Rems-Murr-Kreis

Gerichtsmediziner Frank Wehner: Der Fall des verstorbenen Pflegekinds Alexander war der schlimmste

Gerichtsmediziner Prof. Frank Wehner
Gerichtsmediziner Prof. Frank Wehner. © Uli Metz/Schwäbisches Tagblatt

Das schlimmste, was dem Tübinger Professor Frank Wehner in seiner Laufbahn begegnet ist, ist der Fall des verhungerten Pflegekinds Alexander im Jahr 1997 – ein Fall, der ihn bis heute nicht loslässt. Wehner ist Gerichtsmediziner von Beruf und untersucht Menschen mit der Frage nach einem möglichen Gewaltverbrechen im Gebiet zwischen Heilbronn und Sigmaringen, Freudenstadt bis Münsingen, worunter auch der Rems-Murr-Kreis fällt. An den Tatort wird er selten gerufen, sagt er. Untersucht werden die Leichen unter anderem in Stuttgart. Im Interview mit Redakteurin Diana Feuerstein verrät er, auf was es bei solchen Fällen besonders ankommt.   

Warum sind Sie Gerichtsmediziner geworden? Die Mehrheit der Medizinstudenten studiert das Fach, um anderen Menschen helfen zu können …

… weil ich zu doof für andere Sachen bin (lacht). Nein, Gerichtsmedizin ist für mich das spannendste Fach in der Medizin. Es vereint einerseits sämtliche Naturwissenschaften zum Beispiel die Physik in der Verkehrsunfallrekonstruktion, die Biologie in der DNA-Untersuchung, die Chemie in der Toxikologie und andererseits berührt man sämtliche medizinische Fachgebiete. Beispielsweise, wenn wir eine Fragestellung zum ärztlichen Fehlverhalten aus der Gynäkologie oder in der Chirurgie haben, wobei wir uns immer wieder in andere Fachgebiete einarbeiten müssen und das macht das Fach sehr vielseitig und sehr interessant.

Dann müssen Sie ja mehr wissen als Ihre Kollegen etwa der Gynäkologie …

… wenn es um die Erstattung eines Gutachtens zu einer bestimmten Fragestellung geht, arbeiten wir uns intensiv auf diesen Punkt ein. Wir haben aber natürlich nicht dieses breite Fachwissen, das die Fachärzte haben.

Dennoch kann man sagen, dass Sie in der Summe überwiegend mit toten Menschen zu tun haben. Fehlt es Ihnen, dass Ihre Patienten Ihnen nicht einfach sagen können, was Ihnen fehlt?

In der heutigen Zeit bin sehr froh, dass ich mit Leuten zu tun habe, die nicht mehr atmen oder mich womöglich anhusten (lacht). Aber wir haben natürlich auch mit lebenden Personen zu tun, wenn wir Menschen untersuchen, die Opfer von Gewalttaten sind und das überlebt haben. Wir dokumentieren die Verletzungen, um die Tat zu rekonstruieren. Wir haben es mit Menschen bei Gericht zu tun. Außerdem halten wir Vorlesungen vor Studenten, die ja in der Regel auch noch am Leben sind.

Sehen Sie es dennoch so, dass die Leichen mit Ihnen reden, auch wenn diese gar nichts mehr sagen können?

Die Leichen können uns sehr viel erzählen. Das fängt mit den Totenflecken zum Beispiel an. Die Hautfarbe verrät uns, wenn eine Kohlenmonoxidvergiftung vorliegt. Der Geruch der Leiche gibt uns Hinweise auf eine Cyanidvergiftung. Innere Organe geben Auskünfte auf die Lebensweise des Menschen. Leberzirrhose ist in unseren Breiten meistens Alkohol bedingt. Was sie uns aber nicht sagen können, wie es in den Krimis anhand des Gesichtsausdrucks immer wieder thematisiert wird, ist, wie sie sich gefühlt haben, als sie gestorben sind. Nach dem Eintritt des Todes erschlafft die Muskulatur.

