Rems-Murr-Kreis

Gesucht: Ein Alarmmacher für die Box - EM-Stammtisch des Zeitungsverlages Waiblingen, Folge 2

EM Stammtisch der zweite
EM-Stammtisch des ZVW mit Ex-Nationalspieler Hansi Müller (rechts). © Benjamin Büttner

Ob das gegen Frankreich nun ein eher guter und Mut machender Auftritt war oder einer, der die vor Turnierbeginn vorherrschende Skepsis eher bestätigt hat, darüber gehen die Meinungen am EM-Stammtisch des Zeitungsverlags Waiblingen im Schorndorfer Biergarten auseinander. Bestätigt, darüber herrscht weitgehend Einigkeit, hat sich jedenfalls die in der Eingangs-Stammtischrunde geäußerte Befürchtung, dass es dem prominent besetzten deutschen Angriff an Durchschlagskraft fehlt – nicht zuletzt in Ermangelung eines Stoßstürmers beziehungsweise Zielspielers, im konkreten Fall aber auch, weil es wieder einmal an Unterstützung und Geradlinigkeit aus dem deutschen Mittelfeld heraus gefehlt hat.

„Wir haben zu wenig Torchancen erspielt und uns haben die Kreativität und der Mut für Eins-gegen-eins-Situationen gefehlt“, sagt Stammtisch-Stargast Hansi Müller, der zwischen 1975 und 1982 als Mittelfeldstratege 186 Spiele für den VfB absolviert und in dieser Zeit immerhin 65 Tore erzielt hat und der mit der deutschen Nationalmannschaft 1980 Europameister und zwei Jahre später Vizeweltmeister geworden ist. Man müsse, zumal bei so vielen Balleroberungen schon in der französischen Hälfte, auch gegen so einen Gegner fünf oder sechs Chancen herausspielen, die einen Torerfolg möglich machten, sagt Müller, aus dessen Sicht der „Weltklasse-Straßenfußballer“ Sané unbedingt ins Team gehört. „Ich seh’ ihn zwar nicht jeden Tag trainieren, aber ich weiß, was er kann“, sagt der 63-Jährige.

Alle einig: Joshua Kimmich gehört in die Schaltzentrale

Mit am Stammtisch sitzen auch die beiden Landesliga-Trainer Toni Guaggenti (SV Breuningsweiler) und Marius Jurczyk (TSV Schornbach), die beklagen, dass im deutschen Angriff nicht erst bei diesem Turnier ein „Zielspieler“ wie etwa Lewandowski bei den Bayern fehlt, „der weiß, wo das Tor steht“. „Wir haben es in den letzten zehn, 15 Jahren nicht mehr geschafft, einen Stürmer auszupacken, der in der Box Alarm macht“, kritisiert Toni Guaggenti, der feststellt, dass es gegen Frankreich zwar viele Balleroberungen gegeben habe, nach denen aber in aller Regel nicht schnell genug umgeschaltet, sondern zunächst einmal Wert auf Querspielerei und Ballsicherung gelegt worden sei.

Was auch, so Guaggenti, die Frage nach der Aufstellung aufwerfe. Und da sind sich alle einig, dass ein Joshua Kimmich ins Zentrum und nicht auf die rechte Verteidiger-Außenbahn gehört, wo er nicht nur nach Auffassung von Toni Guaggenti „verschenkt“ ist. Weil er im Gegensatz zu Kroos und Gündoğan, die sich in ihrer Spielweise zu ähnlich seien, auch mal in der Lage und bereit sei, den einfachen vertikalen Ball in die Spitze zu spielen. Oder sich, was Marius Jurczyk außer der fehlenden Geradlinigkeit moniert, auch mal einen Abschluss aus der zweiten Reihe zutraut. Hansi Müller zitiert in diesem Zusammenhang den ehemaligen Bundestrainer Helmut Schön: „Die großen Spieler erkennt man daran, dass sie die einfachen Dinge besonders gut machen.“ Oder um es mit Klaus Bihlmaier zu sagen: „Was nutzt mir der viele Ballbesitz. Da vorne steht ein Tor und da muss ich den Ball reinhauen.“

„Scheindominanz“ gegen abgezockte Franzosen

Höchste Zeit, dass der vor Turnierbeginn ebenfalls noch sehr skeptische Dietmar Heinle auf den Plan tritt und die Leistung der deutschen Mannschaft in ein ganz anderes Licht rückt. „Wir haben immerhin gegen den Weltmeister gespielt und waren die klar bessere Mannschaft“, stellt er fest und spricht von einer Leistung, die so wohl niemand erwartet hätte. Am allerwenigsten die Franzosen, die sich nur hinten reingestellt und auf Konter gelauert hätten. „Wenn wir so gespielt und durch ein Eigentor gewonnen hätten, hätten das alle als unverdient bezeichnet“, meint Heinle und erntet viel Widerspruch.

Jürgen Knappenberger spricht von einer deutschen „Scheindominanz“, die, so die Einschätzung von Hansi Müller, die Franzosen, abgezockt und berechnend, wie sie seien, bewusst in Kauf genommen hätten. Axel Schmieg verweist darauf, dass den Franzosen 60 bis 70 Prozent ihres wahren Könnens zum Sieg gereicht hätten. Und Herbert Kiess stellt nicht zum ersten Mal die Frage nach der Qualität (zum Beispiel eines Thomas Müller) und nach der Kompetenz des Bundestrainers, der wieder einmal die falschen Leute habe spielen lassen und viel zu spät ausgewechselt habe. Für Volker Ziesel schließlich ist Löw nur noch eine „lame duck“, also eine lahme Ente, also einer, der es am Ende seiner Amtszeit nicht mehr schafft, ein richtiges Feuer zu entfachen.

