahrhaftig, um die Klebewerbung auf den Busfenstern.

Die Szene vor Ort sieht so aus: Zwei Landtagsabgeordnete der FDP, Julia Goll und Jochen Haußmann, stehen gemeinsam auf dem großen Hof von Omnibus-Verkehr Ruoff in Waiblingen. Bei ihnen steht Geschäftsführer Horst Windeisen, und vor sie hin fährt ein Bus. Ein großer. Also ein Omnibus. In den Gesichtern steht – ja was? Ratlosigkeit? Irritation? Empörung? Belustigung? Von allem etwas?

Durch die Werbeaufkleber ist der Blick von innen nach außen wie verschattet

Zwei der seitlichen Fenster des Busses sind mit Werbung beklebt. Die Werbung gibt von außen her ein vollständiges Bild, aus dem Innern des Fahrzeugs guckt man wie durch ein Sonnenschutzrollo – alles wirkt verschattet und gedimmt.

In den „Standards im Busverkehr der Verbundlandkreise“, die die Landkreise Esslingen, Böblingen, Ludwigsburg und Rems-Murr in Zusammenarbeit mit dem VVS im Jahr 2017 niedergeschrieben haben, heißt es, dass „eine Werbeflächenbelegung der Fenster von 25 % festgelegt“ wurde. Es geht natürlich nur um die Fenster, die der Busfahrer nicht braucht, um auf die Straße zu gucken. Der VVS führt das in seinen „Normen Fahrgastinformation (FGI) – Richtlinien Haltestellen-/Fahrzeugausstattung“ vom 21. Mai 2021 noch genauer aus: „Werbeflächen dürfen die freie Sicht des Fahrers nicht beeinträchtigen. Dementsprechend sind die Scheiben der Türen und die Front frei von Werbung zu halten. Der Umfang wie auch die Positionierung der Beschriftung der seitlichen Scheiben ist so zu wählen, dass der übliche Sichtbereich der Fahrgäste im Wesentlichen frei bleibt. Die Überklebung der Fenster muss mit zugelassener Lochfolie unter 25 % der Fensterfläche liegen. Die genaue Positionierung ist auf das einzelne Fahrzeug anzupassen.“ Und: „Für Außenwerbung auf dem Heckfenster bestehen keine Einschränkungen.“ Die Werbung darf natürlich auch nicht gegen „Vorschriften und die guten Sitten verstoßen“.

Der vorgefahrene Bus fährt Werbung spazieren, die auf keinen Fall blutdrucksteigernd, geschweige denn unzüchtig ist. Fast alle Fenster des Busses sind, wie sie der Glasermeister schuf. Die zwei Werbefenster allerdings sind von oben bis unten zugeklebt. Sie tragen die „bwegt“-Kampagne. Die ist vom Land. Der Abteilungsleiter aus dem Verkehrsministerium, zuständig für den öffentlichen Verkehr, was die Schiene, den öffentlichen Personen-Nahverkehr, den Luftverkehr und Güterverkehr mit einschließt, ist, Kraft seines Amtes und Arbeitsplatzes, auch vom Land.

Der Abteilungsleiter fühlte sich „wie im Gefangenentransport“

Er fuhr im Sommer 2021 Bus. Der Bus, der Abteilungsleiter belegt's in einer Mail mit einem Foto, hatte auch Werbung auf den Fenstern. Eine andere als jene, die jetzt Horst Windeisen vorführt, aber egal. Innen komme man sich, schreibt der Abteilungsleiter in seiner Mail, „vor wie im Gefangenentransport“.

Der Abteilungsleiter schrieb in seiner Mail weiter: „Ich werde mich dafür einsetzen, dass die Busförderung des Landes damit verbunden wird, dass keine Fremdwerbung auf den Bussen sein darf, zumindest nicht auf den Scheiben.“

Jetzt mal ernsthaft auf die Fakten geblickt: Busunternehmen bekommen vom Land, wenn sie neue Busse für den Linienverkehr anschaffen, zwischen 40 000 und 50 000 Euro Förderung. Dafür muss der Bus acht Jahre lang gefahren werden. Wenn Busunternehmen Touren im öffentlichen Personen-Nahverkehr mitfahren möchten, müssen sie sich darum bewerben. Den Zuschlag bekommt, wer am billigsten anbietet. Da wird hart kalkuliert, da bleibt nicht mehr viel übrig. Verkaufen die Busunternehmen ihre Flächen als Werbeträger, kommt dieses Geld auf die Vergabezahlungen drauf. Das lohnt sich, denn Werbung bringe, sagt Horst Windeisen, im Stadtbereich „nicht unter 500 Euro netto pro Monat und pro Bus“. Dieses Geld aber sei in der Gesamtkalkulation von Anfang an mit drin.

Im Augenblick lässt sich in Bezug auf die Fensterwerbung noch nichts drehen. Die „Richtlinie Busförderung 2021“ vom 17. Juni des vergangenen Jahres gilt noch. Doch die nächste Richtlinie kommt. Und der Abteilungsleiter hat gearbeitet: Verkehrsminister Hermann erklärte, dass es künftig nur noch Förderung geben solle, wenn die Sicht frei bleibe. „Wenn die Busunternehmer so viele Zuschüsse bekommen, dann müssen sie sich auch an ein paar Regeln halten. Und jetzt geben wir die Regel vor: Scheiben werden nicht beklebt.“

Die Werbekampagne des Landes auf dem Ruoff-Bus läuft schon seit gut zwei Jahren und verlängert sich automatisch jährlich, „wenn nicht jemand kündigt“, sagt Geschäftsführer Horst Windeisen. Sie wurde noch nicht gekündigt.

Gilt der Werbe-Bann auf den Busfenstern dann auch für Landeswerbung?

Sollte das dann passieren? Der Abteilungsleiter der Landesregierung hat nur von „Fremdwerbung“ geschrieben. Das sind definitiv Bilder und Schriftzüge von Baumärkten, Klamottenläden oder Brezelbäckern. Aber was ist mit der „bwegt“-Kampagne des Landes? Schmecken wir da ein eigennütziges Gschmäckle? Ist's hinter diesen Folien weniger klaustrophobisch?

Julia Goll und Jochen Haußmann und ihre gesamte FDP bitten: Lasst's doch einfach laufen wie bisher.

Horst Windeisen sagt außerdem noch: Üblicherweise schauen die Fahrgäste eh nicht aus dem Fenster. Sie gucken meistens ins Handy.

Großer Aufruhr um einen Fakt, der bislang und im normalen Rems-Murr-Alltag keine – in Zahlen: 0,000 – Beschwerden hervorgerufen hat. Seine Fahrgäste, sagt Horst Windeisen von Omnibus-Verkehr Ruoff, beschwerten sich über vieles. Aber zu dem Thema sei noch nie was bei ihm angekommen. Ein Abteilungsleiter aus dem Verkehrsministerium allerdings bekam offenbar Beklemmungen, was er in einer Mail kundtat und sofort auch mit herben Konsequenzen winkte. Es geht, wirklich und wahrhaftig, um die

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