Gelingt es Ihnen immer herauszufinden, ob eine Straftat vorliegt?

Das ist ja nicht nur unsere Aufgabe, herauszufinden, ob es eine Straftat ist. Es ist letztendlich eine juristische Bewertung. Wir finden, ich denke, zu 99 Prozent heraus, dass da möglicherweise etwas strafrechtlich relevant sein könnte.

Wie gehen Sie mit Leichen um, die vor ihrem Tod am Corona-Virus erkrankt waren?

Menschen mit einer Vorerkrankung, die in der Folge am Corona-Virus gestorben sind, sind eines natürlichen Todes gestorben. Mit denen haben wir nichts zu tun. Wenn aber beispielsweise jemand erschossen wurde, der zuvor am Corona-Virus erkrankt war, wissen wir das in der Regel nicht. Wenn wir den Verdacht haben, machen wir einen Abstrich während der Obduktion. Da ist mal wieder von Vorteil, dass Leichen uns nicht mehr anhusten oder anatmen können.

Welcher Fall aus dem Rems-Murr-Kreis ist Ihnen bis heute am stärksten in Erinnerung geblieben und warum?

Vor rund 20 Jahren gab es ein Pflegekind, das verhungert ist. Es war eine Familie mit drei Pflegekindern. Die beiden anderen Pflegekinder waren stark unterernährt. Die leiblichen Kinder und die Haustiere waren dagegen richtige Wonneproppen. Das ist nicht nur der härteste Fall aus dem Rems-Murr-Kreis, sondern auch der härteste Fall in meiner gesamten Laufbahn.

Wie verarbeitet man so etwas?

Ich arbeite in solchen Fällen um so intensiver um die Sache wasserdicht zu machen und den Verantwortlichen jede Chance zu nehmen sich da irgendwie rauszuwinden. Wir ziehen unsere Befriedigung nicht daraus, dass wir irgendwie heilen oder helfen wie die anderen Ärzte, sondern wir versuchen den Opfern zu Gerechtigkeit zu verhelfen. Ich arbeite beispielswiese auch bei der Identifizierungskommission des Bundeskriminalamts mit. Bei dem Flugzeugabsturz in Überlingen oder letztes Jahr bei dem Absturz der Ethiopian-Airline-Maschine in Addis Abeba (Äthopien) habe ich bei der Identifizierung der Opfer mitgeholfen. Ich kann den Absturz nicht rückgängig machen, aber ich kann dafür sorgen, dass jede Familie ihren Angehörigen beerdigen kann.

Gibt es Momente in Ihrem Beruf, die Sie verabscheuen?

Wenn ich zu früh aufstehen muss… (lacht).

… was wäre denn zu früh?
Wenn ich morgens um 5 Uhr aufstehen muss, damit ich um 8 Uhr bei Gericht in Heidelberg bin. Alles andere gehört zum Beruf dazu. Das muss man abkönnen.

Hat das, was sie bisher in ihrem Beruf gesehen haben, ihren eigenen Lebensstil beeinflusst - beispielsweise, was den Alkoholkonsum betrifft?

Nö. Da müsste man gerade als Asket leben, wenn man alles beachten würde, was dem Körper schadet. Das bin ich sicherlich nicht.

Her Professor Wehner, herzlichen Dank für das Gespräch.

Bitte.

Das schlimmste, was dem Tübinger Professor Frank Wehner in seiner Laufbahn begegnet ist, ist der Fall des verhungerten Pflegekinds Alexander im Jahr 1997 – ein Fall, der ihn bis heute nicht loslässt. Wehner ist Gerichtsmediziner von Beruf und untersucht Menschen mit der Frage nach einem möglichen Gewaltverbrechen im Gebiet zwischen Heilbronn und Sigmaringen, Freudenstadt bis Münsingen, worunter auch der Rems-Murr-Kreis fällt. An den Tatort wird er selten gerufen, sagt er. Untersucht werden

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