„Es reicht nicht, am Schluss zu sagen: Wir haben alles reingehauen“, findet Hansi Müller – weil das eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein müsse. Oder sich, so der Vorwurf von Jürgen Knappenberger, wie ein Toni Kroos nach dem Spiel hinzustellen und zu behaupten, man habe fast alles richtig gemacht und sich wenig vorzuwerfen. Allenfalls, dass trotz guter Chancen kein Tor gefallen sei. Dietmar Heinle ficht das alles nicht an. Seine kühne und von Werner Böck unterstützte Prognose: „Wir spielen bei dieser EM noch einmal gegen Frankreich – und dann schlagen wir sie.“

Zwei mögliche Szenarien für das Spiel gegen Portugal

Zunächst einmal freilich geht’s gegen Portugal, und da gibt es nach Einschätzung der Stammtischrunde zwei mögliche Szenarien: Entweder die Portugiesen spielen wie die Franzosen, weil ihnen ein Punkt selbst bei einer abschließenden Niederlage gegen Frankreich fürs Weiterkommen reichen dürfte, oder aber sie spielen mit und lassen sich mehr oder weniger auf einen offen Schlagabtausch ein, was der deutschen Mannschaft entgegenkommen dürfte.

Letzteres erwartet neben Dietmar Heinle („Die Portugiesen werden nach vorne spielen, und da sind wir klar besser“) auch Marius Jurczyk. „Das wird ein komplett anderes Spiel, in dem wir mehr Räume bekommen werden“, vermutet er und würde sich wünschen, dass die Mittelfeldzentrale diesmal mit Kimmich und Goretzka besetzt und Havertz als klarer Zielspieler im Sturmzentrum aufgeboten wird. Und auch einen Sané könnte sich Jurczyk in der Startformation gut vorstellen. Das aber würde heißen, dass der Bundestrainer einen Kroos oder einen Gündoğan oder beide und möglicherweise auch einen Thomas Müller draußen lassen müsste, woran aber niemand so recht glauben mag.

Jürgen Knappenberger nicht, weil Joachim Löw einer sei, der bestimmten Spielern vertraue und taktische und personelle Änderungen scheue, und auch Toni Guaggenti nicht, der ungeachtet dessen, dass auch er sich ein anderes Mittelfeld und einen anderen Zielspieler wie etwa Kevin Volland vorstellen könnte, weiß, dass ein Trainer erfahrungsgemäß nicht gleich alles über den Haufen wirft, nur weil seine Philosophie zumindest ergebnistechnisch nicht gleich aufgegangen ist. „Was für eine Philosophie?“, fragt Volker Ziesel. Woraufhin Toni Guaggenti zu bedenken gibt, dass große Trainer ein allerdings über Jahre gewachsenes System (wie etwa das der Franzosen) spielen lassen, während Klaus Bihlmaier von einem guten Trainer erwartet, dass er eine Mannschaft in die Lage versetzt, verschiedene Systeme zu spielen. Also, bezogen aufs Frankreich-Spiel, nicht nur auf Ballbesitz und optische Dominanz zu setzen, sondern den Gegner auch mal zu locken.

Hansi Müller warnt vor einer sehr gefährlichen Ausgangssituation

Auch den Deutschen würde gegen Portugal wohl ein Unentschieden reichen – einen Sieg gegen Ungarn im letzten Gruppenspiel vorausgesetzt, wobei so eine Rechnung bei der 2018er-WM in Russland mit der Niederlage gegen Südkorea im letzten Gruppenspiel schon einmal nicht aufgegangen ist. Entsprechend sieht Hansi Müller die Portugiesen, die die drei Punkte gegen Ungarn schon auf dem Konto haben, psychologisch im Vorteil und warnt vor einer „sehr gefährlichen Ausgangssituation“. „Ich würd’ einfach frecher spielen und mutiger aufstellen“, ist seine Erwartung für das vorentscheidende Gruppenspiel am Samstag.

Aber für den Fall, dass es wieder knapp schiefgehen sollte, hat Müller noch einen Trost parat: Er erinnert an die Portugiesen, die 2016 mit drei Unentschieden (gegen Island, Österreich und Ungarn!) und damit auch mit nur drei Punkten weitergekommen und anschließend Europameister geworden sind. „Es wird eine enge Kiste“, sagt Hansi Müller mit Blick auf das Portugal-Spiel und wird von Jürgen Knappenberger mit der Frage konfrontiert, warum der Bundestrainer, der in seinem letzten Turnier doch nichts mehr zu verlieren habe, nicht mutiger agiert. „Wir sind alle zu weit weg von der Mannschaft, aber wenn man so viele gute Fußballer hat wie wir, müsste eigentlich mehr zu erwarten sein“, meint der 42-fache ehemalige Nationalspieler. Gut wär’s – auch für die Stimmung im Biergarten, die, wie Mitbetreiber Volker Ziesel festgestellt hat, beim Frankreich-Spiel noch relativ emotionslos war.

Ob das gegen Frankreich nun ein eher guter und Mut machender Auftritt war oder einer, der die vor Turnierbeginn vorherrschende Skepsis eher bestätigt hat, darüber gehen die Meinungen am EM-Stammtisch des Zeitungsverlags Waiblingen im Schorndorfer Biergarten auseinander. Bestätigt, darüber herrscht weitgehend Einigkeit, hat sich jedenfalls die in der Eingangs-Stammtischrunde geäußerte Befürchtung, dass es dem prominent besetzten deutschen Angriff an Durchschlagskraft fehlt – nicht zuletzt in